Review

*SPOILER-WARNUNG*

Apokalyptische Szenarien haben offenbar wieder Hochkonjunktur, zumal sie von unseren realen Erfahrungen aus den vergangenen zwei Jahren beeinflusst wurden und nicht nur allein dystopische Hirngespinnste kreativer Autoren sind. Nachdem Taiwan bis dato relativ gut durch die Pandemie, die das Corona-Virus ausgelöst hat, gekommen war, hatte ein Freund des dort lebenden Kanadiers Rob Jabbaz gerade eine Entertainmentfirma gegründet und die Idee, einen Film zu machen, der das Pandemie-Thema mit Zombies kombinieren solle.

Kurzum verfasste Jabbaz auf Anfrage das Drehbuch, verzichtete aber darauf, hirnlose Untote ins Rennen zu schicken, denn davon gibt es ja nun schon zu genüge. Deswegen kam er auf die Idee, von einem Virus infizierte Menschen verrückt werden zu lassen, die daraufhin sexuelle Gewalt unkontrolliert ausleben. Dabei ließ sich Rob Jabbaz von den frühen Werken David Cronenbergs (PARASITEN-MÖRDER und DER ÜBERFALL DER TEUFLISCHEN BESTIEN) und Garth Ennis' berüchtigten Hardcore-Horror-Comic „Crossed" inspirieren. Am wichtigsten für Jabbaz, neben den Versatzstücken für die grobe Handlung, war dabei das Angreifen eines Tabus und die Intensität dieser Werke. In diesem Zusammenhang löste das renommierte Genremagazin Rue Morgue unabsichtlich den größten Horrorfilm-Hype des Jahres 2021 aus, als es THE SADNESS gar als „gewalttätigsten und verdorbendsten Zombie-Film aller Zeiten" bezeichnete und der Vertrieb diesen Satz als Werbeslogan übernahm.

Wie bereits erwähnt, ist THE SADNESS genau genommen kein Zombie-Film und war von Rob Jabbaz auch nicht als solcher konzipiert. Die hier sogenannten Zombies sind nicht tot, sondern höchst lebendig. Sie sind uneingeschränkt in ihren Bewegungen, können sprechen und denken. Sie sind Menschen, dessen lymbisches System durch die Viruserkrankung verändert wurde, sodass Aggression und Sexualtrieb miteinander verschmolzen sind und der Drang, diese Triebe auszuleben, nun hemmungslos entfesselt ist. Es gibt keine Moral, keine Tabus, einfach nur noch exzessives Ausleben ohne Rücksicht auf Verluste. Und die Verrückten haben sichtlich extreme Freude an ihrem mordgierigen Treiben und kommentieren jeden Akt der Gewalt mit vulgären Äußerungen. Humor kommt dabei seitens des Zuschauers nicht wirklich auf. Selbst wenn ein Zombie ohne Hosen Jim hinterher rennt, nachdem dieser ihn beim Penetrations- und Fressakt an einer toten Frau beobachtet hat, ist das Geschehen eigentlich viel zu grotesk und absurd, als dass es zur Heiterkeit anregen könnte.

Nichtsdestotrotz gibt es Parallelen zwischen Jabbaz' Verrückten und Zombies: die Ansteckung, der unkontrollierte Antrieb, die Übergriffe auf nicht infizierte Menschen, und der Überlebenskampf der Protagonisten in einem apokalyptischen Szenario. (So bedient der Film auch das stumpfe Schubladendenken seiner Zielgruppe und findet sich beispielsweise in der Gesellschaft von Umberto Lenzis GROSSANGRIFF DER ZOMBIES wieder.) Demzufolge ist THE SADNESS tatsächlich und zweifelsfrei der verdorbendste „Zombie-Film", denn die Verquickung von Obszönitäten und exzessiven Tötungsszenen, bei denen die Täter sich sexuell erregen, hat es in dieser Form wahrlich noch nicht gegeben. Die Akte sexueller Gewalt passieren allerdings größtenteils im Hintergrund und werden nur sporadisch kurz gezeigt oder angedeutet. Die Höhepunkte dabei sind der Gruppensex zwischen Infizierten, der mit seinen blutverschmierten und sich rhythmisch in Ekstase bewegenden Körpern zugegeben kunstvoll eingefangen wurde, und die nur angedeutete Penetration einer Augenhöhle. Das Aussparen allzu zeigefreudiger Details ist mittels stilsicherer Montage eine Stärke des Films, weil die Vorstellungskraft beim Zuschauer das eben Nichtgezeigte schmerzhafter wirken lässt, als das rabiate Ausleuchten auch des letzten Spezialeffekts.

