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Thanksgiving hat schon interessante Filme hervorgebracht, denn es ist das amerikanische Fest der Gemeinsamkeit und der Familie und selbstverständlich die Hochburg der Heuchelei, alles sei in Ordnung, wenn doch sonst überall Risse im Fundament sichtbar werden.
Der vielleicht beste Film zu diesem Thema war bisher „Home for the Holidays/Familienfest und andere Schwierigkeiten“ von Jodie Foster, der jetzt mit Peter Hedges Film ein würdiger Konkurrent wächst, obwohl das Thema von einer anderen Seite (wenn auch genauso bitter) und mit anderen Stilmitteln angegangen wird.

Peter Hedges entwirft seinen Film wie eine Collage aus aus Eindrücken oder kurzen Sequenzen, die jemand zufällig mit der Videokamera aufgenommen haben könnte (das verwendete Format Digital Video unterstützt diesen Eindruck natürlich noch). Erzählerisch springt das Geschehen von April, die versucht ist, ihrer sonst verhaßten Familie ein Drei-Gänge-Thanksgiving-Dinner zu kochen (obwohl sie nicht einmal weiß, daß man Kartoffeln vor dem Stampfen kochen muß) immer wieder zu ihrer Familie, die mit dem Wagen einen halben Tag unterwegs ist, um auf die Lower East Side in New York zu gelangen.

Der Ton des Film ist grundsätzlich bitter, nicht gallebitter, aber so herb, daß die scheinbar so flüchtigen Momentaufnahmen eines Tages doch haften bleiben, als wäre Sekundenkleber an ihnen. Natürlich gibt es auch komische Momente, aber die generieren sich mehr aus der absurd-verzweifelten Lage, in der sich alle Beteiligten befinden.

April selbst ist dabei das früh von daheim geflohene, rebellische und ungeliebte Kind. In einer der vielleicht besten Momente der diesjährigen Filmgeschichte bezeichnet sie sich selbst als der erste Pfannkuchen, „der, den man wegwirft“. Punkig, heruntergekommen und offenbar seit längerem mit Drogen in Kontakt (obwohl jetzt anscheinend total clean) bemüht sie sich mit ihrem neuen Freund um ein normales Leben. Wie viel mehr dazugehört, das erfährt sie auf ihrer Odyssee durch das heruntergekommen erscheinende Mietshaus, in dem Bemühen einen funktionierenden Herd zu finden: ein schwarzes Paar macht sich über sie lustig (hilft ihr dann aber), bei Asiaten ist die Sprachbarriere nicht zu überwinden, eine Frau will ihr helfen, entpuppt sich dann aber als unwillige Veganerin, ein pikierter und schräger Snob beschlagnahmt um ein Haar ihren Braten.
Das unwillige und spröde Mädchen, sperrig bis zum Exzess, lernt nur langsam und unsicher, was es bedeutet, mit Menschen in Kontakt zu geraten und findet schließlich ein neuen Sinn in Thanksgiving, Zusammengehörigkeit ohne die traditionellen Attribute des Tages.

Behindernd ist dabei, daß sie das Essen nur gezwungenermaßen kocht, wie sich herausstellt, denn es könnte das letzte Mal sein, daß sie ihre verhaßte Mutter sieht, die langsam aber sicher an Krebs stirbt. Halb ängstlich, halb gezwungen kämpft sie sich in durch die Konformität des formelhaften Feiertags.

Währenddessen leidet sich die Restfamilie durch den langen Reiseweg. Die Omi ist fortgeschritten dement, der Vater ratlos bis ängstlich, daß ihm seine Frau demnächst wegsterben wird, die Tochter neidet der schwesterlichen Versagerin selbst diese Aufmerksamkeit und die Mutter quält sich mit jedem Autometer mehr, langsam innerlich wie äußerlich auseinanderfallend, weil Haß und Selbsthaß, Liebe und Verzweiflung, Angst und Sarkasmus wie hohe Wellen übereinander schlagen.

Hedges Momentaufnahmen gehen ans Herz wie selten etwas und das hat einen unerwarteten Effekt. Der Film läuft nämlich nur 72 Minuten, doch der Zuschauer hat das Gefühl, nicht eine überflüssige Minute gesehen zu haben. Der Film wirkt komplett und normal lang, weil die Szenen Breitenwirkung haben.

Wunderbare Sequenzen wie etwa die, in der April von der lachenden schwarzen Mitbewohnerin an der Tür gedemütigt wird, was sie denn wohl für Probleme haben könnte, bis ein harter Gegenschnitt die Frau aufgelöst vor Tränen mit April in ihrem Wohnzimmer zeigt. Ein Moment der Wahrheit, in der sich die Mutter versucht, an einen einzigen glücklichen Augenblick mit April zu erinnern, doch alle Erinnerungen von der anderen Tochter geraubt sind.
Und vielleicht die ergreifenste Szene, in der Patricia Clarkson, gebeutelt und wegen der Chemotherapie schon mit Perücke, stolz und zärtlich die „Vorher-Nachher-Oben-Ohne“-Fotos von sich selbst im Album betrachtet, die offenbar ihr Sohn gemacht hat, versonnen ihren brustoperierten Körper betrachtend.

Clarksons nuanciert zerrissene Darstellung der Krebskranken wurde mehrfach prämiert und mit einer Oscar-Nominierung verziert, aber der komplette Restcast ist ebenfalls hervorragend, vor allem Oliver Platt schafft es, uns mit einem Blick über seinen Zustand in Kenntnis zu setzen. Sauber auch die Leistung von Katie Holmes, die hiermit schauspielerisch einen Schritt weiter gekommen ist. Leider Gottes verlangt das Drehbuch rein äußerlich von ihrer Figur mehr, als sie zu geben imstande ist. Trotz all der Rebellenmaskerade hat man nie das Gefühl, April könnte ein sprödes, wildes Ding sein, daß mal Drogenprobleme hatte. Das Girl fürs Herz guckt unter der Maske leider immer hervor.

Schade auch, daß die Kürze und Intensität verhindert, daß man die Charaktere ein bißchen tiefer erforschen kann. Man erfährt alles nötige, aber die Figuren sind so interessant, daß man ein bißchen tiefer gegraben hätte, als die Collage es zuläßt.

Aber die Wirkung bleibt bestehen, ein kurzer Film über Menschen und die Familie, der nicht radikal genug ist, um auf ein irgendwie federleichtes, aber nicht so recht passendes Happy-End zu verzichten. Aber vielleicht wollte man den Zuschauern auch einfach Mut machen.
Berührend und stimmungsvoll. (8,5/10)

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