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New York im Oktober 1969: Sehr starkes Nordlicht über der Stadt beeinträchtigt den Funkverkehr. Beziehungsweise erweitert ihn, denn durch die Protuberanzen können plötzlich weit voneinander entfernte Orte per Funk Kontakt aufnehmen. Gleichzeitig geht ein Serienmörder um der 3 Krankenschwestern grausam ermordet hat, die sogenannten Nightingale-Morde. In diesem verrückten Herbst stirbt der Feuerwehrmann Frank Sullivan bei einem Einsatz, als er versucht ein Leben zu retten. Er hinterlässt eine trauernde Witwe und den kleinen Jim, dessen größter Wunsch es ist Baseballstar zu werden. Oder Polizist.

New York im Oktober 1999: Sehr starkes Nordlicht über der Stadt stört das Internet zwar überhaupt nicht, schaut aber sehr schön aus. Der Polizist Jim Sullivan trennt sich gerade von seiner Freundin, und auch ansonsten ist das Leben nicht so sonderlich rosig für ihn. Gut dass zumindest seine Mutter für ihn da ist. Der Sohn seines besten Freundes gräbt Franks altes Funkgerät aus, und am Abend empfängt Jim eine Kontaktanfrage. Man unterhält sich ein wenig, ist sich sympathisch, redet über die Baseballsaison des Jahres 1969, und das Gegenüber wundert sich ein wenig über die Kenntnisse Jims über die kommenden (!) Spiele. Nach einigem Hin und Her kommt man darauf, dass hier gerade Vater und Sohn über die Distanz von 30 Jahren miteinander sprechen …

Sie stellen ebenfalls recht schnell fest, dass morgen Franks Todestag ist. Jim dreht völlig am Rad und wirft Frank eine Menge Zeug vor die Füße, bildlich gesprochen, von wegen nicht dem Instinkt folgen und den anderen Weg nehmen und solche Dinge – Und Frank überlebt aufgrund dieses Geredes tatsächlich den Brand am nächsten Tag. Auf Jims Familienfotos der vergangenen 30 Jahre taucht sein Vater auf, in Jims Gedächtnis eine Menge neuer Erinnerungen, und auf seinem Schreibtisch die Akten von 10 toten Krankenschwestern. Und eine davon ist seine Mutter …

Zeitreisegeschichten sind immer so eine Sache. In der Literatur lässt sich meist immer noch irgendein Trick finden die Temporallogik geschickt einzubetten, das Medium Film, vor allem weil es ja meist gewissen kommerziellen Erwägungen folgen muss, ist da ein wenig eingeschränkter, weswegen die Sache mit dem Zeitparadoxon* meist 2 Dinge generiert: Logiklöcher in der Größe des griechischen Staatshaushaltes, und nervenzerfetzende Spannung. THE BUTTERFLY EFFECT ist das Paradebeispiel für einen Film, der sich um Logik einen Scheißdreck kümmert und dabei den (willigen) Zuschauer in einen Mahlstrom der verschiedenen Zeitebenen und unterschiedlich ablaufenden Handlungen reißt. Das Zauberwort heißt “willig“, denn wer mehr Wert auf Logik denn auf Spannung legt, der ist im Zeitreisegenre völlig falsch und kann sich folglich auch nur ärgern.

Und auch FREQUENCY scheißt auf die Logik und kümmert sich stattdessen lieber um den Aufbau der sogenannten Sandwich-Theorie: Hier existieren unendlich viele Zeitebenen parallel, wie die Scheiben eines Sandwiches, und in jeder Zeitebene passiert etwas anderes. Die Unterschiede können marginal sein, sie können riesig sein, und da alle Ebenen gleichzeitig existieren, können auch alle Entscheidungen parallel existieren mitsamt ihren unterschiedlichen Auswirkungen. Spannend wird es dann, wenn die Entscheidung in Ebene x Auswirkungen hat in Ebene y, und genau das passiert in FREQUENCY. Sprich, Frank ritzt im Jahr 1969 Wörter in den Tisch, die gerade dadurch überhaupt erst existieren, und vor Jims Auge wie von Zauberhand entstehen. So ist es in einer Sequenz sogar möglich, Dinge über die Zeit hinweg auszutauschen – Frank findet Beweise für die Identität des Mörders im Jahr 1969 und kann die mittels eines einfachen Tricks nach 1999 schaffen, damit der Mörder dort verhaftet werden kann. Schwachsinnig? Ja, aber in höchstem Maße unterhaltsam!!

