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Staffel 1

Als die junge Lisa Nova (Rosa Salazar) Anfang der 1990er Jahre nach L.A. kommt, ist sie noch voller Euphorie: ihr selbstgemachtes studentisches Horror-Kurzfilmchen stieß bei Produzent Lou Burke (Eric Lange) auf Interesse, und nun hat sie einen Besprechungstermin mit ebenjenem, der daraus möglicherweise einen Langfilm und die Nachwuchsregisseurin hierzu mit den richtigen Leuten bekannt machen möchte.
Schnell ist ein Vertrag unterzeichnet, den sich Lisa, die darauf bestand, als Regisseurin dabeizusein, jedoch nicht gut genug durchgelesen hatte, denn kurz danach erfährt sie über Dritte, daß Burke statt ihrer einen jungen Protégé als Regisseur für den Film engagiert hat. Alle Versuche, Burke umzustimmen, scheitern, im Gegenteil, der in die Jahre gekommene Produzent, der selbst dringend wieder einen Kassenschlager gebrauchen könnte, versucht stattdessen Lisa an die Wäsche zu gehen, was diese jedoch abwehrt.
Auf einer (Film-)Party lernt sie die ältere Boro (Catherine Keener) kennen, die ihr ganz unvermittelt ihre Dienste anbietet: sie könne jemandem wehtun, wenn Lisa dies wünsche. Die junge Frau, die sich um ihren Film geprellt sieht und Burke die Pest an den Hals wünscht, stimmt ohne lange zu zögern zu. Doch trotzdem sie ein paar merkwürdige Verhaltensregeln beachtet, die ihr Boro vorschreibt, will sich die Rache, die Lisa vorschwebt, nicht wirklich einstellen: statt höllischer Qualen erleidet Burke zunächst nur einen harmlosen Schluckauf. Dafür muß Lisa einiges durchmachen: sie kotzt Katzenbabys aus, die sie der Alten mitbringen muß. Und überhaupt ist der Preis, den sie im Lauf der Zeit für ihre Rache bezahlt, wesentlich höher, als sie es sich zunächst vorstellen kann - doch es gibt kein Zurück mehr...

Inhaltlich auf einem Fantasy-Roman basierend hat Streaming-Gigant Netflix ein Regisseurs- und Autorenkollektiv mit der Umsetzung der märchenhaften Geschichte beauftragt - herausgekommen ist die 8-teilige Serie mit dem plakativen Titel Brand New Cherry Flavor, in deren jeweils etwa 45-minütigen Episoden einige krude Ideen zwar optisch eindrucksvoll umgesetzt wurden, die inhaltlich aber keineswegs überzeugen kann: zum einen gibt es keine ausgesprochenen Sympathieträger, zum anderen stagniert die Handlung nach den ersten 3 durchaus vielversprechenden Episoden, um sich spätestens ab der 5. Folge, als die Fronten geklärt sind, in auf der Stelle tretenden Wiederholungen zu ergehen und sich danach - besonders in den letzten beiden Episoden - mehr oder weniger selbst zu karikieren, ein offenes Ende nebst diverser genauso offener Fragen natürlich inklusive.

Dabei fängt die Geschichte gar nicht mal so übel an: eine selbstbewußte junge Dame brasilianischer Herkunft, die einstweilig bei Bekannten in L.A. unterkommt und ihre Film-Idee gegenüber einem routinierten Produzenten und seinen finanzkräftigen Hintermännern vertritt, indem sie sich - leider nur mündlich - zusichern läßt, als Regisseurin daran mitzuwirken, fühlt sich verarscht. Die - zunächst berechtigte - Wut darüber, so eiskalt abgezockt worden zu sein, läßt sie dann jedoch einen Rachefeldzug unternehmen, an dessen Ende die Zerstörung des Lebens (des Produzenten Burke) stehen soll, was irgendwie übertrieben und schon nicht mehr nachvollziehbar erscheint. Auch der Umstand, daß sie selbst zunächst deutlich mehr leiden muß als das Objekt ihres faustischen Pakts bringt sie nicht von ihrem Ziel ab - erst viel später (filmdramaturgisch deutlich zu spät), als sie von ihrem Plan zurücktreten und den Deal mit der Alten aufkündigen will, muß sie erfahren, daß sie die Büchse der Pandora nicht mehr schließen kann.

Gleichwohl der Film klar als Hexen- und Mystery-Streifen außerhalb einer realen Welt angesiedelt ist und viele Begebenheiten den Plot gewollt ins Lächerliche ziehen (wie etwa eine Vogelspinne, die den Sohn des Regisseurs in den Penis beißt - hach wie lustig), strotzt die Handlung nur so vor Logiklöchern, weiß diese jedoch mit diversen, durchwegs gelungenen graphischen Effekten immer wieder zu umschiffen. So ist beispielsweise das durchaus schmerzhafte Auskotzen von Katzenbabies ein wiederkehrender Effekt, der, nachdem sich Lisa darüber beschwert hatte, sogar noch getoppt wird, als der weiße, fast haarlose Vierbeiner dann mal an einer anderen Körperstelle austritt. Von solchen, teils ekelhaften Szenen, von denen aber um des Spoilerns willen nichts weiter verraten werden soll, lebt Brand New Cherry Flavor, der auf deren stylishe Umsetzung größten Wert legt.

Umso mehr werden dafür neben dem Plot dann auch die weiteren Charaktäre vernachlässigt, die eigentlich nur willenloses Kanonenfutter darstellen, wenn Lisa ihren Fokus weg vom immer matter werdenden Burke auf ihren eigentlichen Gegner richtet: einen 900 Jahre alten Geist, der einst ein mächtiger Krieger war, dann ein Jaguarweibchen bumste (wtf?) und mit diesem einen magischen Deal einging, nach einem gescheiterten Betrugsversuch jedoch ruhelos durch die Zeit springen muß. Solcherlei Schwachsinn umrankt dann den weiteren Handlungsverlauf, dem als skurrile Elemente beispielsweise eine Falltüre im Schlafzimmer zu einem geheimnisvollen Kellerraum (erstaunlicherweise ohne die darunter liegende Wohnung zu berühren) oder eine Kröte, der man den Rücken ablecken muß, um seine Feinde zu erkennen, beigegeben werden - Sinn ergibt das dann allerdings keinen mehr, all diese bunten Nebengeräusche dienen nur einem Zweck: dem Selbstzweck.

Fazit: Brand New Cherry Flavor ist ein streckenweise bildgewaltiges Fantasy-Märchen, das sich allerdings viel zu schnell in optischen Effekten verliert und dem man sein krampfhaftes Bemühen, die bestenfalls durchschnittliche Hauptdarstellerin als Heldin aufzubauen, nicht recht abnehmen will. Ganz klar Style over Substance - mehr Augenmerk auf eine substantielle Handlung (die über Ansätze nicht hinauskommt), wenigstens halbwegs sympathische Mitspieler und die Straffung auf 5, maximal 6 Episoden hätte eine deutlich bessere Wertung zur Folge. 5 Punkte.

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