Keinen sonderlich vertrauenserweckenden Eindruck macht das mehrstöckige alte Haus, für das auf Flyern mit günstiger Miete geworben wird, doch Ambar (Cristina Rodlo), eine junge Mexikanerin, gerade eben ohne Papiere in die USA eingeschleust, bleibt keine Wahl und so zieht sie vorerst ein in diese etwas heruntergekommene Absteige in Cleveland/Ohio, in der sich nur Frauen einmieten dürfen. Besitzer Red (Marc Menchaca), ein vollbärtiger Mittfünfziger, der optisch exakt zum Haus passt, verlangt jedoch eine Monatsmiete im Voraus als Kaution, was die junge Einwandererin in Schwierigkeiten bringt, wollte sie mit ihrem wenigen Ersparten doch einen gefälschten Pass um 1.000 $ kaufen, der sie als gebürtige Texanerin ausweist. Doch dieser Pass, mit dem sie sich ein Vorstellungsgespräch erschwindeln wollte, kostet mittlerweile unerreichbare 3.000 $ und so entscheidet sie sich zunächst für die Kaution und somit ein Dach über dem Kopf - den fehlenden Betrag will sie durch schlecht bezahlte Akkord-Arbeit in einer Fabrik dazuverdienen.
Schon ab der ersten Nacht in der Pension wird Ambar jedoch durch merkwürdige Geräusche und Sinnestäuschungen gestört, und auch tagsüber träumt sie von Besuchen am Krankenbett ihrer verstorbenen Mutter, die stets die gleichen Worte wiederholt, welche sich auch auf der Mailbox ihres Handys befinden. Auch eine merkwürdige steinerne Kiste, aus der Hände herausgreifen, gehört zu den sich wiederholenden Traum-Motiven - solcherlei offensichtlich unaufgearbeitete psychische Probleme kosten Ambar am Ende auch ihren (miesen) Job, selbst andere Mitbewohnerinnen, die sie abends in der Gemeinschaftsküche trifft, sind ihr keine Hilfe, sie muß ihre Probleme alleine lösen. Als sie eines Nachts eine Auseinandersetzung unsichtbarer Personen (Fußabdrücke, herabfallendes Geschirr und ein bewegtes Bett) direkt vor ihrer Nase mitbekommt, fasst sie den Entschluß, sofort zu fliehen. Doch das Spukhaus läßt sie nicht so leicht entkommen...
Basierend auf einer Romanvorlage (The Ritual von Adam Nevill, der auch am Drehbuch mitschrieb) zieht Regisseur Santiago Menghini in No One Gets Out Alive das bekannte Haunted House-Setting auf, in dem eine junge Migrantin strandet. Ambar, Mitte Zwanzig, deren Vorgeschichte unbeleuchtet bleibt, möchte wie so viele andere ihr Glück in den Staaten versuchen, hat kaum Kontakte, keinen Freund und ist weitgehend auf sich allein gestellt, als sie in das verwunschene Anwesen gerät. Der eher langsam-gutmütige Red hat allerdings noch einen kranken Bruder, auf den er, wie er sagt, Rücksicht nehmen muß, Becker (David Figlioli), einen wortkargen glatzköpfigen Hünen, mit dem überhaupt nicht zu verhandeln ist - ab dessen Auftreten etwa in Filmmitte wandelt sich Ambers bislang freiwilliger Aufenthalt in der Pension in einen erzwungenen.
Irgendetwas Merkwürdiges ist hier vorgegangen, und die immer wieder auftauchenden Geister, die Amber kurz zu sehen bekommt, sind nicht ohne Grund hier versammelt, doch versucht die beherzte junge Mexikanerin stets sich selbst zu retten und zu entkommen, statt - wie in so vielen anderen Genre-Vertretern - im Sinne der Zuseher ein dunkles Geheimnis zu ergründen. So begnügt sich No One Gets Out Alive lange Zeit mit dezentem Mystery-Horror, verzichtet weitgehend auf jump scares und läßt auf diese Weise eine angenehm gruselige Atmosphäre entstehen, in der die beiden Brüder - vor allem Becker - wesentlich gefährlicher erscheinen als die Spukerscheinungen, bei denen nicht immer klar feststeht, ob sie von Geister-Tätigkeit herrühren oder auf Ambers Gemütszustand (Stichwort: Flashbacks, Halluzinationen) zurückzuführen sind.
Den authentisch agierenden Darstellern (vor allem Cristina Rodlo) stehen bei unauffälliger Kameraführung und einem angemessenen Erzähltempo als Positiva auf der anderen Seite neben der kaum vertieften Einwanderer-Thematik budgettechnische Einschränkungen gegenüber, die allerdings erst zum Schluß auffallen, als ein, soviel sei verraten, nicht sonderlich gelungenes CGI-Monster auftaucht. Dessen Erscheinung (u.a. mit einem Raubtiergebiß an Stelle der Vagina) mag durchaus als kreativ bezeichnet werden, die graphische Darstellung läßt jedoch zu wünschen übrig. Dafür wissen einige wenige blutige Effekte (wie ein eingeschlagener Schädel) durchaus zu überzeugen. Der Film, der in den Staaten spielt, in der Romanvorlage in England angesiedelt ist und schlußendlich in Rumänien gedreht wurde, wirkt jedoch an keiner Stelle billig - vielmehr hinterläßt No One Gets Out Alive, der am Ende nicht alle, aber zumindest die wichtigste Frage beantwortet (man achte hierzu genau auf die letzten Einstellungen) das für Mystery-Streifen so typische Seltsam? Aber so steht es geschrieben-Gefühl.
Fazit: Nicht sonderlich innovativ, dennoch solider Horror-Durchschnitt und für Genre-Freunde auf jeden Fall einen Blick wert: 6 Punkte.