Eine nordfriesische Insel (hier: Amrum) assoziiert man gemeinhin mit Ruhe und Beschaulichkeit, und auch Jonas Hansen (Philip Froissant) wächst dort wohlbehütet und in Frieden auf, bis seine Eltern bei einem provozierten Verkehrsunfall getötet werden. Der etwas verträumte Gymnasiast, der gerne Schriftsteller werden möchte, zieht daraufhin zu seinem Opa Friedrich (Hanns Zischler), zumindest bis er das bevorstehende Abitur geschafft hat. Doch der verwitwete Großvater, ein pensionierter ehemaliger Direktor von Jonas´ Schule, hält recht wenig von des Enkels Ambitionen, die seiner Meinung nach direkt zu einem "Leben unter der Brücke" führen. Da fühlt sich Jonas von seiner neuen Klassenlehrerin Helena Jung (Alice Dwyer), die ihn bestärkt, sich selbst zu verwirklichen, schon deutlich mehr verstanden. Doch die aus Berlin stammende Deutsch-Lehrkraft Ende Dreißg, die einen auf locker macht und schon mal Schüler zu sich einlädt, ihr beim Aufbau des Ikea-Regals behilflich zu sein, hat mit Jonas offenbar etwas Besonderes vor: schon beim zweiten Treffen verführt sie den verunsichert wirkenden Schüler mit einem Blowjob, kurz danach steigt sie nachts in dessen Schlafzimmer, um ihn im Bett zu überraschen...
Diese Einleitung liest sich weitaus dramatischer, als sich das tatsächliche Geschehen dann graphisch darstellt, denn Schwarze Insel, ein im Stile eines TV-Films abgedrehtes und familienfreundlich geschnittenes Drama, erweist sich als Rohrkrepierer par excellence, was zum einen am langweilig-vorhersehbaren Drehbuch, zum anderen an den uninteressanten (Jonas) bis unsympathischen (Lehrerin) Charaktären liegt. Daran können auch Jonas´ nette Jugendfreundin Nina (Mercedes Müller) oder die Schulkameraden Jule und Florian in Nebenrollen nichts ändern, selbst der altgediente Zischler spielt hier einen eher indifferenten Greis, der sich nicht (mehr) für seine Umwelt interessiert.
Die planvoll vorgehende Lehrerin, die für ihre Spielchen gegenüber dem grenzenlos naiven Burschen kaum Überzeugungskraft benötigt, führt natürlich etwas ganz Bestimmtes im Schilde, was sich erst am Ende herausstellt, obwohl es zuvor schon meilenweit gegen den (Küsten-)Wind zu riechen war - ihre durchwegs unsympathische Rolle wird durch ihr völlig humorbefreites Treiben damit allerdings auch nicht besser. Der manifeste Mißbrauch eines Schutzbefohlenen wird übrigens in keinster Weise thematisiert, stattdessen gelingen der Lehrerin einige äußerst waghalsige Manöver am hellichten Tag in der Schule, seltsamerweise ohne beobachtet zu werden, Spuren zu hinterlassen oder sonstwie aufzufallen - somit werden diese geringen Thriller-Anteile in Schwarze Insel selbst für geduldige Krimifreunde auch noch unbrauchbar. Die Kategorisierung als "Mystery"-Streifen bleibt ohnehin erklärungsbedürftig, sofern nicht die Anfangszene mit dem schwarzen Köter gemeint ist, der die Oma im Off tötet und später nie wieder erwähnt wird geschweige denn in Erscheinung tritt. Soll man noch darauf hinweisen, daß der anfängliche Autocrash an einem Baum endet, der Sekunden zuvor bei einer Drohnenaufnahme der Situation noch gar nicht existent war?
Einzig und allein die ansprechende Location mit dem weitläufigen Strand und den Dünen retten den Film vor der Tiefstwertung - ansonsten kann man diesen in jeglicher Hinsicht faden Streifen aus dem Hause Netflix allerdings getrost vergessen. 2 Punkte.