Nachdem ihm sein erster Langfilm "Fando y Lis" (nach Fernando Arrabal, der kurz darauf mit "Viva la Muerte" (1970) - der Verfilmung seines eigenen Romans - einen ähnlich vom Surrealismus beeinflussten Kultklassiker ablieferte und mit J. L. Moctezuma einer der beeindruckendsten Kollegen aus Jodorowskys nächstem Umfeld war) bei der Premiere noch fast das Leben gekostet hat (man war aufgrund einiger Tabubrüche so erbost, dass man ihn tatsächlich totschlagen wollte), traf Jodorowsky genau den Nerv der Zeit und erreichte mit seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm ein breites Publikum. "El Topo" avancierte sehr bald zum Kultfilm, den man als Jugendlicher in den USA mitternächtens im El Topo Outfit besuchte. Mit "El Topo" hat Jodorowsky, der solch einen Erfolg wohl kaum zu ahnen wagte, die glanzvolle Zeit der Midnight Movies ausgelöst.
Jodorowsky selbst spielt El Topo, den Maulwurf, der sich nach der Sonne suchend durch die Erde gräbt und dann beim Anblick der Sonne geblendet ist - was ein Erzähler dirket nach dem Ende der Prätitelsequenz anmerkt. Dass damit bereits die eigentliche Handlung im groben und ganzen vorgegeben ist, wird im Verlaufe des Film immer deutlicher. Es folgt der Vorspann vor den Bildern eines Maulwurfes und Jodorowskys grabenden Händen.
Zunächst [Achtung: Spoiler] reitet El Topo noch als beeindruckender, schwarz gekleideter Revolverheld durch die Wüste, zusammen mit seinem Sohn. Es ist dessen 7. Geburtstag und nach der Trennung vom ersten Spielzeug und dem Bild der Mutter ist er zum Mann geworden. Der Weg führt die beiden in eine blutüberschwemmte Stadt voller ausgeweideter Pferde- und Menschenkadaver. Drei perverse Banditen bilden die nächste Episode (unter ihnen ist Alfonso Arau, der später als Regisseur einigermaßen bekannt wurde - auch wenn sein Picking up the Pieces mit Woody Allen eine herbe Entgleisung war - und hier einen Banditen mit einem Faible für hochhackige Frauenschuhe mimt). Im anschließenden Duell kann El Topo zwei mit Kopfschüssen niederstrecken, dem dritten entlockt er zuvor noch mit gezielten Schüssen in die Knie den Hinweis auf den Verantwortlichen des Massakers.
Dieser - der Colonel - entpuppt sich als Fettwanst, der gottgleich in seiner blasphemischen Hütte thront und sich von seiner Sklavin bedienen lässt, während seine offensichtlich bisexuellen Gefolgsleute vier Mönche sexuell ausbeuten. Als der Colonel zwischen seiner Sklavin und seinen Untergebenen ein sexuelles Rollenspiel anleihert, tritt El Topo auf: Dem Colonel schießt er die Perücke vom Kopf, reißt mit einem Griff dessen Kleidung vom Leib und schneidet ihm - nach den Worten "I am God!" - das Gemächt ab. Der Kastrierte bläst sich mit seinem Gewehr den Schädel weg, die restlichen Banditen werden von den ehemals Unterdrückten erschossen und die Dienerin des Colonels wirft sich El Topo an den Hals, der für die Frau den Sohn bei den Mönchen zurücklässt...
Damit leitet Jodorowsky das zweite große Kapitel ein: El Topo reitet mit der Geliebten (sie heißt Mara) durch die Wüste, macht verdorbenes Wasser trinkbar, zaubert Eier hervor und lässt aus Felsen kleine Fontänen emporschießen... (Der Felsen ähnelt Jodorowsky zufolge dessen Penis: "Kurz, aber dick..." Solche Scherze sind typisch für Jodorowsky, der - generell sehr Sex-orientiert (er will bereits mit vier Jahren mit Spielkameraden masturbiert haben) - während der Dreharbeiten angeblich mit Löchern und einem grünen Punkt auf der Unterhose die Stelle von Eichel, Hoden und Anus kenntlich machte (was im Film selbst dann gar nicht zu sehen war) und einmal verkündete: "Andere Regisseure drehen Filme mit der Kamera. Ich drehe Filme mit meinen Eiern." Damit erhöht Jodorowsky letztlich nur werbewirksam den abgehoben-mystischen Stil der im Film selber bereits angelegt ist. Prätentiöse, wenngleich wunderschöne Äußerungen wie "Bist du groß, dann ist auch ,El Topo' ein großer Film. Wenn du deine Grenzen hast, hat auch ,El Topo' seine Grenzen..." zielen - als durch die Blume gesprochene Version von "Gefällt dir mein Film nicht, dann bist du einfach unwürdig..." - in die gleiche Richtung.)
