Review

„Jersey Girl“ ist ein Film, der mich trotz vieler negativer Vorzeichen am Ende doch positiv überraschen konnte:
Zum Zeitpunkt der Entstehung war die Beziehung der beiden Mitwirkenden Ben Affleck und Jennifer Lopez gerade in aller Munde (und in allen Medien), was zu einer unglücklichen Verschiebung der Aufmerksamkeit führte, denn schließlich soll in „Jersey Girl“ eine aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Ben und Co-Star Liv Tyler glaubhaft verkauft werden, während Jennifer nur im ersten Akt auftaucht. Irgendwann hatte die Öffentlichkeit letztendlich zudem genug von „Bennifer“ – ihr erstes gemeinsames Projekt „Gigli“ floppte kolossal, so dass akute Schadensbegrenzung angesagt war: Jennifers Szenen wurden stark gekürzt und ihr Name vom offiziellen Poster entfernt … es half nichts, und auch ihre zweite Zusammenarbeit versank wie ein Stein an der US-Boxoffice.
Meine Hoffnung ruhte nun auf Regisseur Kevin Smith (“Clerks“,“Dogma“ etc), schließlich konnte man sich bislang immer auf ihn verlassen – als ich dann jedoch den Trailer zum ersten Mal zu Gesicht bekam, war ich (gelinde gesagt) enttäuscht, denn jener schien eher auf ein cineastisches Ergebnis strikt nach der Formel des Hollywood-Mainstreams hinzudeuten.
Gut, dass ich dem Film dann doch noch eine Chance gegeben habe, denn er ist zwar Kevin Smiths konventionellstes, dafür aber auch persönlichstes und reifstes Werk geworden (schließlich ist er inzwischen selbst ein Vater und hat seinen eigenen im Jahre 2003 verloren – jenem ist dieser Film gewidmet).

Zur Story: Ollie Trinke (Affleck) ist erfolgreicher Musikpublizist, glücklich verliebt und kurz davor, zum ersten Mal Vater zu werden – alles scheint perfekt, doch dann verstirbt seine Frau (Lopez) bei der Geburt der Tochter. Um den Schmerz zu unterdrücken, schiebt er das Baby zu seinem Vater (George Carlin) ab und stürzt sich in die Arbeit. Eines Tages muss er jedoch auf das Kind aufpassen und zugleich eine wichtige Pressekonferenz organisieren, bei der er schließlich die Nerven verliert und die anwesenden Journalisten (sowie den Promi „Fresh Prince“…aka Will Smith) beleidigt…
Ohne Job zieht Ollie wieder bei seinem Vater in Jersey ein, fängt bei den Stadtwerken im Außendienst an (da man ihn nach dem Vorfall in der Branche nicht mehr beschäftigen möchte – Zitat: „Selbst Hitlers Pressesprecher hätte bessere Chancen auf einen Job“) und wird zu einem liebevollen Vater der inzwischen siebenjährigen Gertie (Raquel Castro).
Irgendwann lernt er die Studentin Maya (Liv Tyler) kennen, die in der Videothek arbeitet – sie freunden sich an und alles scheint in Ollies Leben wieder gut zu laufen, doch innerlich will er ins Business nach New York zurück (im Gegensatz zu Gertie, der es in Jersey gefällt). Eines Tages erhält er aber dann doch, dank seines ehemaligen Assistenten Athur (Jason Biggs), eine neue Einstiegschance in ein Top-Unternehmen, doch der Gesprächstermin liegt genau zu der Zeit, in der Gertie eine für sie sehr wichtige Schulaufführung hat…

