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Anläßlich einer Feier für besonders verdienstvolle Istanbuler Polizisten wird diesmal auch Harun (Yilmaz Erdogan) mit einer Ehrung bedacht. Zusätzlich steht ihm demnächst eine Beförderung ins Haus, wie ihm sein Chef und Ausbilder, Polizeipräsident Cavet (Ahmet Mümtaz Taylan) voller Stolz mitteilt. Doch der altgediente Harun, mittlerweile um die 50, gibt nicht so viel auf Titel und feiert stattdessen mit seinem mehrköpfigen Team in kleinerem Rahmen in einem Restaurant, wobei ihm die Mitarbeiter eine goldene Krawattennadel überreichen. Nach dem Umtrunk verabschieden sie sich und setzen Harun, der nicht zu spät zu seiner Familie nach Hause möchte, in ein Taxi. Doch das Taxi fährt den Inspektor ganz woanders hin, was dieser auch merkt aber nicht verhindern kann, und schließlich landen beide in einem finsteren Wald, wo der Fahrer seinen Fahrgast zu ermorden versucht - im letzten Moment gelingt es Harun, den gedungenen Killer mit dessen eigenem Messer zu erstechen.
Gerade als er den Mordanschlag melden will, ruft ihn sein Chef an, bestätigt noch einmal die Beförderung, fordert Harun allerdings auch auf, eine zeitlang die Füße still zu halten. Eine Tötung in Notwehr passt zu dieser Karriereplanung jedoch ganz und gar nicht, und so beschließt der Inspektor, die Sache auf sich beruhen zu lassen und säubert lediglich den Tatort von seinen Fingerabdrücken.
Bei Dienstbeginn am nächsten Morgen fällt den Polizisten eine an einem Kran aufgehängte Leiche auf, die genau gegenüber des Reviers platziert wurde: es ist der tote Taxifahrer vom Vorabend, wie Harun zu seinem Schrecken feststellen muß. Auch das Taxi wird in der Nähe gefunden, und während das Team unter der Leitung von Yadigar (Ruzgar Aksoy) die Spuren sichert, entdeckt der junge Polizist Tuncay (Cem Yigit Uzümoglu) dabei die goldene Krawattennadel vom Vorabend im Wagen, steckt sie jedoch unbemerkt in die Tasche. Inzwischen fühlt sich Harun gar nicht mehr wohl in seiner Haut, nicht nur, weil Polizeipräsident Cavet den spektakulären Leichenfund an einem hohen Kran als explizite Provokation empfindet, die schnellstmöglich aufgeklärt werden müsse, wie er polternd von Harun und seinen Männern fordert, sondern auch weil es hier jemand offenbar auf ihn, den kurz vor seiner Beförderung stehenden Inspektor persönlich abgesehen hat...

Wenn der Hauptdarsteller das Drehbuch verfasst, ist immer etwas Vorsicht geboten und so verhält es sich auch bei der türkischen Netflix-Produktion Groll, die trotz eines interessanten Einstiegs mit zunehmender Dauer immer weiter verflacht und den Zuschauer durch etliche Unglaubwürdigkeiten und Logiklöcher schlußendlich nur noch langweilt.
 
Dabei fängt die Geschichte einigermaßen spannend an, hält sich nicht länger als notwendig mit Erklärungen auf und steigt mit dem Kampf im Taxi erfreulich schnell ins Geschehen ein, doch nach der oben geschilderten Ausgangslage reiht sich Panne an Panne: zunächst in der Darstellung der Hauptfigur, der es zu keiner Zeit gelingt, den Spagat zwischen väterlicher Führungsperson (z.B. als er seinen Protegé Tuncay freundlich tadelt, weil der die Fahrradstunden mit seinem Sohn vergessen hatte) und eisenhartem Ermittler (wie er zwecks Informationsbeschaffung einen Drogendealer verprügelt - eine völlig mißlungene Szene) auch nur annähernd glaubwürdig darzustellen, später in für die Handlung wichtigen, aber viel zu kurz und höchst fraglich abgehandelten Begebenheiten, wie z.B. das Aufhängen der Leiche an einem Kran nur von einer einzigen Person bewerkstelligt worden sein soll, wie ein kompromittierendes Video eines ungeplanten Tötungsdeliktes so unbemerkt gedreht werden konnte, wieso der unbeabsichtigte Tod eines Zeugen keine internen Ermittlungen nach sich zieht oder wieso wiederum eine einzelne Person einen Sprengsatz (woher?) unbemerkt am Wagen eines wichtigen Protagonisten befestigen kann, um nur einige aufzuzählen.

Als positiv bewertet werden kann die Tatsache, daß hier ein im Fokus stehender Polizist Fehler begeht, schwere Fehler, die er hinterher nicht mehr oder nur unzureichend wiedergutmachen kann und dazu auch mit sich selbst ringen muß, doch schafft es Yilmaz Erdogan mit seiner stets gleichen, unbeteiligten Mimik eben nicht, auch nur irgendwelche Sympathiewerte zu generieren. Nett, wenn auch völlig unglaubwürdig ist in diesem Zusammenhang auch der Regieeinfall mit der sexy jungen Frau, die da irgendwann ins Revier hineinspaziert, ohne Mikro allein mit dem Inspektor sprechen darf und hinterher dann noch unbehelligt abziehen darf - hier begibt sich Groll endgültig in relativ seichte TV-Gefilde, in denen die abhanden gekommene Glaubwürdigkeit niemandem mehr auffällt und nurmehr die Unterhaltung zählt. Dies gilt auch für das Motiv des Täters, welches übertrieben tränentreibend inszeniert jegliches Mitgefühl im Keim erstickt und ähnlich des merkwürdig inkonsequenten Finales kaum jemand hinter dem Ofen hervorlocken dürfte.

Groll, das sich bezüglich Kameraführung, Score und Schnitt auf durchschnittlichem TV-Krimi-Niveau bewegt, dabei aber in seinen besten Momenten gerade einmal mit einem durchschnittlichen Tatort mithalten kann, bietet weder eine ausgefeilte Story noch spektakuläre Actionszenen; zudem offenbart sich der Täter (recht früh) schon nach knapp zwei Dritteln der Laufzeit und sein Motiv ist, wenn man genau aufgepasst hat, sogar erheblich früher zu erkennen. Inklusive obengenannter Unzulänglichkeiten, den holzschnittartigen Filmcharaktären (wie dem nach Gutsherrenart vorgehenden Polizeipräsident) und dem Fehlen jeglicher überraschender Wendungen bei gleichzeitig überdramatisierten emotionalen Momenten ist der Streifen daher insgesamt enttäuschend. 4 Punkte.

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