Ein ungewöhnlicher Mord gibt den Ermittlern Rätsel auf: auf einem Kinderspielplatz in Kopenhagen wurde eine angebundene Frau erschlagen aufgefunden - der Toten wurde außerdem eine Hand amputiert. Im Zuge ihrer Nachforschungen findet Naia Thulin (Danica Curcic) allerdings nichts Ungewöhnliches in der Vita des Opfers, als kurz danach erneut eine Frau nach demselben Muster ermordet (erschlagen/Amputation) aufgefunden wird. Zusammen mit ihrem neuen Kollegen Mark Hess (Mikkel Boe Følgaard) vergleicht Thulin die beiden Opfer miteinander und kann tatsächlich eine erste heiße Spur ausfindig machen: beide Mütter wurden beim Jugendamt wegen Vernachlässigung ihrer Kinder anonym angezeigt, beide Male erfolgte jedoch keine Intervention. Ist hier ein selbsternannter Sittenwächter am Werk, eine missgünstige Nachbarin oder sonstige Involvierte? Schnell eruierte weitere anonyme Anzeigen dieser Art führen Thulin und Hess zu einer weiteren jungen Mutter, welche sie an einem geheimen Ort verstecken, während Thulin mit einer Kinderpuppe deren Rolle einnimmt, um dem Mörder, so er noch einmal zuschlagen will, eine Falle zu stellen. Doch Thulin und ihre versteckten Kollegen warten vergebens - denn zeitgleich wird an jenem vermeintlich sicheren Polizeiversteck nicht nur der sie bewachende Polizist, sondern auch die dritte Mutter ermordet: wieder angebunden, wieder amputiert. Und erneut hinterläßt der/die TäterIn am Tatort eine einfache Kinderbastelei, einen titelgebenden Kastanienmann...
Ein klassisches whodunit-Motiv bestimmt die Handlung dieser dänischen Netflix-Produktion, wobei sich die Spannung vor allem aus den unerklärlichen Amputionen von Händen und Füssen speist, während das Ermittlerduo im Vergleich zu anderen skandinavischen Krimi-Serien diesmal eher in den Hintergrund tritt: Thulin, alleinerziehend und viel zu wenig Zeit in ihre kleine Tochter investierend (die sie lieber bei einem guten Bekannten namens "Opa" parkt) ist von der Rolle wie auch von der Darstellerin her nämlich mehr oder weniger zu vernachlässigen, und ihr neuer Kollege Hess, ein farbloser Brillenträger, aus Den Haag wegen Erfolglosigkeit mehr oder weniger nach Kopenhagen strafversetzt, gibt in Punkto Identifikationsfigur auch nicht viel mehr her. Eine weitere Erzählebene, jene der Politikerin Rosa Hartung (Iben Dorner), deren Tochter Kristine ein Jahr zuvor entführt wurde und seitdem nicht wieder aufgetaucht ist (gleichwohl ein geständiger, verurteilter Täter sowie dessen Tatwaffe im Gegensatz zu einer Leiche durchaus vorhanden wäre) scheint mit der aktuellen Mordserie zunächst nicht viel zu tun zu haben, weswegen sich das Publikum umso mehr auf den unbekannten Täter und dessen Motive konzentrieren kann.
Kastanjemanden, ein während der Serie mehrfach intonierter Song, ist ein populäres dänisches Kinderlied, welches hier sinnbildlich für eine vertrauensvolle Gemeinschaft, nämlich die Familie, verwendet wird. Und um den Mißbrauch dieses kindlichen Urvertrauens, ersichtlich aus einer Rückblenden-Szene ganz am Anfang, geht es natürlich hauptsächlich im Kastanienmann. Während es als Lied keine Entsprechung im deutschen Sprachraum gibt, mag sich der eine oder andere aber zumindest an Basteleien mit Zundhölzern und den häufig in Straßen und Parks herumliegenden herbstlichen Kastanien aus der Kinderzeit erinnern - der sehr planvoll und bestimmt vorgehende Täter pervertiert dieses Motiv freilich ganz bewußt, indem er solche, von Kinderhand gebastelten Kastanienmännchen bei den Leichen deponiert, später auch bei noch lebenden Proponenten, die somit vorgewarnt werden sollen, was ihnen noch zustoßen wird.
In 6 Episoden zu jeweils etwas mehr als 50 Minuten baut das dänische Regisseursduo Barfoed/Serup basierend auf einem Roman von Søren Sveistrup (Kommissarin Lund) einen realtiv straight durcherzählten Thriller auf, der trotz unspektakulären Ermittlerfiguren seine anfängliche Spannung bis zum Ende beizubehalten weiß, seine wenigen blutigen Effekte (Stichwort: Trennschleifer) meist ausblendet oder (Stichwort: mörderischer Ast) am PC erstellen läßt, darüberhinaus kaum Logiklöcher aufweist und am Ende nahezu alle Fragen beantwortet. Fazit: nichts Innovatives, aber durchweg solide Krimikost mit dezentem Neo-Noir-Einschlag aus Skandinavien: 7 Punkte.