Review

So ganz fremd ist dem in Hamburg geborene Regisseur Daniel Stamm das Thema Exorzismus nicht. 2010 lieferte er mit „Der Letzte Exorzismus“ einen formal eher ungewöhnlichen Genrebeitrag ab, welcher deutlich mehr überraschte als vorliegender.

Boston: Schwester Ann (Jacqueline Byers) musste bereits als Kind Erfahrungen mit Dämonen machen, da ihre Mutter phasenweise besessen schien. Nun arbeitet sie als Krankenschwester in der Akademie für angehende Exorzisten und kümmert sich um die 10jährige Natalie (Posy Taylor), welche ebenfalls vom Bösen besessen sein soll. Nach anfänglichem Widerstreben willigt ihr Vorgesetzter Pater Quinn (Colin Salmon) ein, sie an Lehrgängen teilnehmen zu lassen, denn Ann verfolgt eigenwillige Methoden, den Besessenen entgegen zu treten…

Im Zuge der Gleichberechtigung hat es der Vatikan (natürlich) verpennt, Frauen die Möglichkeit eines Exorzismus einzuräumen, wobei Stamm die Gabe der Empathie besonders hervorhebt. Anstatt sich an den Dämon zu wenden, wie es das Publikum seit 50 Jahren anhand diverser Genrebeiträge nicht anders kennt, appelliert die junge Nonne an das Menschliche im Patienten, sich seiner bewusst zu werden und aktiv dem Bösen entgegen zu stellen. Ein gelungener und zum Teil auch emotionaler Ansatz, dessen Potenzial jedoch nur bedingt genutzt wird.

Denn das Drumherum besteht aus einer Klischeekiste, in die regelmäßig gegriffen wird. Anns Trauma, dessen Wurzeln nie so recht ergründet werden, zählt ebenso dazu wie das Verhalten der Betroffenen, die sich wahlweise grotesk verbiegen oder die Wand hoch krabbeln. Zwar ist das dazugehörige Make-up ordentlich ausgefallen und einige Effekte in Richtung Body Horror können sich ebenfalls sehen lassen, doch Überraschungsmomente bleiben weitgehend aus, obgleich der eine oder andere Erschreckmoment auszumachen ist.

Immerhin: Der Schauplatz der Exorzismusschule mit modernen Kartenlesegeräten, hohen Räumlichkeiten, Katakomben und uralten Archiven strahlt ab und an eine gewisse Atmosphäre aus, während der zurückhaltend eingesetzte Score in tieferen Gefilden wabert und nie zu vordergründig bemüht wird. Mit einer charismatischen Byers und einem ebenso markanten Salmon finden sich wenigstens zwei Sympathieträger, wobei die Nebenfiguren etwas zu kurz kommen, zumal einige zu oberflächlich ausgearbeitet sind.

Während kleinere Wendungen früh erahnbar sind, geht der Showdown kein Risiko ein und verläuft in absehbaren Bahnen, wonach eine Abschlussszene in einem Taxi so rein gar keinen Sinn ergibt. Ansonsten fährt die Geschichte ein taugliches Tempo, liefert passable Effekte und ein paar gelungene Einschübe mit Licht und Schatten, doch unterm Strich bleibt der Stoff zu konventionell, trotz einiger innovativer Ansätze. Unter den zahllosen Genrevertretern ist das letztlich etwas besserer Durchschnitt.
Knapp
6 von 10

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