Wenn sich alte Leute mit einem vielleicht letzten großen Ziel auf die Reise begeben, handelt es sich dabei fast immer um einen lang gehegten Herzenswunsch, wie die Begehung eines wichtigen Ortes. Und da die biologische Uhr erbarmungslos tickt, wird jenes Begehren oft mit einer unerschütterlichen Beharrlichkeit verfolgt, welche auch dem hier rastlosen Senior anhaftet. Denn der britische Regisseur Gillies MacKinnon schickt das Publikum auf eine ausladende Busreise quer durchs Königreich, die einen alten Mann in seine Vergangenheit eintauchen lässt.
Der 90jährige Tom (Timothy Spall) hat sich akribisch per Notizbuch und Landkarte auf eine lange Busreise vorbereitet: Von seinem schottischen Heimatdorf hoch im Norden geht zum Zipfel Südwestenglands, eine Strecke von rund 1350 Kilometer. Tom hat noch eine Aufgabe zu erfüllen, die er mit seiner kürzlich verstorbenen Frau Mary nicht mehr erledigen konnte…
Die Erzählung schickt den ehemaligen Fahrzeugmechaniker relativ umgehend auf Tour, welcher nur mit einem kleinen Koffer unterwegs ist. Besonders zu Anfang wird der Trip von gelungenen Landschaftsaufnahmen eingebettet, die von einsamen schottischen Gegenden zeugen, welche im Verlauf deutlich weniger werden, da MacKinnon aus Kostengründen ausschließlich in Schottland drehte. Bei seinem waschechten Roadmovie wechseln sich amüsante Momentaufnahmen mit bewegenden Vergangenheitsabschnitten ab, da regelmäßig Flashbacks einer zumeist glücklichen Beziehung eingebunden werden.
Skurrile Begegnungen mit einem trotzigen Möchtegernsoldaten wechseln sich ab mit einem hilfsbereiten Ehepaar, dann steckt Tom auf der Rückbank inmitten von Cheerleadern, während der alte Mann kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn Rassisten andere Fahrgäste angehen und damit das Kollektiv der übrigen Fahrgäste hinter sich weiß. Ein schöner, wenn auch nicht übertrieben eingesetzter Nebeneffekt ist die mediale Aufmerksamkeit des Reisenden, von der er natürlich zu keiner Zeit etwas mitbekommt: Während er zwischen Fußballfans und Junggesellinnen „Amazing Grace“ leise, aber textsicher singt, werden diverse Mobiltelefone gezückt und man mag sich ausmalen, wie schnell ein vogeliger alter Mann viral gehen dürfte.
Dass die Reise nicht gänzlich unbeschwert vonstatten geht, zeichnet sich primär an physischen Defiziten ab und zuweilen kann ein Nickerchen schon mal einen Ablauf gehörig durcheinander bringen. Hauptdarsteller Spall war zur Zeit des Drehs erst 63, doch mithilfe exzellenten Make-ups und einer durch und durch überzeugenden Performance trägt der Charaktermime die Reise absolut mühelos, zumal seine wortkarge Figur eben nicht dem typischen „Grumpy Old Man“ entspricht und somit rasch alle Sympathien einheimst.
Für die ruhigen Töne sorgt indes der durchaus gelungene Score von Nick Lloyd Webber, Sohn des berühmten Andrew, der die Unaufgeregtheit des Trips ebenso treffsicher hervorhebt, wie die melancholischen Momente, während die Kamera speziell in den lustigen Momenten (Fahrstuhlszene mit Hotelangestellter) genau den richtigen Blickwinkel findet.
Man könnte der Geschichte eine gewisse Schwarzweißmalerei mit weichgespülten Konflikten unterstellen, doch die einfühlsame Tragikomödie findet stets den richtigen Ton und deckt eine ordentliche Palette an Emotionen ab ohne je übers Ziel hinauszuschießen. Mit einer Laufzeit von nur knapp 86 Minuten kommen erst gar keine Längen auf, den Rest erledigt eine in Beschlag nehmende Hauptfigur, der man schlichtweg wünscht, am Ende einer beschwerlichen Reise belohnt zu werden.
8,5 von 10