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Belfast, August 1969. Der neunjährige Buddy (Jude Hill) lebt mit seiner Familie in einem Arbeiterviertel, der Vater jobbt drüben in England. Und so erlebt der Junge die Zeit in seinem Viertel mit den Unruhen zwischen Protestanten und Katholiken, der Zuneigung zu einer Klassenkameradin und den Weisheiten seines Großvaters.

Die Perspektive ist klar, die Ereignisse werden geschildert, indem man Buddy durch einen Lebensabschnitt begleitet. Daher bleibt der Film meist auch an ihm dran und schwenkt und selten darüber hinaus. Somit findet auch keine fundierte Auseinandersetzung mit den politischen und religiösen Aspekten der herrschenden Zustände statt. Regisseur und Autor Kenneth Branagh bringt semibiographisch seine eigene Jugend und die Erinnerungen daran ein. Und Erinnerungen sind eben sprung- und episodenhaft und so vermittelt der Film auch aufgrund der eingenommenen Sichtweise kein umfassendes Bild. Der Wirkungsradius ist eher klein auf Buddys Wohnstraße und das nähere Umfeld beschränkt, daher wäre „Buddy“ auch der passendere Titel gewesen.
Es bleibt bei einem kleinen Einblick in diese Epoche mit allerlei Figuren, tief geht der Film allerdings nicht. Immerhin bietet er die ein oder andere emotionale Szene, aber auch die wirken wie eine kurze Episode unter vielen. Vieles schneidet Branagh nur an, von der Gewalt auf den Straßen bis zur ersten Liebe. Fast schon ärgerlich ist dieses ganze Flickwerk dann, wenn vielleicht mal eine Sequenz die Gelegenheit hat, sich dramatischer zu entwickeln. Denn das wird nicht ausgespielt, Branagh schneidet immer weg zum nächsten Handlungsfetzen.
In diesen behandelt er die Fragen nach Heimat, Familie und der Beziehung zu den nahestehenden Menschen im eigenen Umfeld, die Buddy eher beschäftigen als das große Ganze, das dort vor sich geht.

Festgehalten ist dies in schwarz-weiß, durchbrochen von farbigen Filmsequenzen, wenn die Familie mal ins Kino geht. Vielleicht als Kontrast der tristen Wirklichkeit im Arbeiterviertel (in dem alle aber überwiegend zufrieden scheinen) zur bunten Fantasie der Leinwand. Gefilmt ist „Belfast“ eher unaufgeregt, bietet aber das ein oder andere schön eingefangene Panorama. Der Soundtrack, überwiegend von Van Morrison, ist stimmungsvoll und passt zu der jeweiligen Atmosphäre. Auch über die Darsteller kann man nicht klagen, jedoch sticht nicht wirklich jemand heraus - was aber nicht negativ gemeint ist.

„Belfast“ beschreibt Branagh als seinen bislang persönlichsten Film, stammt er doch selbst von dort. Herausgekommen ist eine Flickenteppich aus Erlebnissen, eingebettet in die Unruhen in Nordirland. Dabei wird dies immer durch den Blick eines Neunjährigen gefiltert, sodass der Film sich in seiner Intensität eher milde gibt und jede schwerwiegende Problematik vermeidet. Er versucht, seine Figuren emotional zu inszenieren, gibt den einzelnen Szenen dafür aber nie genug Raum. So bleibt seine Erinnerung an die Zeit harmlos und leider mit weniger historischer Verwebung, als ich es mir gewünscht hätte.

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