Review

Ich persönlich sehe mir gerne Filme mit einer klassischen „Underdog”-Story an – man fiebert und leidet mit dem tragischen Helden, immer in der Hoffung, er möge sich am Ende gegen die unterdrückende Person oder Umgebung durchsetzen. Unabhängig vom jeweiligen Ausgang bieten derartige Geschichten, mitsamt ihrer bewussten Sympathie- und Identifikationssteuerung, oft gute (sowie nicht selten ergreifende) Unterhaltung. Ein klassischer Vertreter dieser Genregattung ist sicherlich die Verliererballade – und wo besser könnte man eine solche erzählen, als in Las Vegas, der glitzernden Stadt der zumeist hoffnungslosen Träumer…

Bernie Lootz (William H.Macy) ist der „Cooler“ des traditionsreichen „Shangri La“-Casinos in Vegas – ein professioneller Unglücksbringer, in dessen Nähe selbst der erfolgreichste Spieler-Glückspilz seinen Lauf und somit auch den Gewinn verliert. Besser als Bernie ist keiner, doch in sieben Tagen will er aussteigen und die Stadt ein für alle Mal verlassen – dann nämlich hat er endlich seine Schulden beim Geschäftsführer Shelly Kaplow (Alec Baldwin) abgearbeitet. Letzterer führt das Casino im altmodischen Stil und verweigert sich konsequent dem eher „Disneyland“-orientierten Unterhaltungstrend anderer Spielstätten. Da die eigentlichen Besitzer und Hintermänner des Shangri Las jedoch größeres Profitpotential in Veränderungen sehen, gerät Shelly von ihnen zunehmend unter Druck.
Gerade in diesen kritischen Tagen lernt Bernie die Kellnerin Natalie (Maria Bello) besser kennen, die ihm nach und nach auch die positiven Seiten des Lebens aufzeigt. Als sie ihm schließlich gar ihre Liebe gesteht, verlässt Bernie augenblicklich sein Unglück und wandelt sich ins Gegenteil: Seine bloße Anwesenheit versprüht nun förmlich eine Aura des Glücks, was sich auch auf die Spielergäste abfärbt und dem Casino letztendlich viel Geld kostet.
Als Shelly wenig später Bernies Sohn Mickey (Shawn Hatosy) sowie dessen schwangere Frau Charlene (Estella Warren) beim Falschspielen erwischt, zertrümmert er diesem kaltblütig die Kniescheibe und versucht Bernie mit dessen Schulden weiter an sich binden. Um die Glücksträhne endgültig zu beenden, schreckt er auch nicht davor zurück, Natalie gegenüber handgreiflich zu werden – da überwindet der ehemalige Cooler seine Passivität, sucht die Konfrontation mit seinem Chef und setzt alles auf eine Karte…

Filme übers Glücksspiel haben mich (mit Ausnahme von „Casino“) noch nie wirklich überzeugen können, da mich die Materie einfach nicht besonders interessiert (was mir letztens bei „Shade“ ebenfalls wieder in den Sinn gerufen wurde). Zum Glück geht es hier aber nur am Rande ums Zocken, welches vielmehr als Metapher fürs Leben zu sehen ist. Es geht um Einsamkeit, Selbstvertrauen, Liebe, Hass und Gewalt – letztere entwickelt sich zudem aus der Verzweifelung gegenüber Veränderungen heraus. Die Brutalität, insbesondere von Shelly, dient der Übertünchung der eigenen Unsicherheit und entwickelt sich aus der Angst, die Kontrolle verlieren zu können. Aus diesem Grund zerschmettert er auch Mickeys Knie, und zwar auf genau derselben Art und Weise, wie er es Jahre zuvor bei dessen Vater getan hat. Diese Gewalt wird hart, direkt und schmerzhaft dargestellt, was zu intensiven Momenten führt – etwa als sich Natalie weigert, die Stadt und Bernie zu verlassen, oder sich letzterer Shelly auf dem Dach des Casinos stellt.

