Review

Eine goldene Zukunft scheint der Amsterdamer Rapper Richie (Jonas Smulders) vor sich zu haben: wenige Tage vor seinem nächsten Auftritt teilt ihm seine Managerin mit, daß ein Majorlabel einen Top-Vertrag für ihn ausgearbeitet hat - in 3 Jahren 3 Alben, und dafür 3 Millionen. Kein Wunder, daß der sehr von sich überzeugte Bursche mit verspiegelten Frontzähnen, Pelzjacke über dem tätowierten Oberkörper, fetter Goldkette und ebensolcher Uhr gleich noch ein bißchen mehr abhebt: seiner Lebensgefährtin, die zuhause auf das gemeinsame Baby aufpasst, kündigt er einen Karibik-Urlaub gleich nach Konzertende an. Zwar ist der Vertrag noch nicht unterschrieben, was den extrem auf sein Image bedachten und daher jeden Tag diverse Befindlichkeits-Videos postenden Rapper jedoch nicht davon abhält, damit im Kreise seiner Entourage zu prahlen.
Dummerweise gibt es aber auch einige Neider, und die passen den großspurigen Richie und seinen besten Freund Tony (Daniël Kolf) in der Tiefgarage ab und rauben die beiden aus. Nun wäre der Verlust von ein paar Wertgegenständen (darunter allerdings auch Richies bekannte goldene Uhr) nicht so wahnsinnig tragisch, fieserweise jedoch stellen die Räuber den mitgefilmten Überfall prompt ins Netz, wo er auch sofort viral geht. In der für Richie und sein Zielpublikum einzig maßgeblichen Social-Media-Welt bedeutet solch ein Clip, in dem der Rapper niedergeschlagen und mit einem Messer am Hals gedemütigt wird, freilich einen extremen Ansehensverlust und damit die Höchststrafe, noch dazu einen Tag vor einem Konzert. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten: "Richie ist eine Pussy", "Boykottiert den Typen", "Verkauft eure Konzertkarten" und dergleichen lauten die zahlreich eintrudelnden Kommentare. Eine ungewohnte Situation für den erfolgsgewohnten Angeber, der langsam weiche Knie bekommt, da seine sorgsam aufgebaute Gangster-Rapper-Kunstfigur im Minutentakt immer mehr an Reputation verliert. Solchermaßen mit dem Rücken zur Wand beschließt Richie zurückzuschlagen und die Räuber, bei denen es sich offenbar um eine handvoll eher ungefährlicher Kids aus seinem eigenen Viertel handelt, aufzusuchen...

Die niederländische Produktion Forever Rich (ein Wortspiel mit dem Namen des Hauptdarstellers, der gleichzeitig gerne für immer reich sein würde) bietet ein temporeiches Spektakel aus einer Subkultur, in der das aus Statussymbolen und großen Sprüchen bestehende Image schlichtweg alles bedeutet, das aber auch, wie man sieht, sehr schnell Risse bekommt. Der um seine Existenz bangende Großkotz muß bei der Jagd durch Clubs und Diskotheken im nächtlichen Amsterdam alle Register ziehen, um seinen Ruf wiederherzustellen, doch stellt sich bald heraus, daß er dabei nicht sonderlich geschickt vorgeht. Seine Aktionen werden zunehmend verzweifelter und bringen ihn selbst in existentielle Gefahr, die wenigen, ihn begleitenden Freunde hat er dabei schnell "verschlissen" und die Gegenseite ist auch nicht ganz dumm...

Das kleine Budget sieht man dem Film nur an wenigen Stellen an, wenn der zornige Richie, durch die Umstände ein wenig auf Normalmaß reduziert, teilweise in Echtzeit durch Amsterdam rast und rennt. Dabei ergeben sich zum Teil auch unerwartet kuriose Situationen, die zur Authentizität des Geschehens beitragen - beispielsweise, wenn Richie auf zwei kleine Kinder aufpassen muß, während deren Vater für ihn loszieht, wenn seine Freundin ihm berechtigte Vorwürfe macht, die er nicht kontern kann oder die zeitweiligen, stets peinlichen Auftritte seiner stark gebotoxten Mutter, die keinen Plan von den Geschehnissen hat, nur von ihrem tollen Sohn schwafelt und ansonsten dem Alkohol zuspricht.
 
Ein wenig Kritik üben muß man an dem drehbuchbedingten Umstand, daß ein verletzter Weggefährte, der im Spital verschwindet, nie wieder auftaucht oder aber die niederländische Polizei von einer Ringfahndung noch nichts gehört hat und die Social-Media-Kanäle grundsätzlich nie auf mitgefilmte strafbare Handlungen hin kontrolliert. Auch das kurze, ohne weitere Erklärungen bzw. Konsequenzen eher offen gestaltete Ende erscheint in diesem Zusammenhang nicht sonderlich realistisch.
Doch trotz dieser kleinen Schwächen macht es Spaß zuzusehen, wie ein Großmaul in einer nur aus glitzernden Fassaden bestehenden jugendlichen Subkultur seine verlorene Street Credibility wiederzuerlangen versucht - 6,51 Punkte.

Details
Ähnliche Filme