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Besondere Konstrukte verdienen auch mal besondere Erwähnung – und da der Streamingdienst Netflix die Vermarktung der schon vor der Pandemie fast vollkommen abgedrehten „Fear Street“-Trilogie als Sommerevent übernommen hat, sollte man über das Projekt ein paar Worte verlieren.
Normalerweise werden Trilogien ja eher mit angemessenen Abständen einzeln ausgewertet, damit sie sich auch auf allen Medien lohnenswert verkaufen, doch hier sah man offenbar die Chance, das Publikum maximal zu binden und startete die drei Filme serienaffin mit einem Film pro Woche, damit die immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen der Streamingnutzer passabel geködert werden konnten.

„Fear Street“ basiert – lose – auf der namensgleichen Buchserie für Jugendliche und YA’s von R.L.Stine, dem Autor der ebenso berühmten „Gänsehaut“(„Goosebumps“)-Bücher. Die Bücher handelten von einer verfluchten Straße in der Kleinstadt Shadyside, deren Bewohner immer wieder in schlimme bzw. sogar übernatürliche Geschichten verwickelt wurden, wobei allerdings im Gegensatz zu „Gänsehaut“ viele der FS-Bücher eher sogenannte „Murder Mysteries“ waren, die ohne übernatürliche Elemente auskamen. Stine schrieb die Serie offiziell von 1989 bis 1999 und ließ sie später noch einmal wiederaufleben, wobei in zahlreichen Neben- und Schwesterserien auch die Gruselelemente stärker betont wurden.

Bei der Filmtrilogie geht es aber in Sachen „Übernatürliches“ komplett in die Vollen und abgesehen vom Setting „Shadyside“ ist nur bedingt etwas von den Vorlagen übrig geblieben, allerdings fokussieren auch die Filme auf das fortgesetze Teenageralter, wobei der Härtegrad in den Filmen den Trend für die Altersgruppe allerdings manchmal stark übertrifft.

Die Basis bildet aber auch hier ein Fluch, der aber die gesamte Ortschaft Shadyside trifft, einen Ort, an dem es immer wieder zu furchtbaren Verbrechen oder Mordserien kommt, während in der Nachbarstadt Sunnyvale alles so heiter abläuft, dass wirklich noch niemand jemals ein Verbrechen begangen hat. Die Einwohner Shadysides sind sich der Situation bewusst, wenn auch nicht alle an den Fluch glauben, müssen sich aber in regelmäßigen Abständen mit Massakern arrangieren. Eins davon findet gleich zu Beginn des ersten Films in einer Mall statt, als ein maskierter Attentäter die Feierabendbesetzung mittels Messer abschlachtet. Diese an die „Scream“-Serie gemahnende Suspense-Sequenz setzt auch den Ton für den ganzen Film, der in der entsprechenden Dekade, den 90er Jahren, exakt im Jahr 1994 spielt.

Das passt einerseits zur Buchserie, bietet außerdem die Möglichkeit, die Kommunikation der Figuren mangels Mobiltelefonen und Internet entsprechend einzuschränken und die Spannung so etwas einfach hochregeln lassen, ein Plot-Device-Problem, mit dem viele Horrorfilmmacher heutzutage zu kämpfen haben.

Ansonsten geht es im Film neben der Abarbeitung des vermeintlichen Hexenfluchs der Sarah Fier, der auf der Stadt lastet, hauptsächlich um eine in die Krise geratene Liebesbeziehung zwischen Deena und Sam, wobei – und hier schlägt die Trilogie den Bogen in die narrative Moderne – auch „Sam“ in diesem Fall ein Mädchen ist, welches nicht nur die Beziehung zu Beginn beendet hat, sondern auch die Stadt und das bevorzugte Geschlecht gewechselt hat – also praktisch der maximale Vertrauensbruch.

Bei der sonst aber sehr gewöhnlichen Aufarbeitung einer solchen Kontroverse bei gleichzeitiger Stadt- und Schulrivalität kommt es zu dem unglücklichen Zufall, dass Sams Blut nach einem Autounfall auf das Grab der Hexe tropft und fortan dann alle möglichen Übeltäter durch die Gegend schleichen und Bedrohliches produzieren – welche sich nach und nach als die Mörder und Attentäter der vergangenen Jahrzehnte erweisen. Die sind natürlich nicht so einfach aufzuhalten, selbst wenn man, wie Deenas gewitzter jüngerer Bruder, schon computer- und internetaffin ist und die Infos über das Böse nicht komplett in alten Büchern sucht.