Jip, alles läuft auf die klassische Entscheidung zwischen Familie und Karriere hinaus, und man muss kein Genie sein, um sich den Ausgang denken zu können, doch darum geht es hier gar nicht, denn „Jersey Girl“ will einfach eine gute und fast altmodische Geschichte erzählen – was auch gelingt, denn Smith erzielt eine stimmige Balance zwischen Wohlfühlelementen und sentimentalen Situationen. Wer jedoch befürchtet, der Smith-typische Witz wäre dabei auf der Strecke geblieben, der irrt, denn gleich die erste Szene, in der Schulkinder Familiengeschichten erzählen müssen, beweist eindrucksvoll das Gegenteil.
„Jersey Girl“ ist eindeutig ein Kevin-Smith-Film, auch wenn Jay und Silent Bob ausschließlich im Logo der Produktionsfirma auftauchen: Es wird viel geflucht, Wortwitz und Dialoge sind bissig, es gibt viele pop-kulturelle Kommentare (wie zu “DJ Jazzy Jeff & the Fresh Prince“, “Cats“, “Dirty Dancing“ etc) und schräge Figuren mit lustigen Eigenarten. Als Ollie beispielsweise Maya kennen lernt, will er sich gerade einen Porno ausleihen – da passt es gut, dass sie für die Uni eine Arbeit über das „Porno-Ausleihverhalten von Männern“ schreibt und ihn als Testperson gebrauchen kann. Als er ihr während des Interviews dann gesteht, seit dem Tod seiner Frau (vor 7 Jahren) keinen Sex mehr gehabt zu haben, beschließt sie ihm mit einem „Mercy-Jump (aka „Pitty-Fuck“) zu „helfen“, bei dem sie jedoch von Gertie erwischt und (bezüglich ihrer Absichten) zur Rede gestellt werden…

Die Dreharbeiten müssen für Affleck wie eine Familienfeier vorgekommen sein, denn mit einem Großteil der Besetzung hatte er bereits in der Vergangenheit (teilweise auch schon mehrfach, wie mit Regisseur Smith) zusammengearbeitet – Liv Tyler („Armageddon“), Jennifer Lopez („Gigli“), Jason Biggs („Jay & Silent Bob…“), George Carlin („Dogma“)…
Und tatsächlich scheint die vertraute Umgebung Wirkung gezeigt zu haben, denn vor allem in Zusammenarbeit mit seiner Filmtochter wächst Ben förmlich über sich und seine (leider in der Vergangenheit oft erreichten) schauspielerischen Grenzen hinaus und liefert eine vollkommen überzeugende Leistung ab.

Die Besetzung ist ohnehin der Clou: Alle spielen glaubwürdig und gut – vor allem die kleine Raquel Castro ist steinerweichend süß, wie auch Liv Tyler, denn beide spielen mit einem unglaublich entwaffnenden Charme. Selbst „J-Lo“ zeigt Mut und veralbert ihren Ruf als Diva (beschwert sich beispielsweise über ihren dicken Babybauch und bricht deswegen in Heulkrämpfe aus). Das finale Cameo von Will Smith ist ganz nett und bringt die moralische Botschaft des Films noch einmal auf den Punkt, wirkt dadurch aber etwas aufgesetzt – im Gegensatz zum gemeinsamen Kurzauftritt von Jason Lee und Matt Damon, der treffend und schlagfertig daherkommt.

Auch dieser Kevin-Smith-Film ist wieder einmal Geschmackssache wegen seiner Andersartigkeit – jedoch nicht gegenüber dem Mainstream, sondern seinen vorherigen Werken. Die Geschichte ist nicht ganz ernst, aber nahe an der Realität. Zwar gibt es einige Klischees, die das Genre mit sich bringt (wie wenn Ollie unter Tränen zu dem Baby über dessen tote Mutter spricht, oder die absolut vorhersehbare Schlussentscheidung), aber diese zu umschiffen wäre schwierig gewesen. Die Erwartungen sollten nicht zu hoch angesetzt werden, doch man wird auf jeden Fall unterhalten – es ist nun mal ein Wohlfühlfilm, der trotz einiger Vorhersehbarkeit und Klischees tatsächlich funktioniert.

Fazit: „Jersey Girl“ (trotz des Titels kein Teil vom Jersey-Zyklus) ist ein liebenswerter kleiner Film, der beweist, dass Kevin Smith nicht nur den überdrehten Irrsinn (wie in seinen letzten Produktionen “Dogma“ und “Jay & Silent Bob…“) beherrscht, sondern auch ein guter Geschichtenerzähler ist … 7 von 10.

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