Review

Ein mörderisches Wochenende ohne Biss

Tommy Wirkola ist ein Regisseur, bei dem man eigentlich immer das Gefühl hat, dass gleich etwas aus dem Ruder läuft – im besten Sinne. Ein Mann, der mit „Dead Snow“ den Nazi-Zombiefilm wiederbelebte, mit „What Happened to Monday“ dystopische Spannung lieferte und mit „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ das Grimm’sche Märchen in eine Splatter-Orgie verwandelte. Ein Regisseur also, der gern mit Genre-Grenzen spielt, sie dehnt, zerfetzt, mit Kunstblut bekleckert und dann mit einem sardonischen Grinsen sagt: „Na, war doch spaßig, oder?“

Umso erstaunlicher, dass „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ bei all seinem Potenzial wie ein auf halber Strecke ausgerutschter Gag wirkt. Eine schwarze Komödie, ein Thriller, ein Ehedrama – und irgendwie nichts davon ganz. Ein Film, der alles will: grotesk, brutal, witzig, clever, tiefsinnig. Und am Ende, trotz Blut und Biss, nur ein müdes Zähnefletschen zustande bringt. Das Setting klingt auf dem Papier wunderbar makaber: Ein Ehepaar, Lisa (Noomi Rapace) und Lars (Aksel Hennie), fährt in eine abgelegene Hütte am See, um ihre am Boden liegende Ehe zu retten. So weit, so skandinavisch depressiv. Doch der Clou: Beide planen, den jeweils anderen dort umzubringen. Ein mörderisches Wochenende also – im wahrsten Sinne.

Was folgt, ist ein Reigen aus Missverständnissen, grotesken Wendungen und ungewollten Komplizen – ein Kammerspiel, das sich nach und nach zum Splatter-Szenario aufbläht. Die Zutaten: viel Kunstblut, eine Handvoll Gangster, ein paar Beziehungsdialoge und der Versuch, daraus eine satirische Parabel über das moderne Scheitern zu destillieren. Doch während sich das Drehbuch anfangs noch elegant zwischen zynischem Beziehungsdrama und rabenschwarzer Komödie bewegt, verliert es nach gut einer halben Stunde den Takt. Wirkola und seine Co-Autoren scheinen zu sehr in die Versuchung geraten zu sein, jede Szene noch eine Spur absurder zu machen. Das Ergebnis: ein tonal unsteter Film, der sich zwischen sarkastischem Ehedrama, Slapstick-Massaker und düsterem Thriller nicht entscheiden kann. Die Prämisse trägt – theoretisch. Doch in der Praxis nutzt sich die Idee, dass beide Partner gleichzeitig Mörder und Opfer sein wollen, erstaunlich schnell ab. Zudem ist der Film mit 114 Minuten Laufzeit schlicht zu lang geraten; mindestens zwanzig Minuten weniger und eine straffere Erzählweise hätten ihm spürbar gutgetan.

Tommy Wirkola hat sich in seiner Karriere nie gescheut, Genregrenzen zu sprengen. Seine Filme waren immer hemmungslos, oft geschmacklos, aber selten langweilig. In „The Trip“ hingegen wirkt er erstaunlich brav. Zwar blitzt hier und da die alte Lust am Exzess auf, etwa wenn sich Rapace und Hennie in fein choreografierten Gewaltausbrüchen gegenseitig zu Leibe rücken. Und natürlich gibt es sie auch hier, die Splatter-Momente. Es spritzt, es kracht, es wird gefoltert, gebissen, gewürgt – das ganze Register. Doch was einst Wirkolas Markenzeichen war, seine fast kindliche Freude am überzogenen Splatter, wirkt hier erstaunlich gezügelt. Die Gewalt ist da, aber sie entfesselt nichts. Sie schockiert nicht, sie amüsiert nicht, sie passiert einfach. Der Film kommt von Anfang an nie wirklich in Fahrt, pendelt unentschlossen zwischen Komödie, Thriller und Beziehungsdrama – und erreicht keines dieser Ziele mit Überzeugung. Was „The Trip“ gerne wäre, liegt auf der Hand: ein bitterböser, selbstreflexiver Spaß irgendwo zwischen Tarantino, den Coen-Brüdern und skandinavischem Zynismus. Was er ist: ein Film mit dem Look und der Dynamik eines etwas zu ambitionierten Fernsehfilms.

Wirkola verlegt die Handlung in eine abgeschiedene Wald- und Seenlandschaft – eigentlich ein gefundenes Fressen für Spannung, Isolation und klaustrophobisches Unbehagen. Doch die Atmosphäre wirkt erstaunlich steril. Das liegt vor allem am Look: glatte Digitalbilder, kaltes Licht, eine sterile Farbpalette – alles erinnert eher an einen TV-Krimi als an einen Kinofilm mit künstlerischem Anspruch. Das ist besonders schade, weil die Idee eines bitterbösen Beziehungsthrillers à la „Mr. & Mrs. Smith“ trifft „Fargo“ eigentlich nach visueller Extravaganz schreit. Stattdessen inszeniert Wirkola das Geschehen mit der Zurückhaltung eines Fernsehdramas. Die beiden Haupdarsteller halten dieses fragile Konstrukt aufrecht. Noomi Rapace und Aksel Hennie werfen sich mit sichtbarer Spielfreude in ihre destruktive Ehehölle. Rapace, die ohnehin nie halbe Sachen spielt, verkörpert Lisa mit jener intensiven Mischung aus Zorn, Müdigkeit und verletzter Würde, die man ihr sofort abnimmt. Sie liefert eine starke, körperlich präsente Performance. Aksel Hennie als ihr Gegenpart Lars ist das perfekte Gegenstück - er gibt den egozentrischen, leicht verzweifelten Ehemann mit wunderbar zynischem Unterton. Die Chemie zwischen Rapace und Hennie ist das, was „The Trip“ letztlich über Wasser hält.

Fazit

„The Trip“ ist ein Film, der viel will, aber wenig erreicht. Zu brav für eine echte schwarze Komödie, zu zäh für einen Thriller, zu glatt für ein Kultobjekt. Der Film wäre gern böser, als er sich letztlich traut zu sein. Eine schwarzhumorige Thrillerkomödie, der der gewisse Pepp fehlt. Ein bisschen Tarantino, ein bisschen Coen, ein bisschen Nordic Noir – am Ende aber vor allem: Durchschnitt. Der Film hat Momente, in denen man seine Ambition spürt, seine Lust am Spiel mit Gewalt, Moral und Beziehungskatastrophen. Doch am Ende bleibt er ein erstaunlich zahmes, visuell steriles und dramaturgisch zu langatmiges Werk, das mit zwanzig Minuten weniger Laufzeit, mehr Tempo und einem Schuss Wahnsinn tatsächlich hätte glänzen können. So aber bleibt ein mörderisches Wochenende, das leider nur halb so mörderisch ist, wie es klingt.

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