Mit dem Golden Globe für den besten Animationsfilm katapultiert sich Disney auch ohne dem Dazutun von Pixar erneut in die oberste Riege der Animationsschmieden. „Encanto“ ist in einigen Belangen ein eher untypisches Disney-Werk und obgleich hier und da gesungen wird, braucht es nicht einmal einen klassischen Antagonisten, um Konflikte auszutragen.
In den Bergen Kolumbiens lebt Oma Abuela mit ihrer Großfamilie, deren Individuen dank einer magischen Kerze mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind. Nur nicht das schwarze Schaf der Familie, der Tollpatsch Mirabel. Sie spürt jedoch die Verwundbarkeit der Magie und die damit verbundene Gefahr für die Familie und sieht sich gezwungen, rasch zu handeln…
Es benötigt keine fünf Minuten, bis der erste Song angestimmt wird und sechs weitere sollen folgen, was dem Stoff einen merklichen Musical-Charakter beschert. Obgleich zwei, drei Liedern ein leichter Ohrwurmcharakter anhaftet, ist dies, speziell mit deutschen Texten nicht jedermanns Sache, wobei den dazugehörigen Gesangsstimmen beileibe kein Vorwurf zu machen ist. Sobald ein Song eine Anekdote vermittelt oder eine Figur näher bringt, trägt er indes locker zum ohnehin schon hohen Unterhaltungswert bei.
Das Highlight ist klar die detailreiche und bunte, jedoch nie schrille Animation, welche insbesondere mit den Mimiken treffsicher balanciert. Gesichtsausdrücke tragen in hohem Maße zur Emotionalität bei und davon liefert die eigentlich schlicht gehaltene Geschichte recht viel. Dabei lohnt es sich vor allem, auf Reaktionen einiger Tiere am Rande zu achten, was zweifelsohne für den einen oder anderen kleinen Lacher sorgen dürfte.
Den klassischen Bösewicht benötigt es deshalb nicht, da einige Figuren mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben. Mirabel sucht aufgrund fehlender magischer Kräfte besonders nach Anerkennung, andere wollen ein perfektes Bild innerhalb der Familie vermitteln, was zu erhöhtem Druck führt. Individualität ist zuweilen weitaus erstrebenswerter als ein angepasster und stets funktionierender Baustein im System, was eine der wesentlichen Botschaften vermittelt. Dies manifestiert sich auch äußerlich, denn Mirabel ist beileibe keine typische Disney-Heldin und es überrascht zudem, wie viele weibliche Figuren einen Wandel durchleben und hier deutlich stärkere Persönlichkeiten entfalten als die wenigen relevanten Kerle.
Man könnte dem Treiben einen Mangel an spannenden Momenten ankreiden und dass es gegen Finale doch ein wenig zu kitschig und rührselig zugeht, doch dies schmälert die Freude über das Werk nur geringfügig. Denn unterm Strich liefert „Encanto“, ganz dem Titel gemäß zauberhafte Unterhaltung für die ganze Familie mit erstklassiger Animation, überaus markanten Figuren und liebevoll ausgearbeiteten Hintergründen, die zudem ein angenehmes lateinamerikanisches Flair verbreiten. Ein Muss für Animationsfilmfreunde.
8,5 von 10