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Ein Hustenanfall eines jungen Mädchens im Wartebereich eines Gefängnisses erinnert den Anwalt Nacho (Marcos Ruiz) an einen Vorfall in seiner eigenen Jugend im Jahr 1978 im katalonischen Girona, als er ebenfalls für einen Moment keine Luft mehr bekam: fiese Klassenkameraden hatten den damals 15-jährigen gemeinschaftlich unter Wasser gedrückt, hatten sein Fahrrad demoliert, ihn im Kino geohrfeigt und ihn überhaupt bei jeder Gelegenheit schikaniert - klassisches Mobbing zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Eine schlimme Zeit für den schlanken Brillenträger, der weder bei Gleichaltrigen noch bei seiner Familie Anerkennung fand. Doch in diesem Sommer sollte sich sein Leben von Grund auf ändern, nicht etwa weil Nacho dies beschlossen hatte, sondern eher durch eine zufällige Begegnung. Nacho spielte zu jener Zeit gerne am Flipper einer örtlichen Spielhalle und da dessen Besitzer eine Hilfskraft brauchen konnte und zu dem unauffälligen Jungen Vertrauen gefasst hatte, stellte er diesen (für dutzende Gratisspiele) kurzerhand ein. Auf diese Weise machte Nacho eines Abends Bekanntschaft mit dem jungen Pärchen Zarco (Chechu Salgado) und Tere (Begoña Vargas), die auf der Suche nach Kundschaft für Drogengeschäfte waren. Die beiden gaben sich freundlich, bewunderten Nachos Künste am Flipper und luden ihn in ihre Kneipe La Font in einem weniger gut beleumdeten Stadtteil ein. Nacho, dieser Einladung mit Herzklopfen Folge leistend, wurde auf diese Weise nach und nach in die Geschäfte der mehrköpfigen Gang eingeführt, die Villen ausraubte, Apotheken überfiel und auch eine Bank ins Visier nahmen. Doch nicht die kummen Dinger, bei denen Narco zögerlich mitmachte, hielten ihn bei seinen neuen Freunden, sondern die attraktive Tere, in die er sich verliebt hatte, bestimmte ab da Nachos Gefühlswelt...

Mit Las Leyes de la frontera erzählt der spanische Regisseur Daniel Monzón eine ebenso interessante wie nachvollziehbare Coming-of-Age-Geschichte, in der ein jugendlicher Außenseiter in schlechte Gesellschaft gerät, dadurch sein Leben jedoch spannender und schlußendlich sinnvoller zu gestalten lernt. Mit einigen temporeichen Verfolgungsjagden in zeitgenössischen Fahrzeugen scheint das kriminelle Treiben, in das Nacho immer tiefer hineinrutscht, für ihn wie auch den Zuseher mehr ein gewagtes Abenteuer im Sinne einer sich wiederholenden Mutprobe darzustellen als eine tatsächliche Abwärtsspirale.

Zu diesem grundsätzlich positiven Eindruck, den der Film hinterläßt, trägt auch die Auswahl der Charaktäre bei, von denen keiner wirklich übel ist, nicht einmal Mastermind Zarco, die treibende Kraft hinter den Überfällen. Der erkennt sofort das Potential des unauffälligen Mitläufers, den er langsam aber sicher zu allen Aktionen mitnimmt und ihn so schon bald zu einem verläßlichen Gang-Mitglied "ausbildet". Dabei nimmt er auch in Kauf, daß Nachos Haupttriebfeder für das Partizipieren an den Coups die ebenso selbstbewußt wie natürlich auftretende Tere ist - die hatte ihm, so ganz nebenbei, beim ersten Meeting im Damenklo einen von der Palme gewedelt, was dem bis dato jungfräulichen Brillenträger neben dem so lange schmerzlich vermissten Gefühl der Wertschätzung (als neues Bandenmitglied) auch einen ersten Eindruck von Liebe und Sexualität verschafft. Doch Nacho ist kein Draufgänger, bleibt schüchtern und zurückhaltend und macht sich durchaus auch Gedanken über die Rechtmäßigkeit seines kriminellen Handelns, die allerdings durch die wiederholten, oft spielerisch und nicht wirklich ernst gemeinten Avancen der attraktiven Tere weggewischt werden. Und doch muß sich Nacho eingestehen, daß die ihre Promiskuität nie versteckende Tere vielleicht doch eine Nummer zu groß für ihn sein könnte - was ihrer Anziehungskraft auf den von allen gleichsam despektierlich wie liebevoll "Brillchen" genannten Nachwuchsgangster jedoch keinerlei Abbruch tut.

Las Leyes de la frontera nimmt sich für diese fast zweistündige Rückblende in des Anwalts Jugend sehr viel Zeit, baut seine Proponenten behutsam auf und steigert das Tempo nur langsam, doch am Ende dreht sich die Spirale der Gewalt dann unweigerlich schneller, als schließlich Schusswaffen ins Spiel kommen. Nach einer Verfolgungsjagd, in der es endgültig ans Eingemachte geht und Nacho von unerwarteter Seite Beistand erhält, springt der Film wieder in die Gegenwart und endet in einer Art Epilog, in der erstmals so etwas wie eine Bilanz gezogen wird.
Wollte man dem Film etwas vorwerfen, dann vielleicht die fehlende Konsequenz der kriminellen Handlungen, die wie ein einziges großes Sommermärchen ablaufen und die Story nur in den fröhlichsten Tönen darstellt. Aber kritische Reflexion war wohl auch nie die Intention des auf einer Romanvorlage basierenden Films, dessen ebenso (inhaltlich) zutreffender wie äußerlich nichtssagender englischer Titel Outlaws ihn leicht übersehbar macht. Dabei gilt für diese spanische Produktion das Prädikat: absolut sehenswert - 8 Punkte.

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