Angetrieben von Mara (die Jodorowsky nach eigener Aussage in einer eigentlich kaum erkennbaren Godard-Hommage "Pierrot le fou" nachspielen lässt, woraufhin El Topo sie nahezu "vergewaltigt", was Jodorowsky rückblickend als chauvinistisch kritisiert - schließlich findet Mara an der tat sogar Gefallen) strebt El Topo nun nach Macht und macht sich auf, die vier Meister der Wüste zum Duell aufzufordern und dadurch selbst zum Mächtigsten zu avancieren - dazu durchreitet er die Wüste spiralförmig. Jodorowsky bringt zahlreiche Elemente aus fernöstlichen Philosophien ein um diese vier Meister als weise, dem Weltlichen entrückte Erhabene zu präsentieren. Die ersten drei kann El Topo mit einer heimtückischen List besiegen, der letzte verübt Suizid um zu beweisen, wie wenig das Leben und der Körper ihm bedeuten. Von ihnen erlernt El Topo auch einige Weisheiten um sehr schnell zu erkennen, dass er in seinem Streben nach Macht jede moralische Grenze überschritten hat. Nach einem Anfall der Verzweifelung wird er (in Jesus-artiger Position mit ausgebreiteten Armen schreitend) von Mara und einer zu ihnen gestoßenen, schwarz gekleideten Lederlesbe niedergeschossen. Während er getroffen zu Boden sinkt, reitet Mara mit der Fremden (mit der sie sich bereits ein Peitschenduell geliefert hat um dieses zu verlieren und die blutigen Wunden abgeleckt zu bekommen und mit der sie mehr als einmal offensichtlich geflirtet hat) davon.
Ein paar verküppelte Freaks finden den Angeschossenen und können ihn zu sich in eine Höhle tragen... Nach knapp zwei Jahrzehnten erwacht El Topo, von den ältesten der Freaks als ein Erlöser angekündigt. Da die vom Inzest gezeichneten Höhlenbewohner nur unter größter Anstrengung den Ausgang in die Freiheit erreichen können, beschließt El Topo nach einer spirituellen Wiedergeburt einen Tunnel in die Freiheit zu graben.
Mit einer Zwergin zieht er in die nächste Stadt um Geld für Werkzeuge zu verdienen. Als Clown (mit Glatze und schlichtem Gewand) verdingt sich der einstige Revolverheld in einer vom Zerfall gezeichneten Gegend, in der Dekadenz, Grausamkeit, Sexismus und übelster Rassismus an der Tagesordnung sind: Farbige werden öffentlich gequält, junge Frauen werden als Ware behandelt, Faustkämpfe mit Stacheldraht-Boxhandschuhen gehören zum Alltag wie russisches Roullette in der Kirche (bei dem sich ein kleiner Junge den Schädel wegpustet). Eines Tages kommt ein Priester in die Stadt und gerade als sich El Topo und die Zwergin nach einem (erzwungenen) Beischlaf trauen lassen wollen (trotz des erzwungenen Beischlafs ist es tatsächlich Liebe die beide aneinander bindet und nicht etwas gesellschaftliche Konvention) erkennt der Priester in El Topo seinen Vater wieder. Es ist tatsächlich El Topos Sohn, den dieser damals bei den Mönchen zurückgelassen hatte. Der Sohn will sich dafür an dem Vater rächen und den Vater erschießen. Zuvor gestattet er ihm aber noch den Tunnel zu graben (und hilft selber - im ehemaligen Kostüm des Vaters - dabei mit). Als der Tunnel schließlich fertig ist, ist der Sohn nicht in der Lage den Vatermord auszuüben und rennt verzweifelt davon. El Topo selbst muss ansehen wie die Freaks ihre Höhle verlassen, nur um in der Stadt von der feindseligen Bevölkerung völlig ausradiert zu werden. Angefüllt mit Schmerz und Wut geht El Topo auf die Bürger los, kann sich trotz mehrerer Einschüsse ein Gewehr schnappen und löscht im Alleingang die gesamte Stadt aus. Danach greift er sich ein Öllämpchen und entzündet sich auf offener Straße, während die Zwergin derweil sein Kind austrägt. Der Sohn beerdigt den Vater unter Honigwaben (nach Jodorowsky der "Schlüssel zur Heiligkeit") und reitet mit dessen Frau und dem Neugeborenen davon.
