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Die Tragödie, die sich 20 Jahre zuvor auf einer Farm im ländlichen Snohomish, nördlich von Seattle gelegen, abspielte, hat das Leben von Ruth Slater (Sandra Bullock) nachhaltig verändert - die damals etwa 18-jährige lebte nach dem Suizid ihres Vaters alleine mit ihrer 5-jährigen Schwester Katie auf dem kleinen Anwesen, als im Zuge der Zwangsräumung desselben der örtliche Sheriff erschossen wurde. Hierfür des Mordes angeklagt und verurteilt mußte Ruth 20 Jahre absitzen, bevor sie wegen guter Führung entlassen wurde - nun ist die nach außen hin zähe, innerlich aber zerbrochene Frau also wieder auf freiem Fuß. Doch der Neubeginn ist schwer, gilt sie doch allen potentiellen Arbeitgebern wie schon seinerzeit ihren Mitgefangenen nur als Copkillerin. An diesem zweifelhaften Ruf scheitert auch ihre fixe Arbeitszusage in einer Schreinerei, wofür sie hinter Gittern extra ein Diplom erworben hatte. So ist Ruth dann zunächst auch dankbar, daß ihr Bewährungshelfer ihr einen Job in einer Fischfabrik verschafft, während sie in einem schmutzigen Vierbettzimmer einer Sozialstation wohnt.
Die einzige Hoffnung, die die vom Leben gezeichnete Frau antreibt, ist die Erinnerung an ihre kleine schwester Katie, von der sie seit 20 Jahren nichts mehr gehört hat, von der sie nicht weiß ob sie noch lebt und die sie so gerne wiedersehen möchte. Doch das Gericht hatte damals ein Kontaktverbot angeordnet, und die vielen Briefe, die sie aus dem Gefängnis an die anonym gebliebenen Pflegeeltern geschrieben hatte, blieben stets unbeantwortet. Eines Tages fährt Ruth mit dem Bus zu der Farm, auf der sie einst aufgewachsen war - dort sind inzwischen die übernächsten Mieter eingezogen, ein sozial engagierter Anwalt und seine Familie, die Ruth sogar hereinbitten, nachdem sie erfahren, daß diese dort einmal "gewohnt" hatte. Ihrer zögerlichen Bitte, nach ihrer verschollenen Schwester zu suchen, kommt der Anwalt in den nächsten Tagen sogar nach - bis er herausfindet, daß Ruth eine Polizistenmörderin ist. Und noch von anderer Seite droht Ungemach: die beiden erwachsenen Söhne des seinerzeit erschossenen Sheriffs wollen Rache für ihren Vater, jetzt, wo die Copkillerin wieder in Freiheit ist...

Reichlich harter Tobak, den Regisseurin Nora Fingscheidt (Systemsprenger) mit ihrem Sozialdrama The Unforgivable hier dem Publikum vorsetzt und damit gleichzeitig auch eine Gewissensfrage stellt, ob man mit einer Mörderin, die 20 Jahre abgesessen hat, Mitleid haben kann oder sollte. Denn einmal abgesehen von dieser Vergangenheit (die immer wieder in sehr kurzen Einschüben gezeigt wird) möchte die heutige Ruth Slater gar kein Mitleid, sie sieht sich auch nicht als "Systemopfer" oder will auch keine wie auch immer geartete "Gerechtigkeit", nein, sie möchte nur wissen, wie es einem mittlerweile etwa 25-jährigen Mädchen geht, das sie einige wenige Jahre mütterlich großgezogen hatte. Kann man ihr diesen Wunsch verwehren?

Sandra Bullock (Demolition Man, L.A. Crash) spielt ihre Rolle als geprügelter Hund erstaunlich überzeugend, wirkt in jeder Szene authentisch und verzichtet dabei erfreulicherweise auf jegliches Pathos, während sie ihr bescheiden-kleines Ziel verfolgt, sodaß sie die Sympathien schon bald auf ihrer Seite weiß. Das Drehbuch schildert die harten Lebensumstände einer Ex-Strafgefangenen relativ emotionslos und erzeugt damit ein bedrückendes Bild amerikanischer Realität: ein interessiert scheinender Arbeitskollege in der Fischfabrik, der sich sofort abwendet, als er von Ruths Vorleben hört, ein Zweitjob in einer Tischlerei für ein Salär knapp unter dem Mindestlohn, vollkommen an ihr desinteressierte Pflegeeltern oder auch Prügel von Kollegen, die Verwandte bei der Polizei haben - all das muß Ruth Slater wegstecken (und tut dies auch ohne aufzubegehren), nur wenn sie an ihre verschollene Schwester denkt, erlaubt sie sich kurzzeitig Emotionen.

Leider baut das Drehbuch zum Schluß hin einige Krimi-Elemente ein (derer es überhaupt nicht bedurft hätte) und leistet sich dabei auch einige überflüssige Logiklöcher (wie z.B. bei den hinterbliebenen Polizistensöhnen, von denen der eine, ein Familienvater, zunächst vernünftig scheint, dann aber aufgrund eines einzigen mißverständlichen Satzes - "das Leben geht weiter" - seine Meinung um 180 Grad ändert und zur treibenden Kraft bei einer reichlich unüberlegt-dämlichen Racheaktion wird), sodaß das Ende des Films als eher mißlungen bezeichnet werden muß. Was von The Unforgivable dennoch positiv im Gedächtnis hängenbleibt, ist ein bemerkenswert dargebotenes, über weite Strecken pessimistisch stimmendes Frauenschicksal, das gesellschaftspolitische Fragen aufwirft, die zumindest zeitweilig zum Nachdenken anregen. 7 Punkte.

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