Am Silvestertag 1999, kurz vor dem Millenium, sind die Menschen gespannt, was ihnen das neue Jahrtausend bringen wird - so auch in Warschau, wo ein großer TV-Sender neben einer Live-Schalte aus einem Studio auch diverse Konserven wie die Neujahrsansprache des Ministerpräsidenten oder Tanzprogramme bereithält. Während einige Leute auf der Straße demonstrieren, wollen andere ins neue Jahr hineinfeiern, und in dem allgemeinen Trubel fällt es nicht weiter auf, daß sich ein unscheinbarer junger Mann einen der Studio-Securities schnappt und diesen mit dessen eigener Waffe im Rücken vor sich herschiebt, bis er dort angekommen ist, wo die die Live-Sendung in Kürze beginnen soll. Es braucht ein wenig, bis die verschreckten Anwesenden den Ernst der Lage begreifen, dann aber hat Sebastian (Bartosz Bielenia) mit seinen beiden Geiseln, der Moderatorin Mira (Magdalena Poplawska) und dem Sicherheitsmann Grzegorz (Andrzej Klak) die volle Aufmerksamkeit im zu jener Zeit spärlich besetzten Studio. Doch was will der junge Mann mit den weichen Gesichtszügen eigentlich? Seine ironische Bemerkung, er werde gleich etwas singen, weil er bei einem Casting rausgeflogen sei, nimmt man ihm nicht ab, stattdessen hat er ein paar beschriebene Zetteln in der Tasche, deren Inhalt er unbedingt live in eine Kamera vortragen will. Der Aufnahmeleiter in der Kabine oben hat zwar längst die Polizei verständigt, aber bis die kommt, dauert es eben, und solange muß er den seltsamen Kidnapper hinhalten: er finde derzeit keinen Kameramann, der sich unter diesen Bedingungen zu ihm ins Studio traue. Doch der eher unbedarft auftretende junge Geiselnehmer lernt schnell und weiß die Ausreden wohl einzuschätzen...
Die Ausgangssituation der polnischen Produktion Prime Time erinnert frappierend an den 2016er Money Monster, doch statt eines langsam seine Souveränität verlierenden Börsenmaklers George Clooney hat es der Kidnapper hier mit eher desinteressierten und weitgehend inkompetenten Leuten zu tun, die mit der Bürokratie an jenem besonderen Tag überfordert sind und den jungen Mann eher als lästigen Störenfried betrachten denn als reale Gefahr. Höhepunkt der Kompetenzstreitigkeiten sind eine mitfühlend auftretende Polizistin, die die Verhandlungen führen will und dabei ständig von ihrem Kollegen behindert wird, während dieser wiederum vom Leiter des inzwischen eingetroffenen SEK zurückgepfiffen wird. Als Sebastian behauptet, in seinem mitgebrachten Rucksack sei eine Bombe, wissen die Herrschaften erst recht nicht, was zu tun ist...
Die Frage, was der Eindringling eigentlich wirklich will, beschäftigt das Publikum den ganzen Film über, doch diese Frage wird leider, soviel sei vorweggenommen, auch zum Schluß nicht, oder nur unzureichend, beantwortet. Das wird viele Zuschauer verärgern, denn in der weitgehend (bewußt) improvisierten Handlung gibt es weder Sympathieträger noch irgendwelche Anhaltspunkte, wie die ganze Sache ausgehen könnte. Was als Thriller begann, wandelt sich nämlich bald zu einem Drama, in dem der junge Sebastian die Hauptrolle spielt - sogar seinen Vater haben sie ins Studio geschleppt, der darüber allerdings ziemlich ungehalten ist und seinen ungeliebten Sohn verspottet: schon als Kind habe dieser gestottert und es sei unheimlich mühsam gewesen, ihm vernünftiges Sprechen beizubringen, und jetzt noch so etwas...
Angesichts dieser Umstände wird die Moderatorin zunehmend nervöser und klärt Sebastian über die Funktionsweise der (automatisch und ohne Kameramann) laufenden Kameras auf. Auch mit dem Wachmann stimmt irgendetwas nicht, denn dieser fraternisiert zunehmend mit dem Kidnapper und assistiert ihm teilweise willig, während das SEK sich nicht traut, das Studio zu stürmen. So zieht sich das Geschehen dann dahin, bis endlich der vom Geiselnehmer verlangte Direktor des Senders auftaucht und Sebastian sich am Ziel glaubt: jetzt kann er vor Live-Kameras endlich sagen, was er zu sagen hat. Oder doch nicht?
Besonders das unspektakuläre Finale des ohne Happy-End auskommenden Independent-Streifens Prime Time mag Thriller-Fans verstören, und wer sich einen Krimi erwartet hatte, wird ohnehin enttäuscht schon frühzeitig abgedreht haben, gleichwohl das Geschehen zum Schluß reichlich Interpretationsspielraum bietet. Immerhin muß das virtuose Spiel Bartosz Bielenias lobend erwähnt werden, der in seiner wenig sympathischen Rolle als geiselnehmender "Niemand" voll und ganz aufgeht. Wer auf derlei Charakterisierungen von Frustrierten und Losern steht (in Prime Time kommt niemand ungeschoren davon und Helden gibt es überhaupt keine), mag hier seine Freude haben, alle anderen sollten um diesen Film einen großen Bogen machen. Neutrale 5 Punkte.