Alles zu wollen, ist ein hochgestecktes Ziel. Doch dabei läuft man Gefahr, nichts wirklich richtig zu machen.
Und Mike Newells "Mona Lisas Smile" scheint ein Beispiel für genau so einen Fall zu sein.
Der Trailer zu diesem Film allein scheint bereits überzulaufen, ernsthafte Themen, Romantik, Spaß und akademische Strenge, ausgiebig beträufelt mit sämiger Musik gibt keine genaue Richtung vor, die der komplette Film einschlagen wird.
Es ist also kein Wunder, wenn ein hastiger Blick das Werk als eine Art weibliches Gegenstück zu Peter Weirs "Dead Poets Society" zu identifizieren scheint. Und in diversen Plotsträngen findet man sich sogar in dieser Annahme bestätigt.
Das Skript, die ganze Produktion will einfach zu viel. Es soll eine Charakterstudie sein, ein Coming-of-Age-Film, eine Gefühlsstory, witzig und anmutig sein, unterhalten, Kritik an der veralteten Rolle der Frau üben, zum Aufbruch bewegen, zur Selbstfindung anleiten.
Alle diese Punkte lasten wie ein Mühlstein auf einer Produktion, die noch dazu mit großen Namen geizt, die das Thema einem Massenpublikum erst richtig schmackhaft machen sollen.
Allein die Anwesenheit Julia Roberts, eines sogenannten Superstars, ist Erfolgsgarant und Hypothek in einem, denn wenn man schon die Rolle der modern-progressiven Lehrerin, die an ein verknöchertes Traditionscollege für Mädchen kommt und mit ihren unkonventionellen Methoden und Ansichten über Kunst natürlich alsbald aneckt, dieser Schauspielerin in die Hand gibt, muß man auch einen Großteil des Films für sie erübrigen.
Das offensichtliche Gegenstück, Weirs Film, präsentierte Robin Williams Literaturlehrer lediglich als Katalysator für die Jugendlichen, die eine ganz neue Welt des Selbstbewußtseins für sich entdeckten. Williams selbst blieb ein sympathisches Chiffre, Antrieb und Neutrum in einem.
Roberts dagegen kann sich mit einer ähnlichen Rolle nicht begnügen, sie muß selbst Rätsel und Angelpunkt sein. Neben ihrer Lehrerinnenrolle hat sie mit ihrer Lebenseinstellung selbst zu kämpfen; dem Problem, alles und jeden auf die eigene Linie zu zwingen oder zu bewegen; sich selbst noch zu suchen, wo sie schon andere dazu anleitet.
Das Ergebnis ist ein Film, der seinen eigentlichen Figuren, den Mädchen, nur die Nebenrolle zukommen läßt, was nicht so schlimm wäre, wenn die Charakterstudie von Roberts Figur nicht ein Rätsel an sich bliebe. Ihre Ziele mögen modern und erstrebenswert sein, aber ihr Verhalten, vor allem in amurösen Dingen, bleibt oft unverständlich und wird, was das eigentlich Traurige ist, dem Zuschauer nie nahegebracht.
Abgesetzt dagegen die Mädchenschar, die ihre Collegelaufbahn nur als Sprungbrett für eine perfekte Ehe als perfekte Hausfrau, ganz im Sinne guter amerikanischer Traditionen. Hier öffnet sich wieder mal das ganze Schatzkästlein von Stereotypen: die auf Ehe versessene Streberin, die die alten Werte im Übermaß verinnerlicht hat; die scheinbar perfekt geeignete Jurastudentin, die noch nicht weiß, was sie will; die promiskuietive, aber sympathische Schlampe, dazu als charmante Einlage das traurige Dickerchen.
Das Zusammenspiel der Mädchen klappt herrlich insoweit, denn Kirsten Dunst ist herrlich sperrig, Julia Stiles perfektes Äußeres eine Maske, in die man etwas hineindichten kann; Maggie Gyllenhal dagegen fläzt sich durch ein Vaterfiguren suchendes Stück sexueller Aufgeladenheit.
Leider hat im weiteren Verlauf das Skript nur platte 180-Grad-Wendungen zu bieten: die Streberin wird in ihrer Ehe nicht glücklich und mutiert auf den letzten Metern zum Freigeist, die perfekte Jurastudentin will eigentlich nur perfekte Hausfrau sein und das liebe Moppelchen gewinnt am Ende das Herz der männlichen Brillenschlange.
Natürlich stimmt das alles weitestgehend mit der Botschaft des Films bezüglich persönlicher Selbstfindung, freier Entscheidung und dem Aufbrechen alter Strukturen überein, will sich aber mit der dazu zitierten Metapher der Kunst nie richtig verbinden. Ist die Literatur in "D.P.S." ein Beispiel für kraftvolle Umsetzung von Theorien und Ideen, bleibt die Kunst ganz dem individuellen Zugriff erhalten, bleibt schwammig und nie fokussiert.
In einer vielgezeigten Szene präsentiert die Lehrerin ihren Schülern ein modern-abstraktes Gemälde, doch es ist nötig zu erwähnen, daß es von Jackson Pollock ist, um den künstlerisch mäßig gebildeten Zuschauer mehr als Verständnislosigkeit abzuringen, denn gerade abstrakte Kunst eignet sich als plakatives Schauobjekt nur vereinzelt. Die Kamerafahrt über die Strukturen des Gemäldes bleibt dann trotz intensiven Musikeinsatzes und staunender Mädchengesichter nur ein leerer Augenblick, der mißglückte Versuch, etwas zu konkretisieren, was im Medium Film, welches mit verständlichen Parametern arbeiten muß, nicht gezeigt werden kann.
Der Plot bleibt dann auch sonst in Grundzügen ein Abziehbild von Weirs Film: der Lehrer bricht die Krusten auf, die Schüler öffnen sich, die alten Werte wehren sich und scheitern dennoch, Drama und Triumph vermengen sich zur Unkenntlichkeit, am Ende bleibt ein Zeichen der Hoffnung. Alles weitere ist dramaturgische Staffage, allein Roberts Verhältnis zu einem Italienischlehrer (der ungünstigerweise nie sonderlich sympathsich gezeichnet wird und sein Schicksal somit auf dem Gesicht trägt) hält den Film mehr auf, als es ihn weiterbringt.
Gute Schauspielerinnen zuhauf leisten dennoch kompetente und hingebungsvolle Arbeit, um den Film am Laufen zu halten und es gelingt sogar weitestgehend. Nur Roberts wirkt in keiner Szene wie eine Frau der 50er Jahre, ihr ganzer Look wirkt aus den 90ern importiert, wenn auch ihre Kostüme alt scheinen mögen. Seltsam, wo man sich gerade bei den Schülerinnen so viel Mühe gegeben hat.
Am Ende muß man die Rechnung aufmachen, daß hier zu viele erzählerische Kompromisse aufgemacht wurden, um den Film dann doch noch auf die Zielgruppe Frau zu trimmen, was gar nicht nötig gewesen wäre.
Was bleibt, ist Unterhaltung mit ein wenig Anspruch, dessen im Abspann von Elton John besungene und von alten Werbespots bebilderte Kritik an Bild der typischen amerikanischen Hausfrau leider inzwischen zum Anachronismus geworden ist und so nur noch zum Schmunzeln taugt. Aber manchmal genügt es einfach nur, eine schöne Zeit mit einem Film gehabt zu haben. Mögen die einzelnen Elemente sich nicht alle verbinden, unterhalten können sie auf jeden Fall. (6/10)