Auf der Couch mit Dwayne
Es gab einmal eine Zeit, da versammelten sich regelmäßig Millionen von TV-Zuschauern gleichzeitig vor den Bildschirmen um zu Feiern. Es war die Zeit der großen Samstagabend-Shows. Beinahe jedes Land kannte dieses Phänomen, auch und besonders wir Deutschen, wetten dass? Im heutigen Streaming-Dschungel und Video on Demand-Supermarkt ist all dies nur noch eine wehmütige Erinnerung an die vermeintlich gute alte Zeit. Dennoch ist hier eine Lücke entstanden, ein Sehnsuchtsort, der wieder belebt werden will. Und kann, sogar global.
Heute braucht es keine unterschiedlichen Sender und Formate mehr um das Bedürfnis nach der großen Wochenend-Couch-Zerstreuung zu bedienen. Heute gibt es Netflix. Und so steckt der Streaming-Gigant einfach der Welt beliebtesten Showman in den Smoking und lädt zur großen Party. Und weil die schönste Party nichts ohne eine illustre Gästeliste ist, dürfen neben Dwayne „The Rock“ Johnson auch noch Marvel-Quasselstrippe Ryan Reynolds sowie DC-Schönheit Gal Gadot auf der protzigen Couch Platz nehmen. Dass man damit schamlos und offensichtlichst bei der Lichtspiel-Konkurrenz wildert, gehört bei Netflix längst zum Programm und ist Teil der kaum kaschierten Feindliche-Übernahme-Strategie. Aber zurück zum clever umfunktionierten TV-Show-Konzept.
Showmaster und Gästeliste sind also schon mal vom Feinsten, was in diesem Fall vor allem heißt „ultimativ massenkompatibel“. Aber jetzt muss diese Elite-Truppe auch ihrem Unterhaltungsauftrag nach kommen. Und der sieht vor, dass man möglichst viel Abwechslung mit gleichzeitig möglichst wenig Beanspruchung der zuschauenden Gehirne bietet. Schließlich soll jeder mit kommen, jeder seinen Spaß haben und jeder seinen tristen Alltag vergessen können. Denn die einzige Todsünde in der Unterhaltungsoberliga ist die Langeweile. Manege frei für „RED NOTICE.
Die bis dato teuerste Netflix-Produktion hat im Vorfeld allerlei Schelte beziehen müssen ob ihres substanz- und schamlosen Abklimperns der modernen Blockbuster-Klaviatur. Ein Vorwurf, der vollends ins Leere läuft, denn er übersieht die eigentliche Intention. Hier geht es am laufenden Band um den großen Preis, um TV-Total, wetten dass? Hier sollten sich Familien und Freunde vor ihrem Mega-Panel versammeln und bei Snacks und Plaudereien die trübe Arbeitswoche abschütteln. Da braucht es weder eine clever entwickelte Grundhandlung, noch zweidimensionale Charaktere, noch eine tiefere Bedeutungsebene für die gedankliche Nachwirkung. Da braucht es sympathische Hochglanzhelden, die in beliebten Hochglanzlocations lässige Hochglanzabenteuer bestehen. Auftrag ausgeführt.
So jagt FBI-Profiler John Hartley (Johnson) den weltbesten Kunstdieb Nolan Booth (Reynolds) um den halben Globus nur um fest zu stellen, dass sie beide von der mit allen Wassern gewaschenen Hochstaplerin Sarah Black (Gadot) aufs Kreuz gelegt wurden. Also machen die beiden Feinde gemeinsame Sache, um beim Rennen um den Heiligen Gral der Kunstdiebe - drei unbezahlbare Schmuckeier, die einst Königin Cleopatra gehört haben sollen - die ersten zu sein, vor allen aber um Black auf die Plätze zu verweisen.
Spätesten seit Steven Soderbergh OCEAN-Trilogie weiß man um den unwiderstehlichen Charme einer Allstar-Heist-Sause und damit punktet nun auch RED NOTICE. Und so kalauern und frotzeln sich die drei Streithähne durch Roms Engelsburg, Balis Strände, ein sibirisches Burggefängnis, eine spanische Luxus-Villa und den argentinischen Dschungel mitsamt geheimen Nazi-Bunker. Das klingt wie ein Kindergeburtstag auf dem die lieben Kleinen die besten Stellen all ihrer Lieblingsfilme wie den zweiten Indiana Jones, Oceans´s Eleven, Jumanji und die neueren Mission Imposssible-Abenteuer nachspielen wollten. Und so ist es auch.
Wie im anderen aktuellen Netflix-Superhit SQUID GAME werden also auch hier Kinderspiele wie Verstecken, Fangulus, Blinde Kuh und Flachendrehen in die Erwachsenenwelt exportiert, nur dass hier keine Mordorgien folgen, wenn mal einer oder eine verliert. Nicht vergessen, wir sind im hochpreisigen Familien-Entertainment-Tempel, da wird nicht gekillt, da wird gechillt, da wird nicht geschockt, da wird gerockt.
Natürlich kann man bei all der banalen wie harmlosen Kabbelei und Frotzelei die Nase rümpfen ob der hemmungslosen Verpulverung von Talenten und Moneten. Nimmt man allerdings Zielpublikum und Missionsauftrag ins Visier, dann ist RED NOTICE definitiv ein Volltreffer. Er macht Spaß, er unterhält und er gewährt großzügigen Freiraum für zwischenzeitliche Gespräche und Kühlschrankgänge. Er versammelt Generationen vor dem Bildschrim, ohne sich bei irgendeiner Altersgruppe anzubiedern. Und er garantiert einen unbeschwerten Sonntag, schließlich endet alles in luftiger Harmonie. Tommy Gottschalk jedenfalls dürfte das lieben, wetten dass?