Wer leidet während der Pubertät eigentlich mehr, Kinder oder Eltern?
Früher war ich mir da ganz sicher, wenn die erste große Liebe zu Bruch geht, die Welt wie ein einziger Trümmerhaufen erscheint und Hausaufgaben und Vorabendserie im Fernsehen auf einmal keine Bedeutung mehr haben.
Milliarden von Kiddies muss es ähnlich ergehen, mit dem schmerzvollen Schritt ins Erwachsenwerden.
„Dreizehn“ beschreibt auch so ein Schicksal, nämlich das der 13-jährigen Tracy (Evan Rachel Wood). Aber es muss nicht immer Liebeskummer Auslöser eines veränderten Weltbilds sein, heutzutage ist die Werbeindustrie einflussreicher, hippes Styling und angesagte Klamotten sind wichtiger denn je.
Tracy bekommt das in der Schule zu spüren, wird von den Mitschülern verspottet, bis es ihr gelingt, sich der angesagten Evie (Nikki Reed) anzuschließen.
Doch das bleibt nicht ohne Folgen, denn unter dem Einfluss Evies macht Tracy eine komplette Wandlung von der braven Schülerin zum Vamp durch, mit Sex und allen Drogen, die die Szene so hergibt.
Der Streifen beginnt schon recht grotesk, man sieht zwei jungen Mädchen dabei zu, wie sie auf dem Bett eines Kinderzimmers hocken und sich abwechselnd gegenseitig ins Gesicht schlagen. Sie kichern und verlangen, - offenbar unter Drogen stehend – immer härtere Schläge, bis eine von beiden bewusstlos zu Boden sackt.
Im späteren Verlauf wird an diese Szene angeknüpft, bis dahin schildert Regisseurin und Autorin Hardwicke die Wandlung Tracys und das Eintauchen in die verruchte Welt Evies.
Es wird gestohlen, Zunge und Bauchnabel gepierct, geraucht, Alk getrunken und Sex mit Gangsta-Typen ausgelebt.
Tracy gerät also auf die schiefe Bahn, ohne dass die Mutter Mel (Holly Hunter) etwas davon mitbekommt?
Das mag zunächst unglaubwürdig erscheinen, wenn sie mit neuen Klamotten und Augenrändern herumläuft ohne dass Mom wirklich etwas auffällt. Doch wenn man die soziale Situation der Familie betrachtet, erscheint es durchaus realistisch: Eltern leben getrennt, Vater hat nie Zeit, Mutter muss mit Frisieren ihre beiden Kinder durchbringen und kämpft massenweise mit eigenen Problemen.
Das Schicksal einer alleinerziehenden Mutter kommt insofern keineswegs unglaubwürdig rüber, zumal Tracy und Evie (die mittlerweile bei ihr eingezogen ist), es wunderbar verstehen, ihre Eskapaden zu vertuschen.
Sämtliche Szenen wurden mit der Handkamera gedreht, was in den ersten Minuten noch als störend empfunden wird, im Folgenden aber die durchaus vorhandene Realitätsnähe unterstreicht. Zuweilen hat man das Gefühl, die Kamera verfolgt fast dokumentarisch den traurigen Alltag junger Heranwachsender und deren zweifelhaftes Ausleben sämtlicher Gelüste.
Die Kamera ist praktisch hautnah dabei und provoziert bisweilen doch etwas zu sehr, wenn Tracy und Evie sich an einen Typen ranmachen, um einen flotten Dreier einzuleiten.
Die aufkeimenden Reize der heranwachsenden Teenies sind für meinen Geschmack etwas zu häufig explizit im Bild, zwar nie mit nackter Haut, aber überaus körperbetont und viel zu sehr im Vordergrund ohne dabei die Geschichte inhaltlich voranzutreiben.
Hardwickes Debüt wirkt zuweilen wie eine soziale, ungeschönte Jugendstudie, was sicherlich dem Einfluss Nikki Reeds zu verdanken ist, die hier nicht nur Glamour-Girl Evie beeindruckend verkörpert, sondern auch maßgeblich als Autorin beteiligt war und dabei auf eigene Erlebnisse zurückgreift.
Da mögen ausschweifende Drogenexzesse im ersten Moment etwas glorifizierend anmuten, zumal die Gören nie erwischt werden. Doch sind sie auch Teil des Sumpfes, der die beiden immer tiefer in sich zieht und aus dem es kein Weg zurück zu geben scheint.
Ein bitterer Ausgang der Geschichte scheint unumgänglich, da sich die Spirale der Rebellion und des Drogenkonsums immer enger dreht.
Da mutet das etwas konstruiert wirkende Happy End mit moralinsaurer Botschaft auch etwas unglaubwürdig an.
So bilden im letzten Drittel auch plötzlich eingesetzte Blau-Grau-Farbfilter einen merkwürdigen Kontrast, der die entscheidende Dramatik des Finales einleitet.
Zudem ist die immer wieder im Bild auftauchende Werbetafel einer schönen Frau mit Edding verschandelt worden, - ein weiteres, zu sehr betontes Anzeichen für eine dramatische Zuspitzung.
Dabei hätte es dieser Stilmittel nicht bedurft, denn die Darsteller agieren durch die Bank erstklassig. Die beiden Teens geben sich sehr natürlich und zu keiner Zeit künstlich oder aufgesetzt. Holly Hunter spielt die leidgeprüfte Mutter fesselnd und facettenreich und auch Jeremy Sisto kann in einer Nebenrolle punkten. Besonders diese Darstellerleistungen tragen einen erheblichen Teil zur Authentizität der Geschichte bei.
Ein Kind in der Pubertät schlägt einen Weg ein, den jeder Erziehungsberechtigter am ärgsten fürchtet.
Kein schlechtes Regiedebüt von Hardwicke, die lebensnah erzählt und mit einer aufwühlenden, unverschönten Geschichte zu unterhalten weiß.
Dank starker (Jung)Darsteller erhält die an sich einfache Idee eine dauerhaft anhaltende Dramatik, die auch im Nachhinein ein leicht beklemmendes Gefühl hinterlässt.
7,5 von 10