In tristen grau-braunen Farben präsentiert sich Warschau Mitte der 1980er Jahre, als dort der junge Wachtmeister Robert Mrozowski (Tomasz Zietek) und sein älterer Kollege Nogas einen neuen Fall zugeteilt bekommen: Ein vermögender Mann mit Namen Adam Gregorczyk wurde tot in einem Park aufgefunden, und den kommunistischen Autoritäten ist an einer raschen Aufklärung gelegen. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Toten stossen die beiden in zivil agierenden Polizisten auf diverse Bilder und ein VHS-Tape, das darauf hinweist, daß der Ermordete in Schwulenkreisen verkehrte. Somit rückt eine öffentliche Toilette (das Pilzchen) in der Nähe des Fundorts der Leiche in den Blickpunkt. Die den örtlichen Schwulen als Treffpunkt für Klappensex dienende Bedürfnisanstalt wird kurzerhand umstellt und die dort wahllos Verhafteten auf der Wache befragt - Robert jedoch ist einem Flüchtigen hinterhergelaufen und versucht, dessen Vertrauen zu gewinnen, indem er sich selbst ebenfalls als Flüchtigen ausgibt. Arek (Hubert Milkowski), ein junger Student, läßt sich täuschen und lädt Robert zu einer Party am Wochenende ein, was dieser gern annimmt.
Zurück auf der Wachstube meldet Robert den Kollegen, nunmehr einen Informanten zu haben. Den homophoben Kollegen, allen voran dem schnauzbärtigen Nogas, ist es egal: aus einem der Verhafteten prügeln sie ein Geständnis heraus, und damit ist der Fall für sie, genauso wie für ihre Vorgesetzten, abgeschlossen. Als Robert den schwer misshandelten Kamil am nächsten Morgen in seiner Zelle besuchen will, hat sich dieser erhängt, was sein Chef achselzuckend zur Kenntis nimmt: das Geständnis sei da, der Rest interessiert ihn nicht, der Fall ist abgeschlossen. Robert jedoch, der dank der Fürsprache seines linientreuen Vaters Edward demnächst in die Polizei-Akademie aufgenommen werden soll und überdies kurz vor der Hochzeit mit seiner Kollegin Halinka (Adrianna Chlebicka) steht, möchte unbedingt weiterermitteln. Doch nicht nur die Empörung über die von oben verordnete, vermeintliche "Lösung" des Falls treiben den jungen Mann an, sondern auch sein gerade erwachtes Interesse an Arek, zu dem er sich hingezogen fühlt...
Was zunächst wie ein Sittenbild der polnischen Obrigkeit im kommunistischen Ostblock beginnt, wächst sich dann bald zu einem Kriminalfall aus, in dem ein unerfahrener Jungermittler in ein veritables Wespennest stößt - leider endet dann schon recht bald die Tätersuche und stattdessen rückt die Persönlichkeit des jungen Sergeanten Robert in den Mittelpunkt, der sich über seine Gefühle nicht recht im Klaren ist und im seinerzeit oppressiven polnischen System erst einmal seinen eigenen Standpunkt finden muß. An dieser Unklarheit hat auch die polnische Netflix-Produktion Operation Hyakinthos lange Zeit zu knabbern, denn bei Regisseur Piotr Domalewskis Streifen weiß man nie so recht, ob hier ein Krimi oder eher ein Coming-out inszeniert werden sollte. Obwohl es schlußendlich dann hauptsächlich um Letzteres geht, vernachlässigt das Drehbuch sämtliche in der Anfangs-Viertelstunde aufgebauten Thriller-Zutaten und endet schließlich relativ offen, ohne daß der Protagonist trotz seiner sich konkretisierenden sexuellen Neigungen eine Entscheidung trifft.
Beides ist schade, denn zum einen verspricht der mit den damaligen technischen Gegenständen (wie einem seinerzeit hochmodernen Videoplayer oder einer Sofortbildkamera) stimmig inszenierte, häufig in dunklen Gegenden spielende Streifen eine gewisse Spannung, vor allem nachdem sich herausstellt, daß hier gleich reihenweise junge Männer in eine splendide Villa bestellt wurden, wo sie mächtigen Männern gegen Bezahlung zu Diensten waren (und Robert überdies einen dieser Strippenzieher erkennt), zum anderen, daß dieselben Männer nach außen hin Homosexualität aufs Schärfste verurteilen und aufgegriffene Schwule durch Polizei und Geheimdienst übelst schikanieren, indem sie (und hier hält sich Operation Hyakinthos an die Realität) Akten und Dossiers erstellen, in denen die eingeschüchterten Männer namentlich und bildlich erfasst werden, womit sie jederzeit familiär und beruflich erpressbar sind. Doch all diese Spuren und Tatsachen und auch der Umstand, daß aus der Reihe tanzende Schwule mitunter einfach liquidiert werden, verläuft sich letztendlich im Sand, niemand wird zur Rechenschaft gezogen und Roberts Rolle und seine Zukunft bleiben völlig offen.
Ein (rein filmischer, fiktiver) Sieg gegen die Obrigkeit oder aber ein grandioses Scheitern am System hätten der Handlung einen krönenden Abschluß beschert, doch hierzu fehlte dem Regisseur offensichtlich der Mut (oder die Ideen?). Wie sagte Roberts neues Love-Interest Arek in einer Szene: "Polen mögen nicht, wenn andere Polen glücklich sind. Es ist für sie unerträglich."
Somit bleibt Operation Hyakinthos ein Sozialdrama aus dem finster-homophoben Ostblock der 1980er Jahre, das dokumentatorischen Ansprüchen sicher genügen mag und bezüglich der gegenwärtig leider nach wie vor grassierenden Homophobie in Osteuropa ein wünschenswert deutliches Statement setzt, als Krimi apostrophiert jedoch vollkommen versagt. 5 Punkte.