Review

(Charme-)Bolzengewähr


Präsenz gepaart mit Wucht ist im Actionfilm mehr als die halbe Miete, leider trifft man diese Kombination viel seltener an, als gemeinhin angenommen. Die von Arnold Schwarzenegger hinterlassene Lücke ist mindestens so groß wie sein Bizeps. Nachdem Bodybuilder heute eher grotesken Luftballon-Skulpturen gleichen, kommen inzwischen die allermeisten relevanten Epigonen aus der Wrestlingszene. Hier sind die Körperformen noch erkennbar humanen Ursprungs und ein rudimentäres Showtalent von großem Nutzen. Dass diese Mixtur mit zunehmenden Einsätzen auch auf der Leinwand funktioniert, beweisen selbst Baumstamm-Mimiker wie John Cena oder Dave Bautista. Kommen nur ein wenig Schauspieltalent und Humor dazu, dann kann es sogar zum Superstar-Status reichen. Aus dem eigenen Lager droht Dwayne „The Rock“ Johnson also wenig Gefahr, aber seit Ex-Model Jason Momoa seine Baywatch-Silhouette sukzessive in eine Conan-Statur transformiert hat, ist die Haudrauf-Liga wieder spannend geworden.

Spätestens seit dem fulminanten Erfolg der sündteuren Trash-Granate AQUAMAN weiß nicht nur Marvel wie sich Konkurrenz anfühlen kann, auch der Fels spürt die urwüchsige Kraft des Wasser(manne)s. Der an sich lächerliche Film lebt einzig und allein von Präsenz und Charisma Momoas und erinnert dabei an diverse Disney-Hits Johnsons. Beide sind ultimativ Mainstream-tauglich und wagen sich, obwohl in der Hinsicht prädestiniert, daher eher selten ins raue Wasser reiner Actioncost. Aus Fansicht sollte man also dankbar für jeden Ausflug sein und nicht an so profanen Dingen wie Skript, Logik oder Charaktertiefe herum mäkeln.

Der aktuell beim Streaming-Riesen laufende SWEET GIRL hat diesbezüglich einiges an Prügel einstecken müssen, dabei liefert die vierte Kollaboration von Momoa und Kumpel Brian Andrew Mendoza bestes Genrefutter für den schnellen Hunger. Wie schon beim Survival-Thriller BRAVEN inszeniert/produziert er Momoa als kernigen Naturburschen, der nach einer Familientragödie/-bedrohung den Rambo-Schalter umlegt. Ist das originell? Nö. Hat das Klassiker-Chancen? Mitnichten. Ist des eine Empfehlung wert? Aber sicher. Warum? Weil das handwerklich versierte und in der Heldenrolle perfekt besetzte B-Kino inzwischen so selten geworden ist wie Bruce Willis in einem halbwegs guten Film.

SWEET GIRL beginnt mit dem Krebstod von Amanda Cooper. Zurück bleiben ein verzweifelten Ehemann (Momoa) und eine traumatisierte Tochter (Isabel Merced). Ein eigentlich versprochenes neues Medikament wurde kurz vor der Zulassung gestoppt. Der Arzneimittelkonzern BioPrime will sein teures Original exklusiv vermarkten und scheut vor keiner Schandtat zurück. Der Boden dieses sehr realen Szenarios wird allerdings nicht weiter beackert, sondern dient vielmehr als Aufmarschgebiet für den Rachefeldzug Ray Coopers. Denn der hatte dem aalglatten CEO des Pharmariesen in einer TV-Sendung die Exekution angedroht, sollte seine Frau sterben. Wir befinden uns also flugs auf klassischem DEATH WISH-Terrain und Momoa alias Cooper ist hier ortskundig wie kaum ein anderer.

Da Coopers Beruf nie thematisiert und er auch nicht wie weiland Steven Seagal als ehemaliger Navy Seal-CIA-Undercover-Scharfschütze eingeführt wird, ist sein Feldzug eher rustikaler und körperlicher Natur. Immerhin sehen wir ihn ein paar Mal im Boxstudio seines Vertrauens. Wer also Feuergefechte mit diversen Kalibern oder gar ein John Wicksches-Ballerballet erwartet, dürfte enttäuscht sein. Hier geht einfach ein wütender Bär auf Großwildjagd und trampelt dabei alles nieder, was seinen Kriegspfad kreuzt. Natürlich schickt die Gegenseite schnell Profis, aber in überschaubarer Zahl und machbarer Qualität. Erst als das genreüblich bräsig ermittelnde FBI und ein gedungener Profikiller mitmischen, werden Cooper Kreise deutlich enger. Zumal Töchterchen Rachel mit von der blutigen Partie ist und damit ebenfalls zur Zielscheibe wird.

Die Vater-Tochter-Beziehung ist ein essentieller Part des Films, worauf schon der Titel hindeutet. Und Isabel Merced meistert die Herkules-Aufgabe neben Charisma-Schwergewicht Momoa nicht vollends zu verdampfen recht überzeugend. Das ebenfalls ausgeprägte Badass-Gen nimmt man ihr jedenfalls ab, falls nicht, droht ein unangenehmer Domino-Effekt. Abseits davon gilt es auch ein paar subgenretypische Ungereimtheiten zu schlucken, aber der gute Paul Kersey hätte im realen Leben auch nicht fünf Mal und dabei jeweils im zweistelligen Bereich rot sehen können, ohne dabei mehr Schussverletzungen als Falten davon zu tragen. Auch können die Gegner unserer Vigilanten selten auf so nützliche Eigenschaften wie Intelligenz oder zumindest Cleverness zurück greifen.

Insgesamt haben wir es also mit einem waschechten B-Actionthriller zu tun, der sich wohltuend von der DTV-Ware abhebt, mit der sich die Herren Cage, Willis, Travolta etc. die üppige Rente aufbessern. Von LETHAL WEAPON oder DIE HARD-Gefilden ist man damit natürlich ebenso weit entfernt, aber es muss ja auch nicht immer Kaviar sein. Letztlich gibt es für den entsprechend Geneigten wenig zu meckern, sofern er den im letzten Drittel platzierten Twist schluckt. Der pfeffert tatsächlich noch mal ordentlich mit Story-Chilli nach und nicht jeder beißt gern unvorbereitet auf Pfefferkörner. Ein neues Geschmackserlebnis ist jedenfalls garantiert. Und Showküchen-Chef Momoa verliert durch den Teamgedanken, auch wenn ihn Minderjährige mitdenken, nichts an Präsenz-Autorität. Das verbindet ihn mit Arnold und Dwayne. Willkommen im Club.

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