Review
von Leimbacher-Mario
Kinder, Kriege, Komplikationen
Nach nicht wenigen eher suboptimalen Hollywoodauftragsproduktionen in letzter Zeit sah sich der gute Kenneth Branagh nun mit „Belfast“ wohl berufen bis gezwungen endlich mal einen persönlicheren, charakterstarken und vielleicht ja sogar bleibenden, bedeutenden Film abzuliefern. Erzählt wird in hübschen schwarz-weißen Bildern aus der titelgebenden nordirischen Hauptstadt in den späten 60ern. Die gesellschaftlich und religiös geprägten Spannung brodeln über und geraten immer öfters gefährlich außer Kontrolle. Selbst sonst friedliche Nachbarschaften verändern sich zum Aggressiven und Negativen. Und mittendrin ein kleiner Junge, der das alles nicht mal ansatzweise komplett versteht, eigentlich nur Familie, Film und Fernsehen liebt und nun mehr oder weniger gezwungen wird erwachsen zu werden…
„Belfast“ ist viel, viel mehr als nur Oscarbait, als der irische „Der Junge muss an die frische Luft“, als ein ernsterer „Jojo Rabbit“. Mich hat Branaghs Passionsprojekt auf etlichen Ebenen abgeholt und knapp mehr als 90 Minuten richtig toll, emotional und angenehm unterhalten. Das beginnt bei dem erstklassigen Soundtrack zwischen Soul und Arbeiterrock und endet bei den tollen Darstellern, jung wie alt. Das fängt an bei den edlen monochromen Bildern (inklusive wenigen, effektiven Farbakzenten) und hört bei der spürbaren Liebe zu Kino und TV auf (Raquel Welsh! Chitty Chitty Bang Bang! John Wayne! Die Enterprise!). Das geht mit der unschuldigen und hoffnungsvollen Perspektive des kleinen Buddy los und endet bei einem der süßesten Großelternpärchen der jüngeren Filmvergangenheit. Erzählerisch (auch auf Grund seines Helden) nicht immer klar oder strukturiert, in seiner Aussage alles andere als vorkauend oder predigend. Öfters mal mit Klischees. Deutsche Synchro verbesserungswürdig. Aber insgesamt ein echter Gefühlsfilm und Kino-Soulfood!
Fazit: Branagh ganz persönlich, privat und… oscargeil? Nein, das wäre viel zu einfach. Nicht ganz sein „Roma“. Dennoch ein feines Teil. Irisch, idealistisch und intim.