Review

Ehrenmann


Wer hätte gedacht, dass ein sau teurer, extravagant auf allen Plätzen besetzter Historienedelschinken irgendwo zwischen „Rashomon“ und „Gladiator“ inklusive noch immer akutem Thema in diesem Jahr zu einem der größten (finanziellen) Flops werden kann? Regisseur und Vielfilmer (für sein Alter) Ridley Scott scheinbar nicht, so wie er sich nun über ungeduldige junge Generationen in Rage redete und diesen Fehlschlag nicht verstehen kann. Doch auch wenn er da etwas überzielt, kann man den Mann schon verstehen. Sowohl was die Aufmerksamkeitspanne der Generation Z als auch die ohne Frage feinste Qualität seines Ritterdramas betrifft. Immerhin ist sein elegantes Epos jetzt schon per Streaming ins Wohnzimmer holbar, selbst wenn ich diese epischen Bilder schon gerne im Kino gesehen hätte. Doch da war er gefühlt kürzer und rarer als man „Disney+“ sagen kann. In dem dreikapiteligen Charakterstück getränkt in Blut, Schlamm, Scham und metallischer Rüstung wird die gleiche (Vergewaltigungs-)Geschichte aus drei verschiedenen, beteiligten Blickwinkeln erzählt - was dann wiederum zum finalen, famosen Ritterduell der zwei (zuvor befreundeten) Männer führt…

„The Last Duel“ ist eine Wohltat für das Auge. Wie Ridley Scott das Mittelalter in all seiner dreckigen Art auf die Leinwand zaubern kann, ist nahezu nur ihm überlassen. Da kommen nur wenige ran wenn er in Topform und mit Motivation inszeniert, arrangiert und aufstellt. Dazu schauspielerische Schwergewichte wie Affleck, Damon und Driver, denen selbst lächerliche (aber authentische?) Frisuren rein gar nichts anhaben können. Und eine junge Frau Comer, die mit ihren emotionalen Nuancen, ihrer zeitlosen Schönheit und allgemein als Ausgangspunkt für die brutale Farce alle in den Schatten stellt. Mit etwas Redundanz muss man leben, allein wegen dem speziellen, aber eigentlich sehr intelligenten und passenden Aufbau. So deutlich über zwei Stunden hätte es eventuell nicht unbedingt gehen müssen. Dennoch war ich von vorne bis hinten voll drin und gedanklich nie auch nur ansatzweise am Abschweifen. Die Themen sind zeitlos und absolut aktuell, diskussionswürdig. Der Aufbau hat seine Gründe. Die Action ist wuchtig wie ein Amboss. Kostüme, Sets und Sound sind mächtig. Der entscheidende Kampf hat das Zeug für filmische Geschichtsbücher. Insgesamt sollte man das dieses Jahr einfach nicht verpassen, kann und will ich das kaum kritisieren. Vielleicht kein „Gladiator 2“. Aber ein tolles Warm Up für den. 

Fazit: prachtvolles, zeitaktuelles und schmerzhaft intimes wie universelles Mittelalterschlachtengemälde, in dem Ridley Scott nochmal zeigt, was er auf diesem Gebiet drauf hat. Etwas lang - aber keine Sekunde unnötig oder langweilig! 

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