Wenn es einen Film gibt, der zwar von der Kritik verbeult wurde, auf den sich aber trotzdem fast sämtliche Genrefans als Fan oder als unterhalten fühlende Mehrheit einigen konnten, dann war es sicherlich "The Butterfly Effect". Das ist insofern überraschender, als daß der Film genüßlich das ausschlachtet, was allgemein als platteste Kolportage propagiert wurde, ein filmgewordenes "Murphy's Law", angereichert mit etwas realitätsverändernder Zeitreisethematik, Teenagern und Jungerwachsenen als Figuren und Zielgruppe und dem Verzicht jeglicher verständlicher Erklärungen. Der Film lebt schlicht und ergreifend von seiner Unerklärbarkeit, suhlt sich eine Runde darin und startet dann wie eine Rakete in immer neue Unwahrscheinlichkeiten, was perverserweise einen Hauptteil seines Reizes ausmacht.
Was da so ansprechend wirkt, ist eine perfide Stapelung der "teenage angst", die alles aufhäuft, was den jungen Menschen in Sachen "Schicksal eines Heranwachsenden" so fasziniert, um die eigenen und kleineren Problemchen besser in den Griff zu bekommen.
Unsere "Helden", ein Quartett im besten Jugendfilmstil, sind der vaterlose Evan (sein Erzeuger sitzt in der Klapse), dem ständig alles Mögliche und Unmögliche zustößt (wofür zum Teil seine Freunde verantwortlich sind), vor dem ihn aber seine Blackouts zumindest bedingt schützen - zumindest schränken sie seine schlimmen Erinnerungen ein. Dann haben wir den scheinbaren "love interest" Kayleigh, die gemeinsam mit ihrem Bruder Tommy von ihrem perversen und pädophilen Vater mißbraucht werden. Das führt dazu, daß sich Tommy in einen gewaltbereiten und psychopathischen Sadisten verwandelt, worunter u.a. auch der moppelige und psychisch labile Lenny als Vierter im Team leidet. Zu den weiteren Horrorerlebnissen des Quartetts kommt noch ein mörderisch mißlungener Scherz mit einem großen Knallkörper in einem Briefkasten und der Versuch, einen Hund zu verbrennen, hinzu - allesamt also traumatische Erlebnisse, die einen für den Rest des Lebens schädigen.
Das Regisseur-cum-Autorenduo Bress und Gruber setzt dabei schon auf den ganz großen und dicken Pferdehaarpinsel, hier wird nicht geklotzt oder gekleckert, hier fliegt die Scheiße gleich hektoliterweise in den Ventilator, das ganze Konstrukt gleicht einem infernalischen Destillat all jener furchtbaren Reality-TV-Sendungen, in denen sozial schwache oder ungebildete Mitbürger zum Zwecke der Unterhaltung mit all ihren Schwächen und Fehlern zum Vergnügen der Welt vorgeführt werden, weil man sich als denkender Mensch ja besser fühlt, wenn man weiß, daß es solche "Deppen" zuhauf im Lande gibt.
Natürlich ist diese Kombination schlicht unglaubwürdig, aber sie bietet nur die Basis für die noch kommenden Attraktionen.
Denn Evan verwandelt sich nach einem internen Zeitsprung (ein normaler) von sieben Jahren in einen zotteligen Ashton Kutcher, der als Psychologiemusterstudent solide ALLES aus seiner Kindheit vergessen hat (und allein diese Kombi zieht einem an Unwahrscheinlichkeit die Schuhe aus).
Es ist zwar wahr, daß bei allem darstellerischen Unvermögen Kutchers "Butterfly Effect" als sein einzig passabler Film gilt, aber den gequälten Hänger, der von den neuen Realitäten immer wieder schmerzhaft überrollt wird, hätte auch ein Zigarettenautomat gut gespielt. Kutchers Evan ist also nun Musterstudent, teilt seine Bude mit einem überfetten Gothic, der alles nagelt, was nicht bei drei auf dem Baum ist (klar glaube ich sowas sofort) und schlägt nach Jahren dann mal wieder seine Tagebücher auf, was bei der Lektüre zur Folge hat, daß er sich nicht nur an die pösen Vorgänge erinnert, sondern auch in der Zeit zurückreist, um während seiner Blackouts eben alles Geschehene zu verändern.
So entwickelt sich ein wunderbares Was-wäre-wenn-Szenario, das ähnliche Schoten aus der "Ist-das-Leben-nicht-schön"-Liga mit Doc Martins zu Brei tritt. Denn immer wenn er irgendwo mal Harmonie und ein glückliches Leben ausgelöst hat (allerdings stellt sich seine Existenz als angesehener Musterschüler auch eher als mentaler Horror heraus), geht bei irgendeinem anderen aus seinem Ex-Freundeskreis die Existenz in den Arsch. Und wer hat Schuld? Natürlich immer Evan, der in immer schlimmeren Schwierigkeiten steckt und ständig in neuen Realitäten seine Tagebücher suchen muß, damit er weiterreisen darf, allerdings mit dem kleinen Problem, das die Erinnerungen an die vielen neuen Leben, die er im Schnelldurchlauf gelebt hat, den Speicherplatz in seiner Fontanelle sprengen.
So wird die zweite Hälfte zu einem grellen Höllentrip durch all die Abgründe, vor denen Mutti uns sonst immer schon im Kindergarten gewarnt hat: Psychoklinik, Mord, Knast und die Möglichkeit, einem kahlrasierten Neonazi die Nudel kauen zu müssen verdichten sich zu einem effektiven Bildzeitungskonglomerat plakativen Realitätshorrors, wie es sich keine Realityshow jemals ausdenken kann. Der denkende Mensch hat dabei nur die Möglichkeit, die Rauhfasertapete von der Wand zu kauen (vor allem wenn man bedenkt, wie viele Leute den Film "echt hammer" fanden) oder in der Zwangsjacke vor Lachen kreischend durch die Wohnung zu hüpfen, weil sich ein Gehirn soviel platten Quatsch kaum ausdenken kann (es waren ja dann auch zwei Autoren).
"Butterfly Effect" ist der pure Klischeeabschaum, total berechnend und gerade deswegen so erfolgreich - und zugegeben enorm unterhaltsam. Teilweise muß man das Teenagerschicksal schon als Frontalsatire per Panzerfaust genießen, sonst geht diese visuelle Überdosis voll in die Hose. Solange man das allerdings unter Kontrolle hält, kann man eine enorm gute Zeit haben, denn so unterhaltsam war "nein, das glaub ich jetzt nicht" schon lange mehr aufbereitet in den Kinos unterwegs, knackebunt, ohne große Pausen oder Brüche, ohne Not, ohne Erklärungen, ohne Sinn und Verstand einmal durch die sieben Kreise der sozialen Hölle. Und wenn dann die Freundin "DSDS" oder "Popstars" sehen will und im Büro mal wieder über "Britt", "Stern-TV" und Boulevardmagazine geredet wird, dann kann man den Film auch homöopathische Medizin gegen zuviel Realitätsbullshit verstehen. (7/10)