Im Nachhinein ist klar, was der bereits erwähnte Kommentar des Erzählers bedeutet. Es wird nicht nur vorweggenommen, dass El Topo (der Maulwurf - ein marxsches Bild der Revolution) einen Tunnel in die Freiheit graben wird, sondern es wird bereits - wie später in "Montana Sacra" - auf Platons Höhlengleichnis verwiesen und wie dort ist auch hier das "der Sonne entgegen" eine Form geistiger Erweiterung: "El Topo" erzählt von der Suche nach Erkenntnis, die El Topo nach dem Duell mit den vier Meistern bereits erreicht hat... von da an leitet der Film einen moralischen Wandel ein, der in El Topos selbstloser Sühne und Opferbereitschaft gipfelt. Damit trifft Jodorowsky den Zeitgeist ebenso wie mit den Freaks. "Freaks" war die selbstgewählte Bezeichnung der Woodstock-Genration (siehe Michael Wadleighs "Woodstock") und "Freaks" von Tod Browning avancierte durch die von Jodorowsky losgetretene Midnight Movie Welle ebenfalls zum Kultfilm dieser Generation. Die surreale Bilderwelt Jodorowskys, der sich mitunter direkt an Klassikern des Surrealismus - aber auch an Artaud, was schon seine zuvorigen, seltsamen Happenings klarmachten - anlehnte (der Bandit mit Schuh-Fetisch etwa ist ein Verweis auf Bunuel, der in seinen Filmen immer wieder einen Schuh- und Fußfetischismus vorführte), war ein zusätzlicher Pluspunkt, der den unerhörten Erfolg ermöglichte, sprach Jodorowsky damit doch ein den Drogen zugeneigtes Publikum an, dem er sich als zweiter Leary präsentierte.
Eine weitere Voraussetzung für den Erfolg (wenn nicht: DIE Vorraussetzung) war die Verleihstrategie, die für "El Topo" gewählt wurde (und die man ausführlicher in Rosenbaums und Hobermans "Mitternachtskino" nachlesen oder in Stuart Samuels nur eingeschränkt empfehlenswerten "Midnight Movies" (2005) präsentiert bekommen kann). Jodorowsky entschied sich nach dem "Fando y Lis"-Debakel (In Mexiko blieb der Film lange verboten, Jodorowsky hätte die Premiere beinahe nicht überlebt) anders und ist gleich mit dem Film nach New York geflogen. Dort sieht Ben Barenholtz, Besitzer des Elgin Kinos, den Film im Museum of Modern Art und will sofort die Rechte erwerben. Die Rechte bekommt er nicht, aber er kann den Besitzer derselben dazu bewegen "El Topo" erstmal im Elgin jede Nacht um 1 Uhr vorzuführen. Die (inoffizielle) Premiere wird nicht angekündigt, es gibt keine Plakate und keine Presse, Barenholtz hat es auf Mundpropaganda abgesehen und der Plan ging auf. Von Mitte Dezember 70 bis Juni 71 läuft der Film täglich sehr erfolgreich (auch Dennis Hopper, der sich für "The Last Movie" inspirieren lässt, und Peter Fonda werden Fans und bieten Jodorowsky an in seinem nächsten Spielfilm mitzuwirken). Die Kritiken in Zeitungen sind gemischt... Die Times lässt im Mai eine Kritik verfassen die den Film zerreißt, aufgrund von Leserbriefen zieht man die Kritik später zurück und lässt einen anderen Journalisten einen Lobgesang verfassen. Im Elgin wird das Kiffen im Vorführraum geduldet um den Kultfilm als solchen möglichst lange zu behalten...
