Als Touristenführer in Tel Aviv lebt es sich für den früheren Södlner Segev Azulai (Lior Raz) einigermaßen bequem, vor allem, seit er bei dieser friedlichen Tätigkeit die deutlich jüngere US-Amerikanerin Danielle (Kaelen Ohm) kennengelernt und schließlich geheiratet hatte. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn die begabte Tänzerin wird am Weg zum Flughafen von Unbekannten absichtlich überfahren. Der völlig konsternierte Segev kann diesen plötzlichen Tod nicht fassen, will nicht an einen Unfall glauben und stellt eigene Ermittlungen an: Danielle wollte zu einem Vorstellungstermin nach New York, außerdem ergeben die Ermittlungen zum Tatfahrzeug, daß dieses einem stadtbekannten Gangster gehört und von zwei Auftragskillern kurzfristig benutzt wurde. Obwohl seine schwangere Cousine Tali Shapira (Moran Rosenblatt) von der Tel Aviver Mordkommission ihn davon abhalten möchte, macht er sich auf den Weg nach New York. Dort trifft er sich mit seinem ehemaligen Kampfgefährten Ron Sharon (Gal Toren) und spannt auch die schwarze Journalistin Naomi Hicks (Sanaa Lathan) in seine Suche nach den Todesumständen seiner Frau ein. Als er einen Tag nach der Trauerfeier von Danielles Familie, den Wexlers, deren Haus erneut aufsucht, ist es leergeräumt. Und auch bei den diversen New Yorker Tanzschulen kennt niemand eine Danielle Wexler...
Die israelische Produktion Hit & Run, deren Titel auf den Mordanschlag auf Danielle Bezug nimmt, bietet eine furiose Jagd nach unbekannten Hintermännern in Tel Aviv und New York, lebt dabei von zahlreichen Wendungen und der spätestens in der 2. Folge feststehenden Erkenntnis, daß die US-Tänzerin offenbar nicht das zu sein schien, was sie zu sein vorgab. Eine Erkenntnis, die Hauptdarsteller Segev, einem kampferprobten, halstätowierten Kleiderschrank mit Glatze und Dreitagesbart umso bitterer aufstößt, war die grazile Tänzerin doch sein Ein und Alles. Mit ihr und der 13-jährigen Tochter aus erster Ehe wollte er, der zuletzt 4 Jahre als Söldner in Mexiko Leute umgebracht hatte, ein neues Leben beginnen. Sein ganzes Weltbild scheint nachhaltig zerstört, nachdem er im Zuge seiner Nachforschungen erfahren muß, daß seine ermordete Frau während ihrer kurzen Ehe auch noch eine längere Affäre mit einem israelischen Geschäftsmann hatte und ihm dieser dies auch noch beiläufig bestätigt...
Eine durchaus interessante Ausgangslage also, in der ein eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben stehender Mann plötzlich alles hinterfragen muß, an was er geglaubt hatte. Doch der stets schnellentschlossene Segev zögert nicht lange, sucht den einzig verbliebenen Freund auf, dem er noch vertraut und gemeinsam kommen die ehemaligen Gefährten dem Geheimnis Stück für Stück auf die Spur. Daß dabei vieles nicht so ist, wie es scheint und sie trotz Einsatzes erheblicher krimineller Energie von diversen Hintermännern ein ums andere Mal getäuscht werden, kaum daß sie glauben, etwas herausgefunden zu haben, trägt zur Spannung der zu Beginn verworren scheinenden Story bei - natürlich haben auch der Mossad und die CIA ihre Finger im Spiel wie überhaupt viele Figuren ihre partiellen Interessen verfolgen, und erst ganz zuletzt wird klar, worum es eigentlich geht/ging.
In 9 Folgen zu je ca. 40 Minuten entfaltet sich ein weitverzweigtes Machtspiel, in dem Segev nur eine winzige Schachfigur zu sein scheint - dabei kann man mit dem Hauptdarsteller, der bezüglich Mimik und Gestik wahrlich keine Offenbarung darstellt (von dem ewig ungeduscht-muffigen, nie-die-Klamotten-wechseln-Image gar nicht zu reden) noch nicht einmal besonders mitfiebern, da einige Nebendarsteller erheblich positiver auffallen. Zu nennen sind hier besonders die von einer Samenbank schwangere Tali, eine toughe Polizistin, deren Ex-Freund sich zu ihrer Überraschung wieder an sie heranmacht oder auch der etwas schwerfällig wirkende Ron, der nach seinem Mexiko-Einsatz eine bescheidene Existenz in den USA aufgebaut hatte, die er für seinen Kumpel Segev dennoch bereitwillig aufs Spiel setzt - am meisten natürlich die engagierte Journalistin Naomi, mit der Segev Jahre zuvor eine kurze Liaison hatte und die die brisante Story von der in Israel ermordeten Tänzerin gerne als Top-Story in einem großen Magazin platzieren möchte, sehr zum Unwillen ihres Ehemanns, der als Anwalt auf rechtskonformes Vorgehen pocht und das forsche Vorgehen des hemdsärmeligen Israeli überhaupt nicht schätzt. Auch ein kleiner schwarzer New Yorker Streifenbeamter, dem manches plötzlich merkwürdig vorkommt oder der Tel Aviver Geschäftsmann, der wegen seiner zahlreichen Affären von seiner Frau rausgeschmissen wird und am Ende nochmals einen Auftritt hat, sind trotz ihrer kurzen Screentime fein herausgearbeitete Charaktäre.
Der temporeiche Thriller, der sich zum Binge-watchen bestens eignet, enthält nicht allzuviele Logiklöcher (sieht man einmal von einigen Kills ab, die viel zu schnell oder gar nicht näher abgehandelt werden) und wartet am Ende mit einem klassischen Cliffhanger auf, der eine weitere Staffel mehr als nur möglich erscheinen läßt.
Trotzdem Netflix eine deutsche Sprachversion anbietet, kann man sich diese bei Hit & Run getrost sparen, da in dieser deutschen Synchro nur die 20% englischer Passagen tatsächlich deutsch synchronisiert sind, während in den restlichen 80% hebräischer Originalton gesprochen wird - ohne jede Synchro versteht sich, womit das Zuschalten von Untertiteln angeraten ist.
Insgesamt vermag die (kolportiert allererste) israelische Netflix-Produktion jedoch durchweg gut zu unterhalten und man darf auf eine weitere Staffel gespannt sein - 7 Punkte.