Für unbelehrbare Pessimisten und Weltuntergangsjünger war der 31.12.1999 jener Tag, der die Angst vorm Supergau schürte. Vereinzelte Individuen drehten tatsächlich ein wenig durch, was dem polnischen Regiedebütanten Jakub Piatek genug Anlass gab, daraus ein Geiseldrama zu basteln.
Warschau: Der Milleniumswechsel steht unmittelbar bevor und Moderatorin Mira soll zur Aufzeichnung der letzten Gameshow antreten, als ein junger Mann mit vorgehaltener Waffe mit einem Sicherheitsbeamten ins Studio eindringt. Während ein Großteil der Crew fluchtartig verschwindet und wenig später ein Einsatzkommando der Polizei anrückt, hält Geiselnehmer Sebastian seine Opfer in Schach und er überlegt, seinen Live-Auftritt effektiv zu gestalten…
Die Prämisse klingt für all jene verlockend, die auf Thrill, Geiseldrama und Psychospielchen auf engem Raum ansprechen, denn die Sets des einfach gestalteten Studios und des angrenzenden Regieraums werden nur selten verlassen. Somit erinnert die Herangehensweise nicht selten an eine Theater-Adaption, welche nur selten von eingeblendeten TV-Ausschnitten parallel laufender Sender unterbrochen wird. Die eigentlich feierliche Stimmung wird regelmäßig von TV-Interviews kontrastiert, in der sich etwa Jugendliche über ihre Zukunftsperspektive äußern. Bezeichnenderweise wollen zwei von vier Jugendliche in absehbarer Zeit nach Deutschland umsiedeln.
Über Sebastians Motive erfährt man indes kaum etwas, die Behauptung, beim Supertalent abgeblitzt zu sein, erscheint kaum seriös, kann aber hinsichtlich des Themas Medienpräsenz durchaus als deutliches Augenzwinkern verstanden werden. Zwar wirkt der junge Mann anfangs überaus nervös und scheinbar von der Situation überfordert, was auf eine eher spontane Aktion hinweisen würde, dennoch scheint er ein tieferes Anliegen zu haben, denn die in regelmäßigen Abständen gezückten, handschriftlich verfassten Zettel deuten klar darauf hin.
Nur leider schwingt dem Typen kaum etwas Dringliches mit. Er fuchtelt zwar hier und da mit der Waffe herum und später behauptet er, eine Bombe im nie geöffneten Rucksack zu haben, doch seine Aktionen verweisen nie auf garstige Absichten. Eher wirkt er zuweilen etwas hilflos, wodurch ein Minimum an Empathie gegeben ist, während sich die zickige Moderatorin aufgrund egoistischer Einzelaktionen recht früh ins moralische Abseits befördert.
Die Aktionen der Polizei und des zuständigen Einsatzleiters kommen nicht selten irrational rüber, denn sonst lässt sich kaum erklären, warum der entfremdete Vater des Täters herbeigezogen wird, welcher im Verlauf zusätzlichen Druck ausübt. Wobei jenes verbale Aufeinandertreffen immerhin ein wenig Background des Geiselnehmers offenbart. Denn, soviel sei verraten, die finale Pointe könnte kaum unbefriedigender ausfallen.
Daran ändern auch die recht versierten Mimen um Hauptdarsteller Bartosz Bielenia als beinahe bemitleidenswerten Täter nicht viel, sie können jedoch kurzfristig über einige dramaturgische Schwächen hinwegtäuschen. Handwerklich ist das auf einfachem Niveau ganz solide gelöst, nur hätte man sich unterm Strich mehr Thrill, Derbheit und vor allem etwas mehr Background gewünscht. Denn über harmlose Andeutungen kommt der Stoff selten hinaus und liefert hinsichtlich der einladenden Prämisse eine eher ernüchternd harmlose Ausarbeitung.
5,5 von 10