Die Inszenierung von Regisseur Wayne Kramer ist routiniert und leichtfüßig. Er verlässt sich nicht auf Blendwerk oder technische Spielereien, sondern bemüht sich um Realismus. Zwar gibt es in einer Sequenz eine „CGI“-Röntgenaufnahme, doch da es sich dabei um eine Schlüsselszene handelt, kann man diesen Stilbruch (trotz des Auffallens) verzeihen. Um die Liebe zwischen Bernie und Natalie zu verbildlichen, hat man zudem einige offenherzige Sexszenen eingebaut, welche im Endeffekt gar nicht nötig gewesen wären. Nicht, dass ich etwas an erotischen Szenen auszusetzen hätte, doch hier wirkten sie teilweise etwas deplaziert und vermittelten eher Begierde als zärtliche Liebe (was besser zur Charakterentwicklung gepasst hätte).

Der Trumpf des Films ist aber zweifelsohne seine Besetzung: William H.Macy (“Spartan“/“Cellular“) verkörpert Bernie Lootz mit viel Gefühl, Wehmut und trockenem Witz. Man nimmt es ihm in jeder Sekunde ab, dass sich seine Figur gar selbst die Schuld dafür gibt, dass Shelly ihm damals das Knie zertrümmert hat. Macy ist dafür bekannt, Verlierertypen besonders gut darzustellen (siehe „Fargo“), weshalb er als „König der Verlierer“ goldrichtig gecastet wurde. Ihm gegenüber steht Alec Baldwin, der den Oscar für die Rolle eigentlich verdient hätte. Nach seiner Flop-geplagten Zeit als Hauptdarsteller in den 90ern (“the Shadow“/“Heavens Prisoners“), hat er sich inzwischen als hervorragender Nebendarsteller (wie in „Aviator“) die verdiente Anerkennung zurück gewonnen und bietet hier eine der besten Leistungen seiner Karriere. Maria Bello (“Secret Window“/“Assault on Pre.13“) beweist einmal mehr ihr Talent in dramatischen Rollen, Shawn Hatosy („Freddy vs.Jason“) spielt gut, Estella Warren (“Driven“/“Pursued“) überrascht mit einem starken Auftritt und Altstar Paul Sorvino („Money Talks“) reißt seine wenigen Szenen als drogenabhängiger Sänger locker an sich. Einzig „N´Sync“-Mitglied Joey Fatone fiel mir negativ auf – was aber (zugegeben) eher an seiner Person als an der Vorstellung lag. Die Besetzung ist also das Herzstück des Films, ohne die er im Endeffekt kaum der Rede wert wäre.

Der Abspann liefert dann noch den realen Beweis für das Verschwinden des „alten und traditionsreichen Vegas“ zugunsten der modernen Kommerztempel: Er zeigt Aufnahmen der Abrißsprengungen einiger der berühmtesten Casinos der Stadt (dem „Aladdin“, „Sands“, „Landmark“ und „Dunes“). Kleine Notiz am Rande: Mit Ausnahme der Luftbilder fanden die Dreharbeiten komplett in Reno (Nevada) statt.

Warum also hat mich der Film nicht vollkommen überzeugen können? Da wären die oben genannten Stilbrüche, die nur bedingt ausgefeilte Handlung sowie kleine dramaturgische Schwächen. Die erste Hälfte bemüht sich, die fast übernatürliche Eigenschaft von Bernie (sein ansteckendes Unglück) realistisch und glaubwürdig im Kontext zu präsentieren, was auch gelingt – bis hin zu dem Punkt, an dem sich sein Blatt wendet und er Erfolg zu versprühen beginnt. Dann nämlich entsteht ein aufgesetzt wirkender Eindruck, welcher die tragische Prämisse einer (so dargestellt) möglichen „wahren Geschichte“ zerstört. Am Ende verlässt sich Bernie selbst auf „Lady Luck“ im Spiel, um dann im Leben per Zufall jenes behalten zu dürfen. Gerade im letzten Drittel haben die Drehbuchautoren ihr bis dato konstantes qualitatives Level nicht mehr halten können – was schade ist, denn eine eigentlich interessante und tiefgehende Figur wie „Bernie Lootz“ sieht man heutzutage selten in Filmen.

Fazit: „the Cooler“ ist ein in der ersten Hälfte hervorragend geschriebenes Drama, welches gegen Ende zunehmend an Kraft verliert. Alle beteiligten Schauspieler agieren jedoch absolut großartig, weshalb ihnen die größte Anerkennung des Films gebührt … 6 von 10.

Details
Ähnliche Filme