Review

Besen waren gestern


„Hellbender“ ist einer der familiärsten Hexenfilme aller Zeiten. Und das meine ich nicht im Sinne von „bekannt“ oder „langweilig“, sondern wortwörtlich. Es geht um eine Mutter und scheinbar ihre Tochter, beides Hexen, die wild und abgeschieden von der restlichen Gesellschaft im Wald hausen. Eigentlich verhalten sie sich recht friedlich und normal, sehen auch nicht besonders gefährlich oder creepy aus. Beide machen zusammen eingängige Rockmusik und sie verstehen sich eigentlich gut. Bis die Tochter ein paar Jugendliche in einem verlassenen Poolhaus kennenlernt und dort durch einen kleinen Regenwurm im Tequila als Premiere in ihrem Leben Fleisch isst - wodurch sie zum ersten Mal ihre wahre Kraft ansatzweise spürt…

Eine ganz zärtliche, ehrliche und schmerzhafte Coming-of-Age- und Mutter-Tochter-Geschichte ist „Hellbender“ vor allem. Lange Zeit eine echte Außenseiterballade. Wenig echter Horror (bis auf die wirklich enorm atmosphärischen letzten Minuten), dafür sehr viel Erwachsenwerden, seine Bestimmung und Stärke finden, die Last seiner Gattung, seines Stammbaums zu tragen. Ein paar mehr genreartige und härtere Höhepunkte abseits von der daueranwesenden teenage angst hätte ich mir wohl gewünscht. Doch im Grunde ist die Laufzeit dermaßen kompakt, sind die Darstellerinnen dermaßen glaubhaft, passen Chemie und untergründiger Schrecken dermaßen gut, dass ich „Hellbender“ ohne Frage als einen der sehenswertesten Hexenfilme der letzten Jahr bezeichnen würde. Nichts für den üblichen „Conjuring“-Gucker. Dafür zu langsam und ungewöhnlich, zu persönlich und intim, zu ruhig und brodelnd, kaum ausbrechend. Aber für alle anderen mit Geduld und dem richtigen Timing ein Tipp. Und die letzten Minuten haben mich echt mehrfach in den Sitz gedrückt, so unfassbar intensiv war der Abstieg in das neue Ich unserer anfangs so unschuldigen Protagonistin…

Fazit: starke und ungewöhnliche Mutter-Tochter-Geschichte zwischen Hexerei, Hokuspokus und natürlichen Trieben. Visuell eindringlich, atmosphärisch dich, thematisch sehr persönlich. Keine Show im klassischen Sinne des Wortes. Aber ein intimes Kabinettstückchen mit Krallen und Kontrolle. 

Details
Ähnliche Filme