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Staffel 1

Im kalifornischen Oakland geraten die Geschwister Pia (Zoe Kazan) und Nick Brewer (Adrian Grenier) beim Geburtstag der Mama aneinander - das gemeinsame Geschenk entspricht nicht Pias Vorstellungen, die eine Riesen-Szene macht und daraufhin von ihrem Bruder rausgeworfen wird. Nicht unbedingt unüblich für die temperamentvolle Krankenschwester, doch diesmal soll alles anders kommen, denn am nächsten Tag geht ein Videoclip durch sämtliche sozialen Medien, in dem der entführte Nick Tafeln hochhält, auf denen er des Missbrauchs von Frauen angeklagt wird. Schlimmer noch: wenn das sich rasend schnell verbreitende Video die Grenze von 5 Millionen Klicks erreicht, wird Nick sterben müssen, so verkünden es die unbekannten Uploader, die auch von der Polizei nicht zu ermitteln sind. Pia, die ihrem Bruder den Streit vom Vorabend längst verziehen hat, dessen Ehefrau Sophie (Betty Gabriel) mit den beiden Söhnen wie auch die Mutter bangen nun gemeinsam, was hinter diesem Clip steckt, wer so etwas hochlädt, vor allem aber warum dies geschieht...

Hinter dem Titel Clickbait versteckt sich üblicherweise eine reißerische Überschrift mit eher nichtssagendem Inhalt zum Zwecke der Generierung möglichst vieler Klicks, doch die Betitelung trifft nur auf die Ausgangslage dieser Netflix-Serie zu, die ohne längere Charakterisierungen gleich mitten ins Geschehen einsteigt. In 8 Folgen zu je etwa 45 Minuten werden nacheinander diverse mit dem Entführungsfall in Zusammenhang stehende Personen vorgestellt, wobei die einzelnen, dem Whodunit-Konzept folgenden Episoden so aufeinander abgestimmt sind, daß sich jedesmal neue Aspekte ergeben, wer der/die Täter sein könnten.

Dass die einzelnen Folgen (die Schwester, der Reporter, die Geliebte etc.) das sich dabei fortentwickelnde Geschehen nicht etwa aus einer jeweils parallelen Perspektive, sondern in chronologisch korrekter Abfolge (mit nur sehr wenigen Rückblenden, dafür streckenweise in Echtzeit) erzählen, bis ganz zuletzt der/die wahren Täter enthüllt werden, ist das Besondere an Clickbait. Die Herausforderung, das Publikum mit den wechselnden Sichtweisen bei der Stange zu halten, meistert das Drehbuch dabei gar nicht mal schlecht, doch das ständige Einführen neuer, verdächtiger Personen und deren Bezug zu Nick Brewer gehen im Laufe der Zeit klar zu Lasten der Logik. Dazu gesellen sich haufenweise absichtlich falsch gelegter Spuren und Hinweise, die den mitratenden Zuseher ein ums andere Mal in die Irre führen.

Bezüglich der Darsteller ragt keiner der Akteure besonders heraus, manche wirken eher nervtötend (Pia), andere scheinen kaum am Geschehen beteiligt (der jüngere Sohn Kai) oder haben nur holzschnittartige Rollen, wie die beiden Großmütter. Doch um Charakterrollen geht es den Drehbuchautoren auch gar nicht (vom Rätsel Nick Brewer, dem Entführten, einmal abgesehen), vielmehr sollen die bewußt vielfältig ausgewählten Filmcharaktäre (darunter die afroamerikanische Ehefrau und ihre Söhne, ein islamischer Ermittler, White Trash-Erpresser, ein schwuler asiatischer Reporter etc.) ein möglichst breites Publikum ansprechen und zum Mitraten animieren. Die zahlreichen Einspielungen von Handy-Nachrichten und online-Postings verleihen dem Plot dann auch einen optisch flippig-jugendlichen Touch, gleichwohl die meisten Akteure schon in den frühen Dreißgern oder darüber sind. Dieses Konzept trägt die Serie, der man ohne groß nachzudenken folgen kann - und sich tunlichst nicht mit diversen Details aufhalten sollte, was einem angesichts der Logiklöcher ansonsten ganz sicher den Spaß verderben würde.

Wenn dann in der letzten Folge der/die wahren Täter entlarvt werden, hat man zwar (soviel sei verraten) einen Marathon an Fehlinformationen überstanden, fühlt sich jedoch nur mittelmäßig unterhalten. Der eher schwachen Auflösung (die allerdings wirklich nicht vorherzusehen ist) in der letzten Folge fehlt schlicht der Aha-Effekt, die Serie endet unspektakulär. Insgesamt betrachtet könnte man den Titel Clickbait natürlich auch so interpretieren, daß man (und hier sind alle Akteure inklusive des Publikums gemeint) sich allzugerne von reißerischer Berichterstattung in den (sozialen) Medien blenden läßt, gleichwohl die oftmals nur an der Oberfläche dahinplätschernde Serie keineswegs als Medienschelte aufzufassen ist. 6 Punkte.

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