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Japan um 1630: An einem Hof kehren immer wieder herrenlose Samurai, sogenannte Ronin, ein, um aufgrund ihrer angespannten finanziellen Lage zu bitten, im Hof Harakiri begehen zu dürfen und so ehrenvoll aus ihrem Leben treten zu können. Dass dahinter vor allem die Absicht steckt, mit einer Geldspende davongeschickt zu werden, verärgert die auf zeremonielle Genauigkeit bedachte Hofgesellschaft – und so zwingen sie einen Ronin, mit seiner stumpfen Bambusklinge tatsächlich Harakiri zu begehen. Doch ein weiterer Besucher erzählt ihnen die tragische Geschichte, die hinter diesem Vorfall liegt.

Edel gefilmt, ruhig und distanziert erzählt und stark gespielt, ist das Historien-Drama „Harakiri“ ein faszinierender Film über eine Epoche im Umbruch und die weitreichenden sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen, die damit einhergehen. Geschickt werden dabei in anfängliche Dialoge die historisch notwendigen Hintergründe eingebunden, sodass die Zuschauenden schnell aufgeklärt werden, ohne dass die Dialoge allzu erklärend oder gestelzt wirken.

Überhaupt ist „Harakiri“ ein enorm dialogstarkes Werk. Die mehr als zwei Stunden Laufzeit werden vorrangig durch lange, meist ruhige und doch intensive Gespräche gefüllt. Dank interessanter Charaktere und so eleganter wie kluger Dialoge kommt dabei nie Langeweile auf. Im Gegenteil: Die Erzählstruktur der Geschichte erweist sich als so clever angelegt, dass sich mehrmals kleine oder auch große Details des bisher Geschehenen in völlig neuem Licht zeigen. So wird die geradlinige Haupthandlung durch mehrere Rückblenden, die von den Agierenden erzählt werden, weniger unterbrochen als durch wichtige und die Einschätzung der Situation völlig verändernde neue Details und Hintergründe bereichert. Aus dem etwas erbärmlich wirkenden Ronin vom Anfang, der sein grausames Schicksal vielleicht nicht verdient, aber doch schon selbst heraufbeschworen hat, wird so im Lauf des Films eine tief tragische Figur, deren Ende einem plötzlich viel ungerechter und unnötiger erscheint. Und der zweite Ronin, der diesen Hintergrund eröffnet, erweist sich ebenfalls als tragisch mitreißender Charakter, dessen Schicksal einen bis zum dramatischen Schwertkampffinale nicht mehr loslässt.

Mit seiner tief tragischen Geschichte, die sich so nur Stück für Stück entfaltet, wirft „Harakiri“ auch ein äußerst kritisches und vielschichtiges Schlaglicht auf (nicht nur) historische Verwerfungen der Gesellschaft. Starre Vorstellungen von Ehre, Standesdünkel und Angemessenheit von Verhalten und Umständen führen hier wiederholt zu grausamen Schicksalen. Die Vorstellung, nur unter bestimmten Bedingungen leben und existieren zu dürfen, wird hier sehr kritisch hinterfragt, während gleichzeitig die unvermeidlichen Folgen einer Gesellschaft im Umbruch analysiert werden – Verarmung der Herrschaft führt zu Elend der Bediensteten, zu denen auch die Samurai gehören. Dass diese sich sehr schwer damit tun, in ein einfaches bürgerliches Leben zu finden, wird ebenso hinterfragt wie der Umgang und die Erwartungen anderer Gesellschaftsschichten mit ihnen und an sie.

Das alles wird von einer formal streng geführten Kamera in edle Schwarz-Weiß-Bilder eingefangen, die mit aufwendigen Kulissen und punktuell erstaunlich blutigen Effekten für immer wieder neue visuelle Höhepunkte sorgen. Der zurückgefahrene Score, der nur hin und wieder in den Vordergrund tritt, und die überzeugenden Settings lassen die Szenerie intensiv und packend werden, obwohl das Erzähltempo durchgehend langsam, beinahe gemächlich bleibt. So entfaltet sich eine gesellschaftskritische Analyse, die gleichermaßen anspruchsvoll wie fesselnd von verschiedenen Wegen erzählt, mit Zeiten grundlegender Veränderungen umzugehen. Eine Geschichte, die im Nachkriegsjapan sicher auch von einiger metaphorischer Kraft ist, allerdings auch als rein historisches Spiel um Ehre, Emotionen und richtiges Verhalten funktioniert. Ein so spannender wie tragischer und intensiver Film!

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