Auf den Schriftsteller Morlar wird ein Anschlag verübt. Auf der Intensivstation stellt man fest, daß er zwar klinisch tot ist, sein Gehirn aber mit höchster Intensität weiterarbeitet. Nun liegt es an dem französischen Austauschinspektor Brunel, den Fall aufzuklären. Bei der Befragung stößt er auf einige erschreckende Details, und bald steht fest, daß Morlar über die Gabe der Telekinese verfügt, die ihm die Möglichkeit gibt, verheerendste Katastrophen, wie Flugzeugabstürze, heraufzubeschwören, was er in der Vergangenheit mit mehreren mysteriösen und nie geklärten Todesfällen eindrucksvoll bewiesen hat. Allmählich wächst in Brunel der Verdacht, daß der Autor seine letzten noch verfügbaren geistigen Kräfte dafür verwendet, einen weiteren Schlag gegen die Menschheit zu unternehmen...
Ein völlig verrückter Plot, den Jack Gold uns hier auftischt. Natürlich können die telekinetischen Fähigkeiten nicht wirklich in einem solch weitreichenden Ausmaß auftreten wie im Film geschildert, weshalb ihm ein übersinnlicher Touch attestiert werden muß, auch wenn er gern in die Rubrik „Psychothriller“ eingeordnet wird.
In der Tat bewegt sich die Handlung ziemlich konventionell nach den dramaturgischen Grundsätzen eines typischen Kriminalfilms vorwärts: Der Inspektor begibt sich (zusammen mit dem über die gesamte Filmlänge genauso ahnungslosen und gespannten Zuschauer) auf die Suche nach dem Täter des abscheulichen Verbrechens und lernt nebenbei aus zahlreichen Erzählungen des Bekanntenkreises Morlars das Opfer immer besser kennen, bis er sich in seine Denkweise hineinversetzen kann. Somit besteht mehr als ein Drittel aus Rückblenden, in denen Schritt für Schritt die unheimliche Gabe des Hauptdarstellers aufgedeckt wird. Erst mit der Zeit entsteht ein überschaubares Bild - und daraus resultiert auch die Spannung von „Der Schrecken der Medusa“. Die Geschichte wird trotz der Dialoglast und trotz jeden Verzichts auf Action nie uninteressant, was daran liegen dürfte, daß das ungemein faszinierende Thema der Telekinese bis dato in kaum einem anderen Film benutzt wurde (mir fällt lediglich das kommerzielle Horrordrama „Carrie“ ein). Wenn Morlar allein mit seiner Willenskraft ein Flugzeug abstürzen läßt, dann reißt dies den Zuschauer in seiner aus heutiger Sicht tricktechnisch recht unspektakulären Art dennoch schlichtweg aus dem Hocker. Richard Burtons ohnehin nicht sehr agiles Gesicht, das eine mannigfaltige Mimik einfach nicht zulassen will, wird hier glücklicherweise nicht großartig auf die harte Probe gestellt, sondern paßt ausgesprochen gut zu seiner Rolle als Morlar, insbesondere wenn er seinen wirklich furchteinflößenden Blick aufsetzt, der seine Mitmenschen gleich reihenweise in den Tod treibt.
Sein Gegenüber wird von Lino Ventura verkörpert, der ebenfalls zu überzeugen weiß. Lee Remick hingegen, die ich noch nie für eine gewandte Schauspielerin gehalten habe, mag sich da irgendwie nicht einreihen. Sie erscheint mir seltsam deplaziert und fehlbesetzt, macht einen insgesamt zu zarten Eindruck, um als eine Psychiaterin durchzugehen. Der einzige Schwachpunkt des Films, wie ich finde.
Je mehr man nun über jene unglaubliche Fähigkeit Morlars erfährt, desto unwichtiger wird die Frage nach dessen Attentäter. Vielmehr stellt sich die Frage, ob seine immer noch erschreckend aktiven Gehirnströmungen eine weitere, womöglich ihre letzte Katastrophe vorbereiten, obgleich der Schriftsteller sich gleichzeitig im Koma befindet. Brunel glaubt, daß er die naheliegende Westminster-Kathedrale während des Besuchs der Königin einstürzen lassen werde, und von da an rücken gänzlich andere Fragen in den Vordergrund: Wird die Kathedrale tatsächlich einbrechen? Wenn ja, kann Brunel Königin und Gäste vor dem Schlimmsten bewahren? Zwei weitaus aufregendere Fragen.
Die Spannung wächst bis zum absoluten Höhepunkt der Geschichte stetig an; der Zuschauer fiebert mit dem Inspektor mit, der verzweifelt versucht, den Pfarrer von der Dringlichkeit einer Absage zu überzeugen. Und auf dem Gipfel der Spannung, in der letzten Minute des Films, gibt Regisseur Gold seinem Publikum gleich noch eine verstörende Schlußpointe auf den Weg mit, die wohl alles an Gänsehaut mobilisiert, was der Körper nach den vergangenen 100 Minuten noch zur Verfügung hat. Schließlich bekommt der brillante Film mit seinem angedeuteten Schluß also sogar einen apokalyptischen Charakter verliehen, der „Der Schrecken der Medusa“ in eine bitterböse Utopie verwandelt. Klare Seitenhiebe auf die Gesellschaft sind während des Thrillers immerhin genüßlich ausgeteilt worden (vor allem gegen die Kirche).
Fazit: Thriller mit Kriminal-, Horror- und Katastrophenfilmelementen, der den Zuschauer auch ohne viel Radau in den Bann schlägt. Intelligent bis zum bitteren Ende aufgebaut und perfekt inszeniert, irrsinnig spannend, bestürzend sowie mit einem passenden Schauspielerduo Burton/Ventura besetzt.
GESAMT: 9/10 (Unterhaltungswert: 9 - Handlung: 10 - Schauspielerische Leistungen: 8 - Kameraführung/Atmosphäre: 9 - Musik: 7)