Ich bin ja immer wieder guter Hoffnung, dass die Welle an Horrorfilmen, die die Industrie quasi permanent anstößt, auch kleine Schätze an den Strand spült und manchmal findet man dann ein Bernsteinchen wie eben „Offseason“ – kann einem nicht das Familienhaus finanzieren, nimmt man aber dennoch gern mit nach Hause.
Bei jungen Regisseuren bin ich vorsichtig geworden, aber ich setz mich mal – obwohl es mein erster Film von ihm ist – zwischen die Stühle und behaupte nur angesichts dieses Films: Mickey Keating, gerade mal Mitte 30, hat sichtbares Talent, weil er offenbar seine Vorbilder gut studiert und einen guten Blick für das Visuelle hat. Allerdings schreibt er – notgedrungen vielleicht – auch immer seine eigenen Drehbücher und da sind noch Feinjustierungen möglich, denke ich.
Also: wer immer schon auf die Knie gegangen ist, wenn in der „Geisterstadt der Zombies“ das Tor zum Jenseits geöffnet wurde oder seit gefühlten Jahrzehnten auf eine treffende H.P.Lovecraft-Verfilmung vergeblich wartet, kann hier zumindest an etwas herumsnacken, was danach schmeckt.
Worum es geht: Marie Aldrich erhält einen mysteriösen Brief, der sie bittet, das Grab ihrer Mutter zu prüfen, weil es angeblich von Unbekannten zerstört wurde. Dieses befindet sich auf einer mysteriösen Insel vor der Küste, welche nur mittels einer Brücke mit dem Festland verbunden ist und mysteriöserweise jedes Jahr am Ende der Touristensaison geschlossen wird, im Winter wohnen da nur Einheimische.
NATÜRLICH ist der Tag, an dem Marie und ihr Gschpusi George im Auto dorthin aufbrechen, der Tag vor der Herbstschließung und obwohl damit die Grabschändung eigentlich Wurst ist, denn man würde das sowieso nicht reparieren können in der Kürze der Zeit, überqueren sie die Brücke.
Der Brückenwächter ist natürlich ein wirrer Zausel mit ominösen Warnungen (wie könnte es anders sein) und auf der Insel geraten die beiden in ein visuell beeindruckendes Potpourri aus verschiedensten Horrorfilmmotiven. Erstmal scheint kaum jemand auf der Insel zu sein, der Friedhof hätte auch in jedem karibischen Zombiemovie nicht nebliger sein können, die örtliche Blumenverkäuferin taucht mit eigenartigem Blick auf und verschwindet wieder und George geht flöten, während er den Wärter sucht. Später finden die beiden sich am Strand wieder, der enorm an die „Figur am Strand“-Tableaus von Montague Rhode James erinnert und noch etwas später (es wird immer dunkler) gerät Marie erst in die Ortskneipe, die mit „ein feindlicher Ort“ noch nice beschrieben ist, später eiert sie durch das Insulanermuseum im besten „House-of-Wax“-Style und irgendwann tragen alle Insulaner weiße Augen zur Schau…
Was das alles bedeutet, soll hier mal nichts zur Sache tun, ich hab mit Geisterinsel, Meeresküste und Lovecraft sowieso schon zu viel erzählt, aber das wir hier die alte Story von den armen Seelen fahren, die ungeachtet wirklich jeder Warnung (möglichst direkt in die Visage geballert), immer weiter in ihr Verderben latschen, breitet Keating enorm geschickt vor uns aus.
Tatsächlich durchzuckt einen quasi jede Minute der Impuls, das alles als alten Hut abzutun, aber Atmosphäre und die gruselige Grundstimmung sind wirklich gut umgesetzt und das alles schon zu spät ist, trägt der Film wie mit einer T-Shirt-Aufschrift vor sich her.
Irgendwann ist es Zeit für die Sirene und die Brücke geht hoch und natürlich geht es dann ums nackte Überleben oder was Schlimmeres, aber ich verrate hier mal nichts weiter, denn man darf sich auf runde 90 Minuten freuen, die höchstens dadurch geschmälert werden, dass der Plot in der Struktur schon ziemlich abgedroschen ist und Marie nun auch nicht die Lernfähigste.
Ein weiterer Schwachpunkt war für mich das längst begrabene Mütterlein, welches in diversen Rückblenden ebenfalls für eine wenig beachtete Backstory sorgt und die wohl psychisch nicht eben sattelfest war. Leider reitet Keating ein wenig zu sehr auf den ominösen Schwafeleien herum, allein der Anfangsmonolog ist schon viel zu lang und unoriginell, um das Publikum zu binden, ich hab nach den 90 Sekunden zähen Psychogebabbel um ein Haar das Interesse verloren.
Immerhin, der Film hat nach hinten raus noch ein paar nette Wendungen im Gepäck, die zwar nicht alles auf den Kopf stellen, aber immerhin brauchbar erklären, da zuvor ziemlich viel geschrien und geflüchtet wird. Tricktechnisch tut das Team sein Möglichstes und wo es nicht stilsicher ausfiel, da hält der Kameramann die Entwicklung so geschickt im Stockdunklen, dass es genügend jump scares zwischendurch gibt.
Ich gebe dem Ganzen mal eine knappe 7/10, auch wenn der Rest den Film deutlich durchschnittlicher sieht, aber ich habe zwischen all den Quälfilmen, Home Invasions, Physisch-Psychisch-Belastungsproben und Geister-Dämonendramen der modernen Dekade wirklich Bedarf an einem Old School-B-Grusler Marke „Tot und Begraben“ und irgendwie hat mich Keating hier getriggert. Enjoy!