„Die Spanier plündern die gesamten Bodenschätze der neuen Welt!“
Der italienische Regisseur Domenico Paolella („Django – Die Bibel ist kein Kartenspiel“) drehte in der ersten Hälfte der 1970er gleich zwei klerikale Dramen, die an das Nunploitation-Genre angelehnt sind und beide 1973 in den italienischen Kinos anliefen: „Die Nonne von Verona“ und „Der Nonnenspiegel“. Der in italienisch-französischer Koproduktion entstandene „Die Nonne von Verona“ wartet mit der britischen Schauspielerin Anne Heywood auf, die bereits 1969 in „Die Nonne von Monza“ zu sehen war, und schildert einen Ausnahmezustand im Kloster:
Die Äbtissin des Klosters St. Angelo in Verona verstirbt im Jahre 1577, woraufhin ein Machtkampf um ihre Nachfolge entbrennt. Der verschlagene Don Carlos (Pier Paolo Capponi, „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“) wurde gern Schwester Giulia (Anne Heywood) installieren, um über sie Zugriff auf die Goldmine des Klosters zu erlangen. Daher schmiedet er den Komplott, dass Giulia Schwester Lavinia (Maria Cumani Quasimodo, „Die Farben der Nacht“), die älteste Nonne und somit heißeste Anwärterin auf den Posten, vergiftet. Aber auch Schwester Carmela (Claudia Gravy, „Marquis de Sade: Justine“) erhebt Anspruch auf die Nachfolge und setzt ihre Hoffnung auf den ihr zugeneigten Vikan Carafa (Luc Merenda, „Torso“), unterhält jedoch eine heimliche Liebesbeziehung zu Piedro (Duilio Del Prete, „Blutrausch“). Giulia weiß davon und plant, die Affäre zu enttarnen, gibt sich jedoch selbst einer gleichgeschlechtlichen Affäre mit Mutter Chiara (Martine Brochard, „Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen“) hin. Don Carlos wiederum fühlt sich sexuell zu Julias Nichte Isabella (Ornella Muti, „Zu Tode gehetzt“) hingezogen, die gegen ihren Willen ins Kloster gezwungen wurde, nachdem sie sich heimlich verlobt hatte…
„Die Spanier haben mit Gottes Hilfe das Christentum dorthin gebracht!“ – „…indem sie die Inkas ausgerottet und die Überlebenden gewaltsam bekehrt haben!“
Ein Mordkomplott, heteronormative und lesbische Liebe, Eifersüchteleien, Machtspiele und Intrigen – Sodom und Gomorrha hinter Klostermauern! Paolellas Film entzaubert provokant, jedoch kaum exploitativ die vermeintlich fromme Welt der katholischen Kirche und legt seiner Figur Carafa bereits unmittelbar zu Beginn die Verbrechen des Klerus auf den Punkt bringende Entgegnungen in den Mund. Mit grafischer Ausschlachtung hält er sich dabei sehr zurück und lenkt stattdessen den Fokus auf das Schauspielensemble sowie die Entwicklung der relativ komplexen Handlung, in deren Verlauf die Machtfrage vermeintlich geklärt wird und mit Novizin Agnes (Muriel Catalá, „Der Erlöser“), auf die Julia ein Auge wirft, eine weitere Figur an Bedeutung gewinnt, die die Gemengelage nicht unkomplizierter macht. Die Schauspielerinnen auseinanderzuhalten fällt zunächst schwer, da sie ihrem Nonnendasein entsprechend alle gleich angezogen sind. Da sie aufgrund ihrer Affären aber auch zum Ausziehen neigen und Paolella sich nicht davor scheut, ihre entblößten Oberweiten mit der Kamera einzufangen, sorgen sie in der Folge für einen gewissen Erotikfaktor, beweisen sich aber auch als seriösere Darstellerinnen, die den Film zu tragen verstehen. Leider müssen sie gegen eine schwächelnde Dramaturgie anspielen, die Spannung zu verurteilen und somit zu vermeiden scheint wie die Katholiken das Hinterfragen des Zölibats.
„König Philipp macht sie zu Sklaven!“
Die durch das authentisch anmutende Ambiente und Interieur begünstigte Atmosphäre der Klaustrophobie, des Misstrauens und der Grenzüberschreitungen bei gleichzeitigen sündhaften körperlichen Begehren kulminiert indes in einigen aufmerken lassenden Einzelszenen wie Selbstverletzungen im Zuge verzweifelter Bändigungsversuche der Lust oder Hetzjagden auf ein Liebespaar. Eine Zäsur wird schließlich von anonymen Briefen eingeleitet, die Carafa erreichen. Zusammen mit dem Erzbischof beruft er ein inquisitorisches Gericht ein, woraufhin „Die Nonne von Verona“ seinen Härtegrad anzieht: Man greift zu den bekannten unmenschlichen Foltermethoden gegen unbekleidete Opfer und fällt ein Todesurteil. Die dem Tode Geweihte hält noch eine nur allzu wahre Brandrede, bevor Paolella ihren Todeskampf inszeniert und mit einem Bibelzitat aus dem Off schließt.
Es ist schade, dass der musikalisch mit sakralen Gesängen und Kirchenorgelklängen stimmig unterlegte Film nicht etwas packender ausgefallen ist, denn im Großen und Ganzen weiß diese kluge Anklage der Kirche gerade auch aufgrund ihrer verglichen mit typischen Nunploitation-Vertretern seriöseren Herangehensweise sehr zu gefallen. Auf diese Weise ist er möglicherweise sogar provokanter als manch Sex-und-Gewalt-Orgie, weil ernstzunehmender – zumal er diese Themen auch alles andere als ausspart. Dass sich von den Figuren generell kaum jemand mit Ruhm bekleckert, vermeidet zudem allzu naheliegende Täter(innen)/Opfer-Klischees. 6,5 von 10 meiner Beichten, bei denen jeder Pfaffe sich die Inquisition zurückwünscht, widme ich daher Paolellas „Nonne von Verona“.