In der Anthologie "Star Wars: Visions" ließ man verschiedene Animationsstudios Kurzfilme erstellen, die im ursprünglich von George Lucas erdachten Universum spielen. Dabei gehören die Episoden nicht zum offiziellen Kanon, die Studios hatten also quasi alle Freiheiten, da es nirgends dazupassen musste. Im Gegensatz zur ersten Staffel, bei der allein japanische Studios mit der Erstellung der Kurzfilme betraut waren, erweiterte man dies in der zweiten Staffel. So finden sich hier Studios aus der ganzen Welt, die ihre Visionen präsentieren.
In "Sith" erwehrt sich eine ehemalige Schülerin der dunklen Seite der Macht einer Bedrohung, die ihr nun friedliches Leben in Geffahr bringt. Der von den spanischen El Guiri Studios erstellte Beitrag eröffnet die zweite Staffel mit einem eigenwilligen visuellen Stil. In der ersten Hälfte, in welcher Lola und ihr Driode E2 überwiegend innerhalb ihrer Behausung agieren, wirkt dies stellenweise wie ein sich bewegendes Malbuch. Traf nicht wirklich meinen Nerv. Da wirken die Landschaften draußen schon ansprechender und auch generell die Animationen in der zweiten Hälfte.
Inhaltlich und dramaturgisch ist hier allerdings kaum was los. "Sith" scheint aussagefreudig zu sein, kann dies nur nicht entsprechend formulieren. Man kann sich was zusammenreimen, spielen Farben, Augen und generell optische Reize eine hervorgehobene Rolle. Letztlich ist es (mal wieder) die Verteidigung der eigenen Freiheit gegen die Vergangenheit und wirkt in seiner Art auf die Grundthematik (Star Wars) aufgesetzt, wenig ausgefeilt und vermag keinen erweiternden Bezug herzustellen. Für die Präsentation kann man sich die Episode aber mal ansehen.
"Screecher's Reach" ist das Ziel einer vierköpfigen Gruppe rund um die junge Daal. Die Reise zu dieser angeblich von einem Geist bewohnten Höhle steht für die Flucht aus ihrem eintönigen Leben in einer Fabrik. Was Daal findet, ist jedoch mehr als nur eine Geistergeschichte.
Das irische Studio Cartoon Saloon, das schon den famosen Film "Wolfwalkers" (2020) auf die Leinwand brachte, bringt sich mit diesem ebenso gelungenen Kurzfilm ins Star Wars Universum ein. Dabei sind die Bezüge zu diesem lange Zeit nur rudimentär, schlagen in der zweiten Hälfte aber durch. Der visuelle Stil erinnert an andere Werke des Studios, inhaltlich teilt sich das Geschehen in die Reise mit Freunden und das Grauen, dem Daal dann alleine gegenübersteht. Diese Sequenzen sind audiovisuell intensiv und geizen nicht mit Horrorelementen. So ist der Film einnehmend und spannend geraten und zeichnet dabei auch noch den Weg eines Mädchens, an dessen Ende (hier) ein Übergang zu etwas Größerem steht – mit einem ungewissen Verlauf. Ein toller Beitrag, der gerade zum Ende hin richtig stark wird.
"In the Stars" sehen zwei Schwestern, die Letzten ihres Volkes auf ihrem Planeten, einen Teil ihrer Vergangenheit. Die Mutter der Schwestern fiel im Kampf gegen die Invasoren, das Imperium beutet die Bodenschätze aus. Und da dieses auch die Wasservorräte kontrolliert, bleibt den beiden nichts weiter übrig, als in die Festung einzudringen, in welcher ihre Mutter einst ihr Leben verlor.
Das Thematisieren von Raubbau und Vernichtung durch das eingefallene Imperium ist ein durchaus interessanter Punkt, für einen Kurzfilm allerdings vielleicht etwas viel. Trotzdem schafft es der von Punkrobot Studio geschaffene Beitrag, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und erinnert unweigerlich an gleichgelagerte Aktionen auf unserem Planeten; der folkloristische Ansatz unterstreicht dies. Visuell ist der Beitrag mitunter irritierend, steht der oft flüssige Stil der Hintergründe konträr zu den ruckeligen Animationen der Figuren im Stop-Motion-Stil. So wirkt die Welt inkohärent, die Geschichte selbst ist ebenso nicht sonderlich aufregend. Eine der beiden Protsgonsistinnen beschwört eben durch ihr Verhalten eine weitere Konfliktsituation herauf und am Ende können beide doch das, was vorher immer gescheitert ist. Instant-Erfolg, naja.
In "I am your mother" drückt sich Jungpilotin Anni vor dem Familienrennen, bei dem Kinder und Eltern in ihren Schiffen antreten, weil ihr so viel peinlich ist. Die Schrottmühle von Fluggerät, der Hausdroide, die eigene Mutter. Der von Aardman Animations eingebrachte Beitrag ist aus der Sicht des Teenagers typisch, alles furchtbar, voll Panne. Letztlich läuft es natürlich auf die Teilnahme am Rennen hinaus und am Ende haben sich alle lieb. Die Geschichte ist nun wirklich nicht neu, die Präsentation aber gelungen. Hier kann Aardman seinen bekannten Charme spielen lassen, das Design ist durchaus chic und wie von dem Studio gewohnt visuell ansprechend gebastelt.
Das Rennen ist immerhin flott. Ich verstehe nur nicht, warum man jede schon zig Mal erzählte Handlung nun auch hier als Kurzfilm noch einmal durchkauen muss.
