Review

Mit Spoilern!!!


Bei Noes neuestem Werk war ja im Vorfeld klar, in welche Richtung es ging und das es nichts Provakantes geben wird, wobei der Tod immer eine Provokation des Lebens ist.
Ich hatte im Vorfeld nicht viel über den Film gelesen, nur dass es sich vorwiegend um das Thema Demenz handelt. Parallel gab es dazu noch den grandiosen Film The Father,wo Anthony Hopkins zurecht den Oskar für verdiente. Ich wollte eigentlich Vortex zuerst sehen, aber er wurde nur kurz in sehr wenigen Lichtspielhäusern gezeigt, so war es dann doch The Father, den ich vorab schaute (auch nur Heimkino) und ließ dann absichtlich etwas Zeit verstreichen um mir Vortex anzuschauen.
Ich will die Filme gar nicht groß gegenüberstellen, nur ein paar Parallelen muss man schon ziehen, weil ich denke, dass hier Noe und Zeller dasselbe bezwecken wollten, aber halt auf unterschiedliche Art und Weise.
Vortex fand ich am Anfang stark und dann im Mittelteil etwas auf der Stelle tretend und zum Ende hin wieder stärker. Warum?! Die Einführung ist interessant, dass Einspielen der damals sehr jungen Sängerin Francoise Hardy mit dem sehr schönen „Mon amie la rose“ rahmt ein schönes Madly des Lebens im metaphorischen Stil der kurzen Lebensdauer einer Rose.
Dann greift uns Noe mit seiner langen Einstellung des Protagonisten-Paares und der authentischen Umgebung. Schnell wird der Bildausschnitt zweigeteilt, man weiß als Zuschauer, hier beginnt die erste richtige Phase der Demenz. Anfänglich auf jeden Fall noch interessant, mit der Zweiteilung (obwohl schon bekannt aus Lux Aeterna) bestärkt dies die Distanz der bis dahin gelebten Einheit. Die Entfremdung der eigenen vertrauten Umgebung und vor allem zu seinen Geliebten wird veranschaulicht. Nur selten kommen noch Gemeinsamkeiten in einem Bild rüber, was dann wahrscheinlich auch für die wenigen klaren Momente steht, die man als Demenzerkrankter noch hat.
Hier ziehe ich gleich einen Vergleich zu The Father, es ist mit Sicherheit brutal schwer dem Zuschauer zu vermitteln, wie sich ein Demenzerkrankter fühlt. Darstellerisch von Lebrun sehr gut und mit Sicherheit auf Augenhöhe zu Hopkins gespielt. Aber inszenatorisch  holt einen Zeller viel besser ab. Wo Noe nur die Kamera lange draufhält und den Rest dem Schauspiel von Lebrun überlässt, spielt Zeller mit dem Anachronismus der Szenen und mit dem was real passiert ist und was nicht. Genau das hat mich bei The Father abgeholt und mir zumindest im Ansatz vermittelt, wie unverstanden man sich fühlen muss, wie surreal einem alles erscheint.
Noe stellt meiner Meinung nach aber nicht das Hauptaugenmerk auf die Demenz, was seinem Film auch wieder da Schwung gibt, wo er abzufallen droht. Es gibt dem Ehemann und dem Sohne ein bisschen Tiefe, was in einem interessanten Dreiergespräch mit der Ehefrau und dem Thema Heim zur Geltung kommt.
Dadurch das der Ehemann (wohl offenkundig) noch eine andere Liebschaft hat und die Bindung zur Ehefrau auf einer anderen Art beruht, ist er nicht bereit sein Zuhause aufzugeben.
Sowas sind wichtige Themen, meist funktioniert so eine Symbiose im Alter nur zu zweit, aber der eine, der (noch) nicht muss, will das nicht aufgeben.
Hier hätte ich mir einfach auch mehr Hintergrund über die Ehefrau gewünscht, gerade weil das Thema legitime Affäre eine gewisse Gewichtung hat im Film.
Dadurch sind die Figuren in ihrer Anlange nicht so spannend. Noe fokussiert sich absichtlich, wie auch schon Zeller oder Haneke bei seinem Meisterstück Liebe, auf die Räumlichkeiten der Eheleute. Wenn sie raus gehen, bleibt er ganz nah an diesen dran. Es ist genau richtig so, so bekommt man den ,gerade für junge Menschen empfunden Eindruck, von Alterstristesse gut eingefangen.
Gerade auch gegen Endes schafft es Noe mit den einzelnen Bildern der leerstehenden Wohnung noch Emotionen zu erzeugen. Diese Bilder dürfte jeder irgendwie kennen. Leere Räume, wo vorher noch die Liebsten waren und man den Eindruck hat, gleich kommt der/diejenige wieder. Dann wird alles zusammengepackt und die Räume wieder einer neuen Generation zur Verfügung gestellt. Das ganze Leben passt dann doch irgendwie in einen Karton.
Visuell nutzt Noe die Zweiteilung natürlich sehr gut, in dem nach dem Tod des Mannes, die zweite Hälfte einfach schwarz bleibt. Leider finde ich seine Inkonsequenz subversiv zu dem artifiziellen Trick, da er dann doch wieder den zweiten Bildausschnitt gelegentlich für den Sohn nutzt. Stärker wäre der Eindruck des Verlustes des Ehemann für den Zuschauer gewesen, wenn er den Bildschirm schwarz gelassen hätte, da man sich, wenn er schwarz ist, oft genug ertappt, dort hinzugucken,um zu schauen, was der Mann jetzt macht, um dann zu merken, da kommt nichts mehr. Auch wäre der Fokus auf die Ehefrau verstärkt worden, da der Sohn dann auch irgendwie aus ihrem Leben verschwunden ist und sie am Ende allein bleibt und allein stirbt.
Hervorzuheben ist auch die Herzinfarktszene des Ehemannes, die wirklich lange und authentisch inszeniert ist und die die daneben liegende Ehefrau einfach weiterschläft. Hier merkt man eigentlich (bis auf den späteren schwarzen Bildschirm) den stärksten Kontrast der Zweiteilung.
Unterm Strich hat mich Noe aber nicht wirklich überzeugt, da liegt zu einem an den wenig- bis eindimensionalen Figuren und ich vermute, dass wie schon bei Irreversibel, Dialoge improvisiert wurden.
Hierbei merkt man dann, dass Improvisation bei gewichtigen Thema vielleicht doch nicht die Tiefe, wie geschriebene Dialoge erreichen können.Naja, vielleicht lieg ich damit auch falsch, aber mir kamen einige Dialoge so vor.
Die Tristesse des Altseins, kommt auch nur bedingt rüber, das hat Zeller bei The Father oder Haneke bei Liebe besser hinbekommen. Man bekommt auf der einen Seite zu viel thematisiert (Drogensucht Sohn) und auf der anderen, relevanteren Seite (Affäre, Leben der Ehefrau) zu wenig, als das man an den Figuren kleben bleibt.
Mit knapp 2,5 h ist das dann einfach zu lang geraten. Ich finde Vortex offenbart die größte Schwäche Noes, Themen subtil zu vermitteln.
Auf jeden Fall sehenswert, aber zu diesem Thema kein besonders starker Beitrag.
6 von 10 Punkten


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