Review

Das Leben hat keinen Plan

"Der schlimmste Mensch der Welt" folgt der ca. dreißigjährigen, eigentlich selbstbewussten und recht freidenkenden Julie in Oslo durch Phasen der (scheiternden) Beziehungen und Selbstfindung, der geplatzten Träume und aufkeimenden Hoffnung, Parties und Panties, durch Sex und Scheidewege - eine verspätete Coming-of-Age-Variation? Nein, viel mehr als das. Viel existenzieller und ehrlicher.

Wer bin ich? Und wen will ich den Rest meines Lebens ficken?

Für und über Teenager mit ungewissem Lebensträumen gibt's viele Filme. Über Midlifekrisen oder gar den lebenstechnischen Spätherbst ebenso. Aber was ist, wenn man mit um die 30 immer noch nicht in die Klischees, den Standard, die Erwartungen und "ach so sichere" Gesellschaft passt? Wenn man immer noch nicht weiß wohin? Und mit wem? Was macht einen wirklich glücklich? Wie haben sich Dreißigjährige über die Generationen verändert? Was beschäftigen uns für Probleme, Gedanken, Belastungen? Was ist uns wichtig im Leben? All solche Dinge spricht "Der schlimmste Mensch der Welt" an. Auf sehr weibliche, authentische und mutige Weise. Frische Gesichter, nordische Unterkühltheit unter der aber doch spürbar enorme Emotionen brodeln, existenzielle Ängste und tiefe Unsicherheiten, lyrische Verspieltheit und offene Sexualität. Dazu ein klasse Soundtrack und trotz arthousiger Ansätze null Leerlauf, Langeweile oder Langsamkeit. "Der schlimmste Mensch der Welt" ist ein Paradebeispiel wie das funktionieren kann. Feministisch, fatal, frontal, freizügig. Geil und gallig genug. Ein toller Film auch für Beziehungen. Für Singles aber thematisch natürlich fast noch mehr. Therapeutisch, fragil, vehement. Figuren, die es nicht allen beweisen müssen, die nicht den filmischen Schubladen entsprechen, die realer wirken als sehr viel anderes. Keine Angst vor Tabus. Keine Angst vor dem Alleinsein. Hübsch, hässlich, hysterisch. Mit Furunkeln und Feten, mit Augenzwinkern und Ernsthaftigkeit, mit Pickeln und ohne Parolen. Nicht nur gut zu Vögeln. Von Arschlöchern und Antihaltung. Geht dahin, wo es wehtun kann. Sowas kann momentan und schon seit langer Zeit nicht in dieser Drastik aus Hollywood kommen. Ein ganz starkes Teil!

Lost and (not yet) Found

Fazit: eine der unterhaltsamsten und geheimtippigsten Produktionen des Jahrzehnts aus Europa. Ehrlich, attraktiv, sexy, teils dreckig, oft weise, auch schmerzhaft. Einer der ultimativen Filme für die Generation, die jetzt zwischen 25 und 35 ist. Wie ich. Zwischen Allen und Waller-Bridge, zwischen Bergmann und Baumbach. Europäisch, entlarvend und ehrlich. Toll!

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