Philip Kaufman ist alles andere als ein Vielfilmer, alle paar Jahre ein Film, aber häufig einer, der zählte – insofern ist die Enttäuschung, die angesichts von „Twisted“ aufkam, verständlich.
Dabei fängt der prominent besetzte Thriller richtig stark an: Die Polizistin Jessica Shepard (Ashley Judd) kann einen Killer festnehmen, was ihr eine Beförderung und eine Versetzung in die Mordkommission einbringt, aber auch viel Neid. Raffiniert ist jedoch, dass der Film schon bald andeutet, dass dies weder ein gezielter Alleingang war, wie Jessicas Mentor und Vaterersatz John Mills (Samuel L. Jackson) glaubt, noch ein zufälliges Stolpern über den Verdächtigen, wie ihr ein neidischer Kollege vorwirft, sondern sie den Killer auf der Suche nach Mannesfleisch für einen One Night Stand aufgabelte.
Gerade diese etwas dunkle Seite der Polizistin wird bald in einem anderen Kontext wichtig. Jessica, die auf der Suche nach durchaus rauen One Night Stands Bars abklappert und auch mit mehreren Herren aus ihrem Arbeitsumfeld etwas hatte, wird an einen Tatort gerufen und muss in dem Opfer eine ihrer Kurzbekanntschaften erkennen. Das kompliziert den Fall natürlich und torpediert Jessicas Ruf schon kurz nach ihrem Start in der neuen Abteilung.
Doch die Lage spitzt sich weiter zu: Bald finden Jessica und ihr Partner Mike Delmarco (Andy Garcia) ein identisch zugerichtetes Opfer, mit dem Jessica ebenfalls ein Verhältnis hatte. Anscheinend wählt der Killer gezielt ihre Ex-Lover aus…
„Twisted“ fängt so stark an, doch gerade der interessanteste Plotstrang, der um den zu Beginn verhafteten Killer Edmund Cutler (Leland Orser) wird bald fallengelassen, obwohl er die größte Sprengkraft besitzt. Stattdessen dient der potentiell rufschädigende Killer bloß als Mittel um einen weiteren früheren Liebhaber, seinen Anwalt einzuführen. Und da beginnt der Film fast ärgerlich zu werden, denn nicht nur scheint Jessica die einzige Frau in der Stadt zu sein, denn es interessiert sich fast jeder männliche Charakter des Films für sie, noch dazu wirkt ihr promiskuitiver Charakter selten wie eine Verkörperung starker Weiblichkeit, sondern als Negativbeispiel, das eventuell Mike als potentieller Neu-Lover gebändigt kriegt. Oder ist etwa er der Killer?
Leider ist „Twisted“ als Whodunit reichlich müde. Jessicas allnächtliche Blackouts sollen zwar den Verdacht erzeugen sie würde sich selbst durch die Reihen ihrer Lover killen, doch Kaufmans Inszenierung macht schon von Blackout Numero Uno klar, dass sie Opfer von Betäubungsmitteln in ihrem dauernd konsumierten Wein ist. Warum Jessica sich aber trotz eines Verdachts, dass sie selbst außer Kontrolle geraten sein, jeden Abend tüchtig mit Vino betankt, dass bleibt wohl Geheimnis des Drehbuchautors. Stattdessen gibt es dann einen neidischen Kollegen, zwei Ex-Liebhaber (einer davon aufbrausend), John als moralische Anstalt und Mike als mysteriösen Typen in der Rolle der Verdächtigen, doch einer der Beteiligten hat eine kleine Rolle, zwei weitere gehen über die Klinge des Killers und einer wird so offensichtlich als potentieller Täter vorgeführt, dass er es nach Thrillerlogik schon mal nicht sein kann. Dementsprechend hat man den Braten schnell gerochen, zumal der Film überdeutlich Hinweise zwischen den Zeilen gibt, wer den nur den Männern den Schädel einschlägt.
Tatwaffe ist lustigerweise ein Kurzschlagstock, was ja schon per se ein phallisches Instrument ist, aber hier ist er auch noch wie Penis geformt – Subtext ahoi! Kaufmans Montage hat dann ein paar subtilere Witze auf Lager, z.B. wenn direkt von Jessicas Psychologengespräch wegen ihrer Aggression zu ihrem Selbstverteidigungskurs geschnitten wird, die Bilder sind hübsch düster, doch bleibt der Film recht leer. Denn nicht nur ist das Whodunit durchschaubar, auch die Bedeutung des Subplots um Jessicas Vater schnell erkannt, zudem sind auch die Ermittlungsarbeiten der Cops selbst recht ergebnisarm, konzentrieren sich in erster Linie aufs Leichenaufsammeln.
Ashley Judd hatte sich ja spätestens seit „Kiss the Girls“ als Tough Girl etabliert und trägt ihre häufig verkörperte Rolle hier noch einen Schritt weiter, durchaus routiniert, aber mehr auch nicht. Samuel L. Jackson ist okay, Andy Garcia relativ überzeugend, doch die besten Performances findet man hier in den Nebenrollen, doch lediglich David Strathairn als Psychologe bekommt da Raum zum Glänzen, während man Leute wie Russell Wong und Titus Welliver mit undankbaren Bit-Parts verheizt.
So bleibt ein müdes Whodunit, das seine Geheimnisse zu früh und zu klar preisgibt (und damit ist nicht die offensichtlich als solche angelegte falsche Fährte gemeint) und das seine interessantesten Ansätze im Sande verlaufen lässt. Brauchbar inszeniert und solide gespielt, aber ein Film der verschenkten Chancen.