Review

Gesamtbesprechung

EINLEITUNG

Man hält es manchmal kaum für möglich, was nach etlichen Jahren bei TV-Produktionen noch für Perlen ans Tageslicht befördert werden. Während Abenteuerfans bis heute die legendären ZDF-Vierteiler aus den 60ern und 70ern lieben und schätzen gelernt haben, gab es auch von der ARD unter dem Serien-Titel „Große Geschichten" aufwendige Produktionen, von denen die meisten allerdings bis heute ein Schattendasein fristen mussten, sprich unter einer stiefmütterlichen Ausstrahlungspolitik zu leiden haben. Eigentlich unerklärlich, denn die Rechte dafür müssten ja eigentlich beim mitproduzierenden Sender liegen, und Kanäle gibt es auch bei den öffentlich-rechtlichen mittlerweile wie Sand am Meer. Doch neulich war es mal soweit: Die mir völlig unbekannte Mini-Serie „Wind und Sterne" um den berühmten Seefahrer James Cook wurde ausgestrahlt. Und es ist ohne jeden Zweifel eines der ergreifendsten Seefahrer-Epen, welches ich bis zum heutigen Tag gesehen habe.

James Cook (1728 - 1779) war mit Sicherheit einer der verdienstvollsten Seefahrer unserer Geschichte. Auch wenn sein Name sicher nicht in Vergessenheit geraten ist, ist es doch seltsam, dass man heute bei den großen Entdeckern zuerst an Christoph Kolumbus denkt, dessen Verdienste bis heute allerdings eher umstrittener Natur geblieben sind, sei es die angebliche Entdeckung eines Seeweges nach Asien, oder auch die durch ihn ermöglichte Kolonialisierung der neu entdeckten Gebiete, bei der die spanischen Eroberer mit äußