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„Wo bist du?“ – „Beim Yoga, wieso?“

Mit dem zwölften „Tatort“ des Dresdner Ermittlungsteams um Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) hat Kommissarin Karin Gorniaks (Karin Hanczewski) „neue“ Partnerin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) mit ihrer Vorgängerin Alwara Höfels gleichgezogen – beide absolvierten nun je sechs Episoden. Mit der Verfilmung des Drehbuchs Michael Comtesses inszenierte Sebastian Marka seinen bereits zehnten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe. Dieser wurde im pandemischen Herbst 2020 gedreht und erst am 17. Oktober des Folgejahrs erstausgestrahlt.

„Der Jugendwahn ist ausgebrochen!“

Mit nur 29 Jahren bricht Anna Schneider (Milena Tscharntke) aufgrund eines Herzstillstands zusammen und verstirbt. Der neue Rechtsmediziner Jonathan Himpe (Ron Helbig) meint, eine Vergiftung und somit jegliche äußere Einwirkung ausschließen zu können, doch die Kommissarinnen Gorniak und Winkler bitten ihren Vorgesetzten Schnabel inständig, Ermittlungen aufnehmen zu dürfen. Ihre Intuition verrät ihnen, dass da etwas nicht stimmen kann: Kurz vor ihrem Tod hatte Anna Schneider Strafanzeige gegen eine(n) anonyme(n) Nachsteller(in) erstattet, die/der sie regelmäßig terrorisierte. Zudem litt sie zuletzt unter körperlichen Schmerzen unbekannter Ursache – genau wie Gorniak in jüngster Zeit… Schneiders Ex-Freund Nils Klotsche (Christian Friedel) ist der naheliegendste Verdächtige, und er ist Angestellter eines medizinischen Labors, in dem mit Nanobots experimentiert wird. Dessen Vorgesetzter Professor Mühl (Matthias Lier) und seine Kollegin Martha Marczynski (Anna Maria Mühe) halten es jedoch für extrem unwahrscheinlich, dass diese Technologie bei Schneiders Tod eine Rolle spielte. Handelt es sich eventuell beim verheirateten Lucas Dreesen (Beat Marti) um den Stalker? Immerhin unterhielt er eine Affäre zu Schneider. Plötzlich erhält auch Gorniak bedrohliche Anrufe, außerdem werden ihr rätselhafte private Videoaufnahmen eines Partygeschehens zugespielt. Was wird hier gespielt, und was hat Gorniak damit zu tun? Der Schlüssel liegt in ihrer Vergangenheit…

„Viel Spaß beim Anschauen!“

Ein(e) irre(r) Stalker(in) vergiftet in diesem „Tatort“ also Frauen mit Nanobots, so auch Kommissarin Gorniak – dies ist an dieser Stelle sicherlich nicht zu viel verraten. Dass es Delinquent(inn)en schon mal direkt auf eine Kommissarin oder einen Kommissar abgesehen haben, ist nichts Neues, mitunter gar Ausgangspunkt für episodenübergreifende Erzählungen innerhalb der Reihe. Hier jedoch erscheint dieser Handlungsmittelpunkt leider reichlich unmotiviert und überkonstruiert, regelrecht erzwungen. Teil der horizontalen Narration ist in „Unsichtbar“, dass Gorniaks Sohn Aaron (Alessandro Schuster) zunehmend flügge und aufmüpfig wird, was sich mit der episodenspezifischen Handlung kreuzt, wenn er plötzlich für seine kranke Mutter da sein muss. Im Krankenhaus liest er zudem vor, worin Nanopartikel schon überall enthalten sind und vermittelt damit ein wenig Wissen. Zu den mehr oder weniger interessanten Erkenntnissen zählt auch, dass die Suche nach Giften bei Obduktionen eine teure Angelegenheit ist, die von Fall zu Fall gesondert genehmigt werden muss (und somit seltene, schwer nachweisbare Gifte für perfekte Morde prädestiniert – ist notiert!), und (ok, recht naheliegend) dass eine Smartwatch zwecks Erkenntnisgewinn ausgewertet wird. Aufmerken lässt auch ein als Yoga getarntes Aggressionstraining, das im weiteren Verlauf tatsächlich noch eine entscheidende Rolle spielen wird.

Ansonsten wird die Dramaturgie längere Zeit von der Suche nach Täter(in), Motiv und Methode bestimmt. Noch vorm Finale wird all dies „ermittelt“ und es bleibt die Frage, weshalb man es (auch) auf Gorniak abgesehen hat. Vom Krimi- versucht man in einen harten Psycho-Thriller-Stil zu wechseln und inszeniert einen Showdown, der mit einer mehr schlecht als recht zusammengesponnenen Hintergrundgeschichte aus Gorniaks Jugend wuchert. „Unsichtbar“ greift die insbesondere im Zuge der Covid-19-Pandemie unter Impfgegnerinnen und -gegnern verbreitete Paranoia vor der Injektion mikroskopisch kleiner Krankmacher oder Manipulatoren auf und tischt seinem Publikum eine unwahrscheinliche, absonderliche Geschichte auf, die Marka unter Zuhilfenahme von Rückblenden, Make-up-Effekten, Jumpcuts und zwischen bedrohlich und melancholisch schwankender Musik aber sehr ansprechend zu inszenieren und zu erzählen verstand.

Oder kurz: Drehbuch Flop, Regie top – ergibt eine Durchschnittsbewertung.

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