Diese künstlerische Freiheit war für Jabbaz das Hauptanliegen, als ihm der Regiestuhl angeboten wurde. (Ursprünglich war er gar nicht als Regisseur geplant, aber alle anderen angedachten Regisseure wollten entweder zu viel Geld oder hätten sein Drehbuch als Komödie inszeniert, weil ihnen die vulgären Dialoge zu witzig erschienen.) Und genauso verfährt der Regisseur, der sich obendrein die Kontrolle über den finalen Schnitt des Films sichern konnte, bei der puren Gewaltdarstellung. Klar, das sehr realistische Filmblut spritzt in Fontänen aus den gemarterten Leibern und fließt in alle Winkel und Ecken, aber vieles geschieht im Off. Die Szenen, in der Jim mit seinem Roller durch die verwüsteten Straßen fährt und überall zerfetzte, zerbrochene und aufgerissene Leichen sieht, die durcheinander in ihren verteilten Eingeweiden liegen, wirken wie eine nicht enden wollende Unfallstelle. Dank der rasanten Inszenierung gibt es selten eine Verschnaufpause. Bei jeder neuen Konfrontation mit der unmittelbaren Gewalt, die jede Sekunde einschlagen kann, bangt der Zuschauer, was ihm als nächste Abscheulichkeit dargeboten wird, und erwischt sich vielleicht dabei, etwas aufzuatmen, wenn die Gräueltaten doch nur in abgeschwächter Form an ihm vorbeiziehen. Dadurch entsteht ein Spannungsaufbau, der sich durch die ganze Geschichte zieht und sein Level bis zum Schluss halten kann.

Es ist dahingehend nicht wirklich verwunderlich, dass Jabbaz nicht unbedingt konform geht, mit welchen Superlativen die Brutalität in seinem Film beworben wird. Aus seiner Sicht ist er nicht härter als andere Produktionen, die zum Teil auch im TV zu sehen sind, und vergleicht in diesem Zusammenhang seinen inszenierten Gewaltpegel mit den Serien THE WALKING DEAD und GAME OF THRONES. Was zunächst gar nicht so auffällt, ist der (sicherlich Budget bedingte) Verzicht auf spektakuläre Massenszenen, wie sie beispielsweise im Hollywood-Reißer WORLD WAR Z zu sehen waren. Die Schauplätze werden aufs Nötigste begrenzt. Das ermöglicht dem Zuschauer trotz aller vor Wut schäumender Grausamkeiten, die Rob Jabbaz in THE SADNESS präsentiert, immer bei den Charakteren zu bleiben, von denen es genau genommen nur drei gibt. Dem jungen Pärchen, für das der 21-jährige Berant Zhu und die 20-jährige Regina gecastet wurden, obwohl Jabbaz ursprünglich ältere Darsteller wollte, steht lediglich Tzu-Chiang Wang als Axt schwingender Geschäftsmann gegenüber. Alle anderen sind entweder Statisten oder flüchtige Abschnittsfiguren. Insbesonders die junge Regina weiß mit ihrer Ausstrahlung zu überzeugen. Zunächst wirkt ihre Kat wie ein scheues Mädchen, aber dann wächst sie über sich hinaus, ohne in das aktuelle, politisierte Klischee der Powerfrau abzurutschen. Sie behält in jeder Minute ihre Glaubwürdigkeit. Als Zuschauer wird man merklich nervös, angesichts der andauernden Verfolgung durch den Geschäftsmann und die sich immer wieder zuspitzende Konfrontation mit diesem. Man hofft inständig, dass sie sich retten kann oder gerettet wird. In diesem bedrohlich wirkenden Katz-und-Maus-Spiel liegt der Dreh- und Angelpunkt des Spannungsaufbaus. Aus Sicht des Regisseurs würde der Film ohne Tzu-Chiang Wang so gar nicht funktionieren.

Auch die angedeutete Beziehungskrise zwischen Jim und Kat bleibt überraschend alltäglich; für uns alle nachvollziehbar und realistisch, ohne in Kitsch abzudriften. Die verzweifelte Suche nach einander, in einer Welt, die von jetzt auf gleich aus den Fugen geraten ist, ist das Gerüst der Geschichte.
Um so niederschmetternder ist das Ende, wenn nach all dem Schmerz und Horror die Hoffnung auf Rettung sich in einem Schockmoment verflüchtigt, wenn wir gewahr werden, dass auch Jim zu einem Zombie geworden ist, der in einem Wechselbad beinahe ernstzunehmender Gefühle zwischen aufopfernder Liebe und triebgesteuerter Mordlust schwankt. Als dann auch noch Kat hinter verschlossener Tür von den vermeintlichen Rettern erschossen wird und Jim dank seiner Verletzung scheinbar verendet, wird uns die Titel gebende Traurigkeit und Tragik der Geschichte in aller Deutlichkeit bewusst. Was auch immer man uns in der Vergangenheit vorgegaukelt hat, Horror hat kein Happy End!

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