Gig in Japan
Es ist schon etwas länger als 96 Stunden her, dass der Revenge-Thriller wieder salonfähig wurde. So gesehen alles richtig gemacht, Liam. Seit der rüstige Ire der ganzen Pariser Unterwelt auf der Suche nach seiner entführten Tochter das Fürchten lehrte, ist das lange Zeit im reaktionären Giftschrank weggesperrte Subgenre wieder voll da. Ob im Independent-, Mainstream-, oder Pantoffel-Kino, ob im Arthouse-Gewand- oder als Action-Ballett, ob als Sozialdrama oder Groschenheft-Interpretation, ob wegen Verrat, Vergewaltigung, Verdammnis oder Vierbeinern, der Rache-Film ist in zig Spielarten, Subtexten und Sehformaten unterwegs. Längst sehen auch nicht mehr nur alte weiße Männer rot, auch das vermeintlich schwache Geschlecht hat den Vigilantismus zum Frustabbau für sich entdeckt. Quentin Tarantino hat hier sicherlich Pionierarbeit geleistet, wovon ein gewisser Bill ganze Arien singen würde, wenn er denn noch könnte.
Auch die auf den ersten Blick Genre-Unverdächtige Mary Elizabeth Winstead hat das blutige Revenge-Handwerk bei Meister Quentin erlernt und ist damit über jeden Zweifel erhaben. Zudem weiß sie aus erster Hand wie man den Gegner langsam sterben lässt, nur so für den allerletzten Zweifler. Streaming-Gigant Netflix überzeugte Winsteads Badass-Vita jedenfalls restlos und so war ein weiterer Eintrag schnell beschlossene Sache. Als Auftragskillerin Kate in KATE darf sie dann auch so richtig auf den Putz hauen, aber nicht wie im mittelalterlichen Herkunftskontext nur bei einem Gegner, sondern wie im neuzeitlichen Genre-Kontext bei einer ganzen Armee.
Diese Armee hört auf den Befehl von Kijima, Yakuza-Schwergewicht der Tokyoer Unterwelt. Hitwoman Kate, seit Kindheitstagen ausgebildet von einer dubiosen Geheimorganisation und deren Boss Garrick (Woody Harrelson), hat bereits Kijimas Bruder ausgeschaltet, nun soll der Auftrag vollendet werden. Aber irgendwer hat sie kurz davor mit Polonium vergiftet, so dass Kate erstmals in ihrer Karriere das Ziel verfehlt. Im Krankenhaus erfährt sie, dass sie nur noch 24 Stunden zu leben hat und diese gedenkt zu nutzen um ihren künftigen Mörder mit in den Abgrund zu reißen …
KATE bietet inhaltlich also ein bestens bekanntes Setting. Der vigilante Protagonist wurde bis ins Mark ganz persönlich getroffen. Das Rachemotiv ist somit glasklar motiviert und erscheint alternativlos, auch und besonders aufgrund eines nur sehr kleinenZeitfensters für die Vollstreckung. Aber raffinierte Plots sind in dieser Gattung erstens selten und zweitens nicht zwingend nötig, oft sogar eher hinderlich, um die gewünschte und erwartete Wirkung zu erzielen. Man kann das als manipulativ und nur auf den Magengrubeneffekt abzielend abkanzeln, aber in einer deutlich als künstlerische Fiktion zu erkennenden Welt muss und sollte ein solcher Ansatz erlaubt sein.
Bei KATE hat man sich ganz offensichtlich den modernen Vigilanten-Platzhirsch JOHN WICK zum Vorbild genommen, vor allem hinsichtlich der stilisierten Optik. Beinahe komplett im nächtlichen Japan angesiedelt (Osaka und vor allem Tokyo) wird auch hier ein Mix an Neonlichtern, Glasfassaden und kühl arrangierten Innenräumen aufgeboten und so ein cooler Graphic-Novel-Look erzeugt. Das erzeugt eine ganz eigene Stimmung, zumal auch Komponist Nathan Barr - selbst über 20 Jahre in Tokyo lebend -den passenden Klangteppich entwirft. Auch die beiden Killer-Figuren ähneln sich. Wie John ist auch Kate ein Experte für Schusswaffen aller Art sowie für diverse (asiatische) Kampftechniken.
Was allerdings fehlt ist der ausgefeilte Kosmos der Wickschen Unterwelt, was KATE deutlich oberflächlicher und austauschbarer macht. Denn so sehr das Tempo hoch gehalten, die einzelnen Settings gewechselt und die Tötungsarten variiert werden, eine eigene Handschrift, ein Alleinstellungsmerkmal oder auch nur eine Idee, die dem formelhaften Genre eine Dissonanz abringt, fehlen. Weder der Subplot um eine zwischen die Fronten geratende Teenagerin - auch wenn man bei dem ungleichen Team ein ALIENS Déja Vu hat - noch der finale Twist atmen Originalität oder gar Raffinesse.
Der Vigilantismus-affine Zuschauer darf aber dennoch ruhig einen Blick riskieren. Atmosphäre, Härtegrad, Tempo und Hauptdarstellerin sorgen für einen kurzweiligen Revenge-Actioner, der nicht viel falsch macht. Beim Production Design, Actionchoerographien und Kameraarbeit setzt man sich erkenntlich vom typischen DTV-Sumpf - der gerade in diesem Genre immer reichhaltig blubberte - ab. Die Diskussion, warum es dem Streaming-Riesen einfach nicht gelingen will beim offenkundigen Großangriff auf das Medium Kino mit Klasse statt Masse zu fechten, wird aber auch nach diesem Film nicht verstummen. Jedenfalls ist Netflix hier mal wieder seinem Ruf treu geblieben, für solides, aber nicht sonderlich nachhaltiges Genre-Futter zu sorgen. Rache ist ja bekanntlich ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Ein bißchen mehr Hitze hätte hier aber nicht geschadet.