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Staffel 1

Ein hochspezialisiertes, schwer bewaffnetes vierköpfiges Team unter der Führung von Mehdi (Sami Bouajila) überfällt in einem belgischen Steinbruch einen Erztransporter, der gerade eine ganz besondere Ladung erhält: Goldbarren, die in großen Steinen versteckt sind. Als das Kleeblatt (darunter Mehdis Bruder und zwei jüngere Freunde) zuhause die Beute aufteilen, scheinen sie für längere Zeit ausgesorgt zu haben - doch parallel dazu versucht sich Mehdis gerade erwachsene Nichte Shaïnez (Sofia Lesaffre) mit ihrer Partnerin Liana (Tracy Gotoas) als Taschendiebin, die als Escortgirls unterwegs zufälligerweise neben dessen Brieftasche auch 8 kg Koks eines Drogenkuriers erbeuten. Das unerwartete Diebesgut soll ein junger Bursche aus Lianas afrofranzösischer Clique verticken, was jedoch gründlich schief geht - nicht nur, daß der Stoff weg ist, sondern dessen eigentlicher Besitzer Saber (Salim Kechiouche) will die Ware wiederhaben und entführt daher Shaïnez. Und so muß ihr Onkel Mehdi gleich wieder aktiv werden, denn Saber, der Sohn des mächtigen tunesischen Gangsterboss Hassan (Noureddine Farihi) ist ein Profi mit weitreichenden Verbindungen. Der vorsichtige Mehdi beschließt daher, sich genau an dessen Vorgaben zu halten und geht mit Shaïnez´ Freundin, der vorlauten, aber mutigen Nachwuchs-Kriminellen Liana eine Art Bündnis ein. Doch mit der Wiederbeschaffung des Kokains ist Saber noch lange nicht zufrieden: statt seine Nichte freizulassen zwingt er Mehdi, für ihn einen wesentlich größeren Coup durchzuführen: Er soll seinem Antwerpener Rivalen Chris (Geert Van Rampelberg), einem Drogenhändler aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen, dessen nächste Lieferung über 300 kg Stoff abnehmen. Wohl oder übel muß Mehdi seine drei Kumpane bitten, ihm hier wieder zu helfen, und auch die Jugend-Clique von Liana ist mit von der Partie: ein fulminanter Bandenkrieg nimmt seinen Lauf...

Einige Jahre nach dem gleichnamigen Film läßt Netflix nun die erste Staffel einer kleinen Serie folgen: Wieder mit Sami Bouajila in der Hauptrolle geht es in Im Auge des Wolfes auch diesmal um Verbrecher meist nordafrikanischer Herkunft, dennoch hat der 2021er Plot nichts mit dem 2015er Film zu tun - vielmehr spielt Bouajila diesmal einen stillen Gangster, der wider Willen in eine Auseinandersetzung hineingezogen wird, diese Herausforderung jedoch annimmt (da Familiensache eine Frage der Ehre) und sich als absolut ebenbürtig erweist. Neben diversen Action-Szenen beleuchtet das Drehbuch auch die vielschichtigen Beziehungen der Drogen-Rivalen untereinander, wo mit schnell wechselnden Bündnissen nach Kräften intrigiert wird, was Mehdi und seine Truppe immer wieder in Bedrängnis bringt.

So lernt man neben dem gewohnt ruhigen und konzentrierten Mehdi, der nie eine Miene verzieht, durch nichts zu überraschen ist, insgeheim aber selbst hochprofessionell vorgeht (zu seinen bevorzugten Werkzeugen gehören mit Sprengstoff bestückte Drohnen), auch die Machtverhältnisse und (Besitz-)Ansprüche der beiden Clans kennen, bei denen vor allem Hassans Sohn Saber, der sich von seinem Vater stets zurückgesetzt fühlt und zeitlebens um dessen Anerkennung buhlt sowie Hassans Adoptivtochter Sofia (Nabiha Akkari), eine mit allen Wassern gewaschene Intrigantin, durch längere Charakterisierungen hervorstechen. Das Kontrastprogramm zu diesen millionenschweren feinen Herrschaften mit ihren nach außen gutbürgerlichen Fassaden stellt dann Lianas Clique aus halbwüchsigen Nachwuchs-Kriminellen dar, die den ganzen Tag Computerspiele zocken, vom besseren Leben (sprich großen Coup) träumen und wie Beavis und Butt-Head daherreden. Zwischen diesen beiden extremen Polen bewegt sich der ruhige Mehdi, der eigentlich mit all dem nichts zu tun haben will, mit seiner profihaften Einstellung und seinen Erfolgen aber beide Seiten (das Publikum sowieso) zu beeindrucken weiss.

So geht es dann durch 6 einzelne Folgen zu je etwa 45 Minuten recht flott dahin, die Shoot-outs sind tadellos choreographiert, Verluste haben alle Seiten zu beklagen, und das Einzige, was mit der Dauer etwas nervt, ist das bisweilen penetrante in-den-Vordergrund-Stellen der undisziplinierten Jung-Gangster, die zumindest von Mehdi ernst genommen werden und an dessen "vorbildlichem" Agieren auch zum Teil wachsen - ein Umstand, der die Serie einen Punkt kostet. Dennoch ist Im Auge des Wolfes durchaus sehenswert, kann es mit den diversen Produktionen des französischen Action-Kinos der letzten Jahre jederzeit aufnehmen und läßt mit einem ebenso blutigen wie offenen Ende auch auf eine Fortsetzung schließen, ja geradezu hoffen. 7 Punkte.

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