Das alles hat das Potential eines hübschen Potboilers, der die Bedrohung der Protagonisten bis zum Finale auf die Spitze treibt, aber es wird so fleißig und herbe gemeuchlt an Anfang und Mitte, dass der Film zum Ende hin leider an Druck verliert und repetitiv zu wirken beginnt. Alles reduziert sich am Ende zu stark auf eine kleine Gruppe von Figuren, von der man sich schließlich dann in einer Art widerwilligen Handstreich noch zweier wie nebensächlich entledigt, um schließlich den Weg in die Vergangenheit zu öffnen, indem man die Suche nach der Hexe und ihren Überresten auf Überlebende aus der Vergangenheit verlagert – ein hübscher Cliffhanger in bester TV-Tradition.

Die Zutaten dieses (zunehmend übernatürlichen) Slashers sind durchaus qualitativ hochwertig, die Kamera leistet Großes, die Farbgebung ist prachtvoll, die Darsteller sind motiviert und gut gewählt, der Härtegrad überraschend hoch angelegt, wenn auch die Protagonisten mehr in die Richtung kurz vor Volljährigkeit angelegt sind.
Dennoch fügt sich nicht alles perfekt ins Geschehen ein. Der moderne Diversity-Effekt wird wirklich extrem offensiv in den Vordergrund geschoben: die Protagonisten schwarz, das Liebespaar modern gemixt und rein weiblich, die weiblichen Figuren dominanter, die männlichen ineffektiver, die Eltern praktisch kaum vorhanden. Das sind und sollten keine Tabubrüche mehr sein, sondern Normalität und Alltag, allerdings wirkt das im Jahr 1994, kommentarlos präsentiert, irgendwie seltsam in die vorgegebene Form gepresst, ohne zum Zeitkolorit zu passen. (Ähnliches thematisierte auch die Miniserie „Hollywood“, die eine fiktive Rassismus-Überwindung in den 40ern erzählte, den es eben historisch nie gegeben hatte.)

Auch scheint man die zeitliche Verortung im Jahr 1994 als Anstoß genommen zu haben, um den Soundtrack und den Film mit Best-of-Clips diverser Klassiker der Independent- und Grunge-Ära vollzukleistern, damit auch ja keiner vergisst, wo und wann wir uns befinden. Dazu noch einige – und relativ misslungene – Einschübe rund um den Beginn des Internetzeitalters, so dass sich auch der letzte „digital native“ nicht mehr laut fragen muss, warum denn da niemand nicht sein Smartphone benutzt.

Das alles kann man als In-Jokes genießen, man kann sich aber auch unwohl fühlen, weil es alles offensichtlich absichtsvoll als Retro-Element dem Publikum aufgedrängt wird – noch dazu offenbar von Leuten, die nur bedingt das richtige Einfühlungsvermögen für das Zeitkolorit hatten.

Nach einem überlangen Finale mit zwei – wie mir scheint eher das Publikum brüskierenden – Todesfällen, kassiert man dann den notwendigen Besessenheitscliffhanger, um zum mittleren Teil der Trilogie überzuleiten. Das macht dann Hoffnung auf Besseres, denn weder schaffen es die Fear-Street-Macher das „tongue-in-cheek“-Feeling etwa von „Scream“ zu produzieren, sondern verheddern sich in zu vielen Stilelementen zwischen Slasher, Horror und moderner Post-Buffy-TV-Ästhetik. Das Ergebnis ist – leicht – anbiedernde Konfektionsware, quietschbunt, aber eigentlich wirklich nur mit einer Überdosis Bubble Tea zu genießen. Die Kritiken sahen die Trilogie dennoch größtenteils positiv, das Publikum wars zufrieden, allein akzeptiert man eine cineastische Version aus einer Epoche oder Dekade leichter, wenn man eben nicht direkt dabei war.
Immerhin: danach wurde es besser. (5,5/10)

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