Als die beiden Oxford-Studenten Hugh Legat (George MacKay, 1917) und der aus Deutschland stammende Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner) im Jahre 1932 bei einer zeitgenössischen Party im Gras liegen und mit ihrer gemeinsamen Freundin Lenya feiern, ahnen sie noch nicht, daß sie sich einige Jahre später in einer sehr ernsten Angelegenheit wiedersehen werden. Denn im Jahre 1938, in das Film ansatzlos springt, hat sich Paul, damals in England noch von der braunen Massenbewegung fasziniert (was zu einem Streit mit Hugh führte) inzwischen zu einem Gegner der Nationalsozialisten entwickelt. Privat in konspirativen Widerstandskreisen unterwegs ist er offiziell als Übersetzer im auswärtigen Amt tätig, und hier trifft er im Vorfeld der Verhandlung zum Münchner Abkommen seinen alten Freund aus Oxforder Zeiten wieder, der mittlerweile persönlicher Assistent des britischen Premierministers Neville Chamberlain (Jeremy Irons) geworden ist.
Die ehemaligen Kommilitonen eint der gemeinsame Wunsch, die auf einen Krieg hinauslaufende Politik Hitlers zu stoppen, da sie seinen Beteuerungen, der zu verhandelnde Anschluß des Sudetenlandes an das deutsche Reich sei der letzte Schritt seiner expansiven Politik, keinen Glauben schenken. Demgegenüber steht die als Appeasement-Politik bekanntgewordene Haltung der Westmächte (und hier besonders Großbritanniens), den Forderungen Hitlers nachzugeben, um den Frieden in Europa zu bewahren.
Hughs bisherige Versuche, aus persönlicher Überzeugung auf Chamberlain einzuwirken, scheitern kläglich, doch dann kommt Paul über seine Geliebte Helen Winter (Sandra Huller) an geheime Dokumente, die Hitlers wahre Absichten enthüllen. Der Plan der beiden Freunde ist nun der, diese Dokumente dem britischen Premierminister zukommen zu lassen, damit dieser seine beschwichtigende Haltung überdenkt und Hitler bei den Verhandlungen die Stirn bietet...
Das von Regisseur Christian Schwochow nach einem Roman des britischen Schriftstellers Robert Harris inszenierte Drama München - Im Angesicht des Krieges handelt zum Großteil von der Freundschaft zweier junger Männer aus den jeweils hauptbeteiligten Ländern England und Deutschland, die entschlossen sind, am Vor-Vorabend des 2. Weltkriegs den sich (für sie) abzeichnenden Lauf der Geschichte zu ändern. Daß sie daran trotz allen persönlichen Engagements am Ende scheitern, grenzt München von einer reinen Fiktion ab - denn von der historischen Rahmenhandlung und deren bekanntem Ausgang abgesehen spart der Film etliche Begebenheiten (vor allem politischer Natur) rund um das Münchner Abkommen aus und fokussiert sich ganz auf seine beiden Hauptdarsteller und ihre Mission.
Trotz überzeugender Darstellungen von MacKay und besonders von Niewöhner irritiert ein wenig das politische Sendungsbewußtsein der beiden Freunde, die - felsenfest von Hitlers Kriegsabsichten überzeugt - an manchen Stellen wie aus der Gegenwart in die damalige Zeit zurückversetzt erscheinen und von Anfang an keinen Hehl daraus machen, den Diktator beseitigen zu müssen. Im Gegensatz zu den bisweilen hektisch und konspirativ agierenden ehemaligen Studenten glänzt Jeremy Irons durch seine betont pathetische Darstellung Chamberlains, dem man allein durch sein altbacken-gesittet wirkendes Auftreten am meisten Sympathie entgegenbringt. In krassem Gegensatz dazu erscheint dann die Figur Hitlers, wobei das erkennbar zu hohe Alter des ihn darstellenden Ulrich Matthes (Der Untergang) noch das geringste Problem ist, denn der selbsternannte Gröfaz wirkt mit verkniffenem Gesicht und gekünstelt tiefer Stimme von vorn bis hinten wie eine Karikatur und führt damit die den Film leitende (reale) These vom die Welt täuschenden Kriegtreiber vollkommen ad absurdum. Vor einem solchen Hanswurst muß sich wirklich niemand fürchten - dennoch konzentriert sich das Geschehen zunehmend darauf, diesen wenig bedrohlichlichen Kobold loszuwerden, koste es was es wolle.
Zur Steigerung der Filmdramaturgie gehören dann auch einige Wendungen, die historischen Entsprechungen nicht standhalten können, wie z.B. dem Umstand, daß man sich mit einem Wehrmachtsgeneral ohne aufzufallen in einer Kneipe trifft, dort teilweise englisch spricht, was ebenfalls niemanden interessiert oder auch die Filmfigur einer britischen Schreibkraft indischer(!) Herkunft, die im Auftrag der britischen Generalität(!) auf Hugh achtet (wtf?) und in einem entscheidenden Moment dann auch das wie einen MacGuffin präsentierte belastende Dokument rettet.
Diese und eine Reihe anderer Ungereimtheiten lassen allmählich die Frage aufkommen, welchen Zweck der Film bzw. dessen Vorlage überhaupt haben, denn der dokumentatorische Wert von München beschränkt sich zunehmend auf Kleidung und Ambiente - ganz zum Schluß vor dem Abspann erfährt man es dann auf hinunterscrollenden Texttafeln: die Alliierten hätten ein weiteres Jahr Zeit gewonnen, sich besser auf den Krieg vorzubereiten. Somit ist der Film auch als eine Huldigung an den von der Geschichtsschreibung weitgehend negativ beurteilten Neville Chamberlain zu verstehen, der trotz seiner damaligen Sichtweise, Hitler nachzugeben, in positivstem Licht dargestellt wird. Wer sich mit dieser recht eigenwilligen Sichtweise anfreunden mag, wird an München vielleicht Gefallen finden. Wer sich eine weitere Facette seiner bestehenden Geschichtskenntnisse oder auch nur einen spannenden Thriller erwartet, wird dagegen schwer enttäuscht werden: 3 Punkte.