Dann jedoch kommt es zu einer kleineren Katastrophe: John Lennon und Yoko Ono kommen aus Cannes zurück, wo sie ihrerseits Filme vorgestellt, andererseits Arrabals dort aufgeführten "Viva la muerte" gesehen haben. Lennon beauftragt seinen Manager Klein damit, die Rechte an "Viva la muerte" zu erwerben, dann sieht er jedoch im Elgin "El Topo" und überlegt es sich nochmal anders. Klein kauft für Lennon also schließlich die Rechte an "El Topo", nimmt Jodorowsky unter Vertrag (der sich daran machte "Montana Sacra" zu schreiben) und man macht fleißig Werbung für eine offizielle Premiere des Films (eine häuserblockbreite (!) Plakatwand)... Das Elgin versucht inzwischen Bogdanovichs "Targets" in der Mitternachtsschiene zu etablieren, als Lennon/Klein die "El Topo" Premiere feierten. Die Kritiken waren zurückhalten, oftmals wurde das Nebeneinander von Horror und Komödie bemängelt, Pauline Kael schreibt einen Artikel über "El Topo" vor dem Hintergrund des Undergroundcomics (Crumb sei hier genannt, den Jodorowsky sehr bewunderte) und bemängelt aber auch die Inszenierung von Gewalt und die Zuschauerreaktionen von Jugendlichen darauf (was bei einer Kritikerin, die Jahre zuvor "Bonnie and Clyde" vehement gegen den Vorwurf der Gewaltverherrlichung verteidigte, nicht mal einfach so abzutun ist: Für einen Film seiner Zeit der nicht wie H. G. Lewis Streifen in einschlägigen Kinos lief, ist "El Topo" schon recht hart und im ersten Teil wird die Gewalt El Topos als ebenso cool geschildert, wie im dritten Teil die gerechte Empörung auf Selbstjustiz zurückgreift) aber insgesamt bleibt der überwältigende Erfolg aus. Das Fehlen der Mitternachtsschiene hat dem Film seine Aura genommen...
"El Topo" ist aber nicht deswegen ein interessanter Film, weil er als marxsches, platonisches Gemisch aus religiösen und philosophischen Zitaten mit seiner Geschichte von Selbsterkenntnis, Schuld und Sühne und Außenseitertum der Freaks eine neue Generation ansprach und eine neue Form von Kino auslöste, sondern weil er ein bildgewaltiges, ungeheuer ästhetisiertes Werk ist, durchtränkt von geheimnisvollen Momenten, mit denen Jodorowsky nicht den Verstand anspricht, sondern Emotionen und Spiritualität (jene zwei Themen die er bei dem von ihm geschätzten Godard immer wieder vermisst hat). Die erste Kritik der Times, der Verriß von Canby, bemängelte in erster Linie, dass der Zuschauer vorgeführt werden würde, was das Publikum um drei Uhr morgend kaum noch bemerken würde... solch eine rein rationale Herangehensweise die die Bilder ebenso ausklammert wie das Geheimnisvolle des Films und die dann den Rest nichtmal als Prozess einer Selbsterkenntnis erkennt, bringt natürlich nicht allzuviel. Spätestens wenn El Topo durch ein weißes Kaninchen (Lewis Carroll, dem auch Jefferson Airplanes "White Rabbit" neue Bedeutung schenkt, lässt grüßen) den dritten Meister findet, ist klar, wie man mit "El Topo" umgehen soll. "El Topo" ist schließlich eine sinnliche Erfahrung - was natürlich für jeden Film gilt, hier ist aber die gezielte Überästhetisierung entscheidend - und nicht nur ein intellektueller sozialkritischer Kommentar (der natürlich auch enthalten ist, inmitten der vielen Ausgelassenheiten und Spielereien jedoch kaum sehr seriös wirkt und eher in Richtung Polemik zielt als in Richtung einer klaren Analyse). Und als ein solche (hier sei noch auf die grandiose Filmmusik von Jodorowsky selbst verwiesen, die sich bisweilen perfekt dem Rhythmus der Bilder anpasst und sie stimmungsmäßig enorm erweitert) ist "El Topo" voll und ganz gelungen.
10/10