Man sollte dem Kolportage-Roman nicht grundsätzlich negativ gegenüber stehen. Der heute von Kennern hoch geschätzte Karl May veröffentlichte seine Abenteuer unter anderem auf diesem Wege und in Fällen wie Es muß nicht immer Kaviar sein kam immerhin eine leidlich gute Umsetzung auf die Leinwände. Liane – Das Mädchen aus dem Urwald basiert nun auf einem Bildzeitungsroman von Anne Day-Helveg, ist vor allem jedoch wegen seines Grenzgangs entlang des Jugendschutzes heute noch ein Begriff. Wieviel Deutschploitation steckt nun in diesem Abenteuerfilm?
Zunächst fällt die klare Struktur auf, mit der die weiße Afrika-Expedition intern nach Nationalitäten getrennt wird. Wer nicht deutsch ist, verrichtet Handlangerdienste, wird gar sklavengleich dazu angetrieben, zwecks Stromversorgung in die Pedale zu treten. Afrikaner sind stammeslebige Eingeborene, die zumeist als exotische Kulisse bei rhythmischen Tanzritualen dienen. Der kolonialistisch geprägte Habitus scheint es ferner zu bedingen, daß die natürliche Barbusigkeit der “Wilden” für die zivilisierte Zensur kein Problem darstellt – eine Routinefunktion im klassischen Dschungel- und Mondofilm.
Liane, der Star des Films, verkörpert von der gerade 16-jährigen Neuentdeckung Marion Michael, ist nun im Busch aufgewachsen, passt sich demzufolge auch authentisch der lokalen Mode an. Nur ihr lediglich mit einem Lendenschurz bekleidetes Auftreten war für die obersten Landesjugendbehörden seinerzeit ein Diskussionsthema. Von einer Reizwirkung der afrikanischen Nuditäten wurde bezeichnenderweise gar nicht ausgegangen. Des weiteren wäre aus heutiger Sicht doch mindestens zu hinterfragen gewesen, wie sinnvoll die intendierte Dschungelhopserei einer halbbekleideten Minderjährigen für die Darstellerin selbst ist.
Wegen Verfahrensmängeln und Neuprüfungen mit unzähligen Freigabebeschlüssen und in verschiedenen Schnittfassungen veröffentlicht, ist mir nicht bekannt, was in der mir vorliegenden, gekürzten DVD-Fassung letztlich fehlt. Allerdings gibt es tatsächlich einen ruppigen Übergang, als sich Marion Michael und Hardy Krüger in einer Baumhütte zurückziehen.
Die ernüchternde Erkenntnis nach dem fragwürdigen Genuß von Liane – Das Mädchen aus dem Urwald ist jedoch, daß eben jene Episode in der Fremde nur eine kurze Einleitung für die Heimreise nach Hamburg darstellt, schließlich muß es dem Film nach ein Unding sein, ein weißes Mädchen bei einem Buschvolke hausen zu lassen. In Hamburg wartet überdies der vermeintliche Großvater der nach Tarzan-Vorbild Verschollenen auf einem Berg voll Geld, um ihn bei Legitimation der Verwandtschaft zu vererben. Es folgen obligatorisch-komödiantische Eskapaden der zivilisationsfremden Dschungelschönheit und durchwachsen spannende Momente mit ihren Beschützern. Wie sich ein um sein Erbe betrogen fühlendes Familienmitglied nun sein Recht zu erschleichen versucht, ist auch in den 50ern ein zur Genüge an jedem Volkstheater behandeltes Sujet.
Um zu der Eingangsfrage zurückzukehren, muß man Liane – Das Mädchen aus dem Urwald wohl mit dieser unbefriedigenden Handlung im Kontrast zu offen gelebtem Chauvinismus und kaum storydienlich freigelegten Leibern als eine nicht unbedingt erquickende Form der Exploitation kategorisieren. Es betrübt zu sehr, daß aus dem Deutschland der Nachkriegszeit noch so unverhohlen gelebtes Gedankengut ausgerechnet an den deutlich auf sexuelle Erregung spekulierenden Kontext geknüpft wird. Da muß man es schon als Glücksfall betrachten, daß die ansonsten dröge Handlung diesen für Deutschland durchaus außergewöhnlichen Film nicht sonderlich attraktiver macht. Hardy Krüger bewertete Liane – Das Mädchen aus dem Urwald als das schlechteste Werk, an dem er gespielt hätte. Damit könnte er recht haben.
Der Erfolg des Films jedoch bescherte Marion Michael einen Siebenjahresvertrag bei Gero Wecker. Es folgten Rollen in Der tolle Bomberg und dem Sequel Liane – Die weiße Sklavin. Während der Dreharbeiten zu Bomben auf Monte Carlo wurde Marion Michael dann in einen schweren Autounfall verwickelt, von dem eine Narbe in ihrem Gesicht zurückblieb. Die Presse prophezeite ein Ende ihrer Karriere. Sie schaffte das Film-Comeback tatsächlich nicht und wendete sich dem Theater und Fernsehen zu. 1975 war sie in vier Folgen der NDR-Serie Emm wie Meikel zu sehen. Im selben Jahr versuchte sie sich an Depressionen leidend das Leben zu nehmen. 1979 siedelte schließlich nach Ost-Berlin um und arbeitete dort bis 1991 als Synchronassistentin. Bis zu ihrem Tode 2007 lebte sie zurückgezogen vom Filmgeschäft an der polnischen Grenze.