Auf der "Journey to the Dark Head" befindet sich Ara mit dem Padawan Toul. Ara glaubt, dass die Zerstörung eines Statuenkopf auf ihrem Heimtplaneten den andauernden Krieg verkürzen könnte, stehe er doch für die dunkle Seite.
Das südkoreanische Studio Mir kleidet diesen Ausflug visuell in einen recht typischen Anime-Stil und die Optik ist auch der positive Aspekt an diesem Kurzfilm. Denn inhaltlich ist das hier etwas krude und garniert mit zwei trotzigen Hauptfiguren. Dass diese sich zusammenraufen müssen ist okay, funktioniert nur im Hinblick auf die begrenzte Zeit, die sie ob des Formats haben, nicht wirklich. Dazu webt die Geschichte noch eine Rückblende, den Jediorden und Schicksale mit ein, sodass der Beitrag letztlich dramaturgisch überfrachtet und unbefriedigend wirkt, trotz der ansprechenden Optik.
Loi'e ist "The Spy Dancer", sie tritt in einem Club vor Imperialen auf und bietet eine sehenswerte Show. Dabei entdeckt sie den Offizier, der ihr vor Jahren das Kind entriss und so sinnt die Tänzerin auf Rache.
Das Ambiente ist durchaus interessant, bietet mit seiner Theaterkulisse mal Abwechlung und auch die Geschichte selber bietet mehr als nur einen Twist. Insoweit ist der vom Studio La Cachette beigesteuerte Kurzfilm keine schlechte Wahl, der visuelle Stil bleibt aber etwas gewöhnungsbedürftig. Zwar ist die klassiche anmutende 2D-Animation an sich ansprechend, das einzelne Figurendesign in Proportion und Bewegung sagte mir mir nicht so zu. Insgesamt aber ein schön gefertigter Kurzfilm, der in seiner zweiten Hälfte durch die Wendungen dazugewinnt und so einen der besseren Beiträge der zweiten Staffel darstellt.
In "The Bandits of Golak" folgt man dem Geschwisterpaar Charuk und Rani, welches auf einer Zugfahrt ob der Machtfähigkeiten Ranis in Bedrängnis gerät. Doch selbst der sicher geglaubte Zielort entpuppt sich als nicht ungefährlich für Machtsensitive in dieser Kurzgeschichte des Studios 88 Pictures aus Indien, welches stilistisch mal frischen Wind in dieses Universum bringt. Das ist aber letztlich auch schon der größte Pluspunkt des Beitrags, denn inhaltlich fährt man nichts Spannendes auf, weder in Ereignissen noch Figuren finden sich hier sonderlich interessante Bestandteile. Dazu sind, trotz des ansprechenden Stils, die Bewegungen der Figuren mitunter recht hölzern, was mit der mediokren Geschichte unterm Strich einen ebensolchen Kurzfilm ergibt.
In "The Pit" befindet sich eine größere Gruppe Arbeiter, nachdem diese unter Aufsicht von imperialen Sturmtruppen in eben dieser Grube nach Kyber-Kristallen gegraben hat. Als die Arbeiten abgeschlossen sind, lässt man sie einfach dort unten, während ein Stück weiter eine prosperierende Stadt entstanden ist. Das will einer der dort unten Gefangenen nicht tatenlos erdulden.
Visuell an einen handgezeichneten Stil angelehnt erzählt der Beitrag von D'ART Shtajio von der Suche nach Hilfe und dem Opfer der "da unten" für die "da oben". So simpel das klingt, so naiv ist diese Geschichte auch, für die man eigentlich nicht das Star Wars-Universum hätte bemühen müssen. Ausgenommen natürlich die letzte Szene, in der noch zwanghaft etwas mit der Macht untergebracht werden musste. Dabei ist es legitim zu thematisieren, wie der Reichtum mancher zustandekommt, auf welchen Kosten von anderen dieser fußt. Ist auf diesem Planeten ja nicht anders. Letztlich strukturiert man das hier aber recht blauäugig durch, einen Mehrwert sehe ich hier weder erzählerisch noch für die Ausgestaltung der Welt. Sieht immerhin hübsch aus.
"Aau's Song" handelt von der jungen Aau, auf ihrem Heimatplaneten finden sich die in Lichtschwertern verbauten Kyber-Kristalle. Durch die dunkle Energie der Sith kontaminiert werden diese hier gereinigt, wobei Aaus Stimme eine bemerkenswerte Rolle spielt.
Die Optik zieht schnell die Aufmerksamkeit auf sich, der Stil ist recht knuffig in seiner Stofftierart, wenn auch etwas ruckelig. Die ganze Welt Korba, die man in diesem Kurzfilm des Studio Triggerfish zu sehen bekommt, ist farbenfroh und lebendig. Visuell macht der Beitrag was her, die Geschichte selbst ist da nicht so aufregend. Sie beleuchtet zwar eine neue Facette, reißt aber keine Bäume aus. Trotzdem eine nette Episode zum Abschluss dieser zweiten Staffel.
Fazit:
Insgesamt ist die zweite Staffel des Projekts „Visions“ recht durchwachsen. Zwar mit dem Highlight „Screecher's Reach“, aber eben auch viel Durchschnitt ist das Projekt insgesamt dennoch eine spannende (nicht-kanonische) Angelegenheit. Es ist interessant zu sehen, was verschiedenste Studios aus der Thematik machen, wie sie sich dieser annehmen und umsetzen. Nicht alles begeistert, doch macht es so eine Sammlung eben auch aus, dass man einfach in verschiedene Richtungen vorstößt. Wie in der ersten Staffel wechselhafte Beiträge und dennoch einen Blick wert, wenn man mal Lust hat zu sehen, was Star Wars noch alles sein könnte.