Review

Ein komplett schwarz gekleideter Revolverheld (Alejandro Jodorowsky) reitet mit seinem nackten Sohn durch die Wüste. Sie treffen auf ein Dorf voller Toter, die grausam dahin gemetzelt wurden. Auf seiner Jagd nach den Schuldigen begegnen dem Cowboy verrückte Wüstenbewohner und charismatische Hohepriester. Seine Suche wird zur bizarren Odyssee und zum spirituellen Trip…

Der Pistolero ist „El Topo“, zu deutsch: der Maulwurf. Das Intro des Films zeigt grabende Hände. Nach was graben sie? Nach der Wahrheit? Nach Erleuchtung? Nach dem Sinn des Films? Die Jungs von Rammstein sangen einst: „Tiefe Brunnen muss man graben, wenn man klares Wasser will“. Was kann man daraus schließen? Muss man graben, um das Tageslicht zu erblicken? Aus Sicht des Maulwurfs: ja. Oder was hat das sonst zu bedeuten...?

„El Topo“ ist aber kein typischer Cowboy. Vielmehr ist er Priester und Prediger, der in biblischen Zungen springt. Ein Jesus im Jim-Morrison-Outfit, wenn man so will. Auf seiner spiritistischen Reise quer durch die nicht enden wollende Wüste begegnet er homosexuellen Cowboys, die Mönche als Lustsklaven halten, Gringos, die auf Damenschuhe schießen, besoffenen Mariachis und einer grotesken Zweiergespann-Symbiose aus einem Armamputierten und einem Beinamputierten. Wohin er auch wandert, trifft er auf Degeneriertheit, Behinderung, Inzest und Verkommenheit. Oder aber auf das genaue Gegenteil: Gottgleiche Prophetenfiguren, Wüstenschamane, blinde Pistolenhelden, Philosophen mit Pelzmänteln und Löwen als Haustier.
„El Topo“ wird erschossen und wiedergeboren. Eine kleinwüchsige Frau pflegt ihn gesund, schert ihm die Haare und kleidet ihn in eine Kartoffelsack ähnliche Mönchskutte. Mit der Zwergin reist „El Topo“ in eine verkommene Westernstadt, in der der Dekadenz, der Völlerei, dem Sklaventum und einer fanatistischen Religion gehuldigt wird. In der Heiligen Messe wird Russisch Roulette gespielt und kleine kinder erschossen. Negersklaven werden exekutiert, ihre Leichen durch die Stadt geschleift. Dort trifft „El Topo“ auf seinen mittlerweile erwachsenen Sohn. Dieser trägt die schwarze Cowboykleidung, die sein Vater zu Beginn des Films trug. Als in der Stadt alle Behinderten hingerichtet werden, läuft „El Topo“ Amok und ballert alle nieder, übergießt sich mit Benzin und verbrennt sich selbst wie der Tibetische Mönch auf dem Cover des „Rage Against The Machine“-Debütalbums.

EL TOPO ist kein typischer Western wie THE GOOD, THE BAD & THE UGLY oder SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD. Im Grunde eigentlich gar kein Western. Der Chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky, der hier auch die Hauptrolle übernahm, bedient sich lediglich an diversen Western-, ebenso auch Horrorelementen für seine sinnbildliche Metaphorik ohne Aussage, aber großer Weißheit. Jodorowsky ist bekennender und praktizierender Spiritualist und Begründer der Psychomagie, eine Mischung aus therapeutischer, esotherischer und künstlerischer Zauberheilkunde. Seine Filme sind surrealistische Kunstwerke im Stile der Gemälde von Salvador Dali. Harsche Gewaltphantasien, wie blutige Exekutionen und Kindsmord, vermengen sich mit religiösen Artefakten, wie gekreuzigten, gehäuteten Lämmern oder dem Allsehenden Auge, welches in der degenerierten Westernstadt gehäuft auftritt. „El Topo“ wandelt durch die Wüste wie Jesus im Exil und vollbringt selbst Wunder wie ein Messias. Er schießt auf einen Stein und verwandelt ihn in einen Springbrunnen. Immer einen prophetischen Spruch auf den Lippen, wie z.B. „Das Herz, der Kopf – vertausche sie!“.

EL TOPO in Worte zu fassen ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Ihm einen tieferen Sinn anzudichten ist leicht. Welchen dagegen sehr schwierig. Figuren kommen und gehen. Seinen Sohn lässt „El Topo“ mit den Worten „Vergiss mich! Binde dich an nichts!“ zurück. Eine komplett schwarz gekleidete Frau, mit der er eine Liebesbeziehung führt, wird später durch eine andere ersetzt. Nicht einmal der Revolverheld selbst stellt eine Konstante im Film dar, da er ab der zweiten Hälfte des Films in komplett anderem Aussehen in Erscheinung tritt.
Der Film ist eine mystische, metaphorische, metaphysische, spirituelle Reise in ein geistiges Nirvana jenseits aller Konventionen und Sehgewohnheiten, bietet eine ähnlich düstere Erfahrung wie EIN ANDALUSISCHER HUND, Lynchs ERASERHEAD, MULHOLLAND DRIVE oder Arrabals VIVA LA MUERTE und wird in Punkto Abgefahrenheit im Grunde nur von seinem Nachfolger MONTANA SACRA - THE HOLY MOUNTAIN übertroffen.
Der Film zählte zu den Lieblingsfilmen von Ex-Beatle John Lennon, dem alte LSD-Hasen, welchem er auch seine Verbreitung verdankt.

Fazit:
Weder gut, noch schlecht. Dafür durchgehend genial, verstörend und wahnsinnig. Ein Anti-Western, der nur auf Meskalin Sinn macht.

Details
Ähnliche Filme