Genaue Zuschauerzahlen lassen sich heute nicht mehr feststellen, aber das der Andrang an den Kinokassen zu "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" 1967 groß gewesen sein soll, wie es der Hüllentext der Pidax-DVD beschreibt, klingt glaubhaft. Filme, die ein moralisch anrüchiges, erotisch angehauchtes Szenario entwarfen, hatten Ende der 60er Jahre Konjunktur. Der Schweizer Filmemacher Erwin C. Dietrich, für "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" noch ausschließlich als Produzent verantwortlich, sollte 1968 einen der größten Publikumserfolge des Jahres mit dem Erotik-Film "Die Nichten der Frau Oberst" erzielen und der Name "St. Pauli" kam im Filmtitel groß in Mode, denn er versprach dem Betrachter einen voyeuristischen Blick durchs Schlüsselloch in eine ihm unbekannte Welt.
Entsprechend wurden diese Filme trotz ihres Erfolgs nicht nur vom Feuilleton, sondern auch von den bürgerlichen Medien gemieden - "Die Nichten der Frau Oberst" erhielt nicht die verdiente "Goldene Leinwand" wie bei den erzielten Zuschauerzahlen üblich - aber während "Der Schulmädchen-Report" (1970) oder Oskar-Kolles Aufklärungswerke als signifikant für diese Phase im Langzeitgedächtnis erhalten blieben, geriet ein Film wie "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" vollständig in Vergessenheit, obwohl er in seiner Mischung aus Erotik und Kriminalfilm oberflächlich betrachtet Ähnlichkeit zu den damaligen Edgar-Wallace-Filmen ("Der Mönch mit der Peitsche" (1967)) aufwies, die heute noch populär sind.
Tatsächlich ist der Erfolg von "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" in Deutschland nur aus dem damaligen Zeitkontext heraus zu erklären, denn der Film weist sowohl von der Bildsprache, als auch der erzählerischen Anlage kaum Gemeinsamkeiten mit den deutschen Unterhaltungsfilmen der 60er Jahre auf. Am ehesten ließen sich noch Parallelen zu Jürgen Rolands "Polizeirevier Davidswache" (1964) in den Dokumentaraufnahmen von Hamburgs Stadtteil St. Pauli feststellen, aber während das Lokalkolorit - besonders die Menschen, die dort leben - für Roland von entscheidender Bedeutung war, hätte die Story in "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" auch vor der Kulisse einer anderen, ähnlich von Industrie und Nachtleben geprägten Großstadt spielen können.
Erwin C. Dietrich, der ein Jahr zuvor Ernst Hofbauers Erotik-Film-Debüt "Schwarzer Markt der Liebe" (1966) finanzierte, erkannte früh die wachsende Popularität von Erotik- und Sexfilmen auch in Deutschland und beauftragte als Regisseur mit José Bénazéraf einen der bekanntesten Vertreter des französischen Erotik-Films, der 1963 mit "L'éternité pour nous" (Heißer Strand) seinen Einstand gegeben hatte. Dietrichs Einfluss auf den Film beschränkte sich offensichtlich auf die Organisation, denn Bénazéraf zitierte in "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" eindeutig seinen im Jahr zuvor entstandenen Gangsterfilm "Joë Caligula - Du suif chez les dabes" (Joe Caligula, 1966). Nicht nur die Kameraführung, der Bildaufbau und das Gangstermilieu bis hin zur Verwendung der riesigen us-amerikanischen Straßenkreuzer, weisen Parallelen zwischen beiden Filmen auf - gleichzeitig eine Anspielung auf die Kriminalfilme Jean-Pierre-Melvilles - seinen Film fehlte auch die Geschwätzigkeit und Erklärungssucht typischer deutscher Kriminalfilme, weshalb der Storyaufbau ungewohnt wirkt.
Die Einführung der Hauptfiguren - die französische Tänzerin Arlette (Eva Christian) und der Schweizer Drogenpolizist Helmut (Helmut Förnbacher) - geschieht ohne erklärenden Kontext. Arlette weigert sich, weiter als Tänzerin in dem Nacht-Club aufzutreten, woraufhin sie mit einer Heroin-Spritze von ihrer Kollegin (Dunja Rajter) gefügig gemacht wird. Trotzdem rennt sie wenige Tage später unkontrolliert aus dem Club und läuft zufällig Helmut in die Arme, der vor Monaten als Drogenfahnder zur Hamburger Polizei abkommandiert wurde. Sie verbringen den restlichen Tag und die kommende Nacht zusammen und verlieben sich ineinander. Helmut glaubt, dass es sich bei dem Nacht-Club, in dem Arlette arbeitet, um einen wichtigen Drogenumschlagplatz handelt und will als Undercover-Agent dort nachforschen, wozu er den Kontakt mit der hübschen Tänzerin nutzt.
Bénazéraf kam es bei der Entwicklung seiner Filme weniger auf die innere Schlüssigkeit der Story an, als auf eine ausdrucksstarke Bildsprache, mit der er die Charaktere seiner Protagonisten herausarbeitete. In einer der besten Sequenzen des Films begleitet die Kamera von hinten den seinen Club betretenden Boss Bernie (von Rolf Eden stoisch selbstbewusst, geradezu französisch gespielt) und fängt damit die Reaktionen der ihm begegnenden Menschen ein. Typisch für Bénazéraf ist die Nutzung der Raumtiefe. Während Bernie im Vordergrund mit einem Vertrauten redet, sitzen zwei Damen dahinter an ihrem Tisch, deren Gespräch der Film parallel dazu einfängt, während sich eine Striptease-Tänzerin in der hinteren Perspektive auszieht. Wie in "Joë Caligula - Du suif chez les dabes" wird Nacktheit nie vordergründig inszeniert, sondern entsteht aus einem bildsprachlichen Kontext.
Auch die sparsamen Dialoge entsprachen nicht den im deutschen Film gewohnten Gepflogenheiten. Nicht nur, dass Bénazéraf unterschiedliche Gespräche gleichzeitig erklingen ließ, inhaltlich werden diese meist von einer real wirkenden Belanglosigkeit geprägt. Unterstützt wurde er dabei von Wolfgang Steinhardt, einem längst vergessenen deutschen Drehbuchautoren, der 1961 schon mit Max Pécas in "De quoi tu te mêles Daniela!" (Zarte Haut in schwarzer Seide) zusammen arbeitete, ebenfalls ein stilprägender französischer Regisseur im Erotik-Genre, der wie Bénazéraf ab Mitte der 70er Jahre Porno-Filme drehen sollte. Eine geringe Anpassung an den deutschen Markt lässt sich eventuell in den im Gegensatz zu "Joë Caligula" deutlich sparsameren Nacktszenen entdecken, aber sowohl in der Inszenierung des attraktiven weiblichen Casts, als auch in der Kompromisslosigkeit der Vorgehensweise der Polizei atmete "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen" den Geist des französischen Gangsterfilms.
Aus dem gleichen Grund, weshalb der Film schnell in Vergessenheit geriet, wird er heute auch von Fans fast zwanghaft als Trash angesehen, dabei übersehend, dass es sich bei José Bénazérafs Film um einen künstlerisch eigenwilligen, sehr ästhetischen Film handelt, der seine Erotik hintergründig ausstrahlt und den deutschen Kriminalfilm französisch interpretierte. (8/10)