Das Verändern der laufenden Realität führt im Film dann dazu, dass Erinnerungen neu geschaffen werden. Frank bleibt am Leben, weswegen er plötzlich auf den alten Fotos auftaucht und auch völlig neue Erinnerungen in Jims Kopf entstehen. Visuell wird das sehr schön umgesetzt als Kaleidoskop bruchstückhafter Bilder die auf Jim einstürmen und ihn völlig verwirren. Dadurch, dass Frank den Brand überlebt, setzt er allerdings auch noch andere Kausalitäten in Gang, weswegen sich die Erinnerungen noch ein paar Mal verändern. Der Kunstgriff ist hier, dass Jim die alten und die neuen Erinnerungen gleichzeitig hat, und somit abschätzen kann was sich verändert hat. So weiß er beispielsweise, dass es immer 3 tote Krankenschwestern gab, während jetzt plötzlich 10 Akten vor ihm liegen. Für seinen Kollegen waren es immer 10 Opfer, und der wundert sich naturgemäß. Wie gesagt, Scheiß auf die Logik, es geht um spannende Unterhaltung!

Highlights zum Mitfiebern gibt es einige, mit spannenden Szenen geizt FREQUENCY nicht. Der Großbrand im Lagerhaus ist hochdramatisch und mit einfachen Mitteln erstklassig umgesetzt, vor allem weil das Begehen von Franks Todestag als Parallelmontage zu seinem Überlebenskampf geschnitten ist. Starke Momente auch wenn Frank 1969 den Mörder verfolgt, weil er ja weiß wer die Opfer sind und wo und wann sie ermordet werden. Steht ja alles in den Akten des Jahres 1999. Dummerweise ist der Killer ziemlich auf Draht und lenkt die Schuld auf Frank, und verdammt noch mal, das ist wirklich mitreißend inszeniert … Der Showdown findet dann wiederum als Parallelmontage auf 2 Zeitebenen gleichzeitig statt, mit zum Teil den gleichen handelnden Personen, und der Kampf im Jahr 1969 beeinflusst, quasi in Echtzeit, den Kampf von 1999. Trotz großer Dynamik verliert man aber nur selten den Überblick, die Schnitttechnik ist nicht hektisch sondern angenehm altmodisch, und trotz Verzicht auf einen Splitscreen (wahrscheinlich wäre das dann doch des Guten zu viel geworden) weiß der Zuschauer immer in welcher Zeit er sich befindet und was da gerade passiert.

Die Hauptdarsteller sind solide: Dennis Quaid ist für die Rolle des Frank geradezu prädestiniert. Er wird als großes Kind beschrieben welches nichts anderes tun möchte als Baseball spielen und Brände löschen, und genauso kommt er rüber. Ein großer freundlicher Teddybär, den man am Liebsten immer bei sich haben möchte. Auch Jim Caviezel gefällt als vom Leben frustrierter Großstadtcop, der seinen über alles geliebten Vater wieder findet in einer Zeit, in der er ihn bitter nötig hat. Und da kommen wir auch zum einzigen Problem das FREQUENCY wirklich hat: Die Tränendrüse. Den hervorragenden Actionsequenzen gegenübergestellt sind nämlich unzählige Herz-Schmerz-Szenen, und die Akteure weinen heftig viel. Oft durchaus nachvollziehbar, aber etwas weniger wäre da mehr gewesen. Und so richtig diese Szenen für die Handlung sind, so überflüssig sind sie leider auch. Der Spannungsaufbau wird dadurch angenehmerweise nicht wirklich beeinflusst, aber die Geduld des Zuschauers wird halt doch ein wenig strapaziert: Booh, jetzt wird erst mal wieder geflennt bevor wieder die Luzy abgeht. Und die letzten 2 Minuten sind wie immer ÜBERFLÜSSIG!!! Ist euch schon mal aufgefallen, dass die allermeisten US-amerikanischen Filme der letzten rund 20 Jahre 2 Minuten zu lang sind? Es können auch mal 3 Minuten sein, aber das zieht sich durch wie Fußpilz. Und wirkt leider auch so …

Weswegen ich auch keine 9 von 10 Goldkettchen vergebe sondern “nur“ 8,5 von 10. Aber ganz ehrlich, das ist Jammern auf hohem Niveau. Der Zeitgeist der ’69-er Szenen ist gut getroffen, die gesamte Inszenierung ist grundsolide und beschränkt sich auf das spannende Erzählen einer wilden Geschichte, und der geneigte Zuschauer wird schlicht und ergreifend hervorragend unterhalten. Aber ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass ein gewisses Faible für Zeitreise- und Parallelweltstories vorhanden sein sollte.

* Aus Gründen der Vollständigkeit ein paar Worte zum Zeitparadoxon: Ich reise in die Zeit zurück und töte meinen Vater, bevor er mich gezeugt hat. Also kann ich nicht zurückreisen, weil ich nie gezeugt wurde. Wenn ich aber nicht zurückreisen kann, kann ich meinen Vater auch nicht töten und werde gezeugt …

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