Review

Nachdem der Slasher gerade stabile fröhliche Urständ in „Jemand ist in deinem Haus“ feierte, kehrt auch mit „Niemand kommt hier lebend raus“ ein alter Bekannter zurück, dessen Eltern sich in der Vergangenheit nicht immer zwingend gut verstanden haben: der Geistergrusler und das „Monster im Keller“.

Eigentlich habe ich mir von dem Konzept „Illegale Immigrantin hört Heulen und Zähneklappern in ihrer Notzuflucht“ nicht sonderlich viel versprochen, aber Themen werden um so wirksamer, je versierter die Filmemacher dahinter sind. Santiago Menghini, der Direktor dieses Schauerstücks, der bisher nur in einer Reihe seiner eigenen Kurzfilme reüssierte und dabei auch gleich noch die visuellen Effekte konstruierte, sollten sich die Zuschauer merken, denn auch wenn er hier jetzt nicht den Wellenbrecher schlechthin produziert hat, beweist er mit seinem Langfilmdebüt doch streckenweise eindrucksvoll, dass mit ihm zu rechnen ist.

Viel interessanter bzw. kontroverser muss man sich die Skriptabteilung vorstellen, denn der Film basiert auf einem Roman von Adam Nevill, welcher auch schon für die Vorlage des beeindruckenden „Das Ritual“ zuständig war. Die Autoren Jon Croker und Fernanda Koppel allerdings waren bisher meistens als Editoren und Skriptdoktoren unterwegs (Croker schrieb immerhin „Woman in Black 2“, wobei das jetzt nicht eben Shakespeare oder Coppola, aber solide war), weswegen ihre Leistung vermutlich neben Lob durchaus am diskutabelsten ist.

Ihr Werk zerfällt nämlich ein wenig in zwei Teile, die sich zwar letztendlich halbwegs ergänzen, aber den genial-individualistischen Touch vermissen lassen, den andere Teams mit sich bringen.
Die erste Hälfte des Films wirkt sehr harmonisch, vom „cold open“ mit dem nötigen „Beispielopfer“, übergehend in einen Zusammenschnitt von Schmalfilmaufnahmen rund um eine Expedition irgendwo im Dschungel, bei dem aus einem Grab oder einer Höhle ein mysteriöses Behältnis geborgen wird. Dann richtet sich der Fokus zunächst vornehmlich auf die Protagonistin Ambar, die illegal in Cleveland in einer Textilfirma arbeitet, weil es bis zum ersten eigenen Ausweis (gefälscht, selbstverständlich) noch eine Weile dauert. Jahrelang pflegerisch bei der Mutter tätig, die sie als Tochter so eher an einer individuellen Entwicklung gehindert hat, hadert sie nun mit dem Geldmangel und den Umständen. Die Schwarzmarktpreise sind hoch und die Mieten sind es auch, also bleibt ihr nur ein billiges Zimmer (Vermietung nur an Frauen, oha oha!) in einem düsteren mehrstöckigen alten Haus in der Vorstadt. Es ist düster, die Lichter im Haus sind Funzeln oder mit Zeitschaltuhr versehen, der Vermieter ist bewegt sich in seiner leicht grobknochigen Seltsamkeit an der Grenze zur möglichen unterschwelligen Gefahr und offenbar sind überall unglückliche Frauen, denn man hört das Seufzen, Schluchzen und Weinen.

Natürlich weiß der horroraffine Zuschauer schon längst (aus dem „cold open“), dass es in der Butze umgeht, aber eben noch nicht wie und warum – aber zunächst liegt der Fokus des Schreckens zur Hälfte auch noch auf dem Horror der Illegalität, dass man ausgenutzt oder betrogen wird oder seinen entfernten Verwandten nicht anvertrauen kann, dass man unberechtigt in den USA ist. Ihr netter Vetter Beto hat jedenfalls sehr „weiß“ eingeheiratet und die Heimlich-Chose ist eher „cringe“ als eine Nacht im Gruselhaus.
Aber die haben es auch in sich, denn was Menghini an dunklen und füchtigen Phantomgestalten im Hausflur und in Zimmerecken als Jump-Scare-Basis oder Atmo-Horror aufzubieten ist visuell vom Feinsten und kribbelt ganz enorm gut. Die ersten 40 der knapp 85 Minuten geraten so zum feinen Stoff.

Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, wo die Protagonistin nicht weiterkommt, ihre Fluchtexistenz in die Ecke gedrängt ist und dann öffnet sich praktisch im (längst unheimlich gewordenen) Heim auch noch faktisch der Höllenschlund. Die Verbindung zum Vorspann mit der Kistenbergung zieht zur Filmmitte dann ein Besuch in des Vermieters Wohnung und dort wird auch geklärt, welchem Kulturkreis der Schrecken aus der steinernen Würfelbox entstammt, die Lücken dieser Geschichte füllen die Nachkommen dann zum „Grand Finale“ nebenbei.

Aber genau da läßt das Skript dann auch nach, denn selbst bei nur 85 Minuten Laufzeit wirkt das letzte Drittel enorm gestreckt und gedehnt. Die Qualen der Frauen innerhalb des Hauses sind zwar beeindruckend gespielt, allerdings klimpert die Regie ein wenig zu lange auf der Klaviatur des Aus-der-Defensive-um-sein-Leben-Verhandelns, welche nur kaschiert, dass wir jetzt endlich wissen wollen, was in der Box bzw. im Keller eigentlich nun für uns drin ist.
Menghini inszeniert das mit Hingabe und visuell mehr als delektabel, aber es zieht sich endlos, wenn das Ungetüm zum Fangbiss ansetzt und man derweil parallel durch allerlei offensichtliche Träume und Visionen hindurch muss, die einfach jedes Tempo ausbremsen, das der Film jetzt ansteuern sollte.

Ein wenig auswetzen kann die „Kreatur“ das Missverhältnis aus Dramatik und Tempo, denn das was da schließlich einem aztekischen Steinwürfel entsteigt, ist wirklich der anatomische Stoff für Alpträume. Sicher, das Wesen kommt aus dem Computer, aber die der normalen Logik spottende körperliche Anlage dieses Wesens, das absurde Konstrukt ist jeden Heller wert, der investiert wurde.

Wie gesagt kann der Showdown an Einfallsreichtum und Dynamik nicht ganz mithalten und auch wenn es endlich das „payback“ gibt, wirkt das nicht sehr innovativ, allerdings inszeniert Menghini sehr „schmerzhaft“, auch ohne permanent alle Details in die Kamera halten zu müssen. Das intensiviert das Seherlebnis und wenn dem Ganzen eine eher erwartbare Pointe folgt, auf die man gern noch einen „weiteren Ausblick“ erhalten hätte, dann ist das nicht komplett enttäuschend, sondern eher recht geschickt angerichtet, mit bekannten Zutaten – wenn auch etwas schwach im Abgang.

Freunden der absoluten Innovation wird die Anlage der gesamten schlußendlich ein wenig zu konventionell und bekannt sein, aber als Studie über die Schicksale von „unerwünschten“ Einwanderern und deren „Horror“ funktioniert der Film recht gut, sogar in der latent defensiven, nicht auffallen wollenden Anlage seiner sehr gut gespielten Hauptfigur. Christina Rodlo ist auf jeden Fall ein Talent, dass man gern häufiger sehen würde, genauso wie Menghini noch einmal für ein weiteres Werk auf dem Regiestuhl.

Im überfüllten Bereich der klein- bis mittelbudgetierten Horrorware auf jeden Fall auf der innovativeren Seite anzusiedeln (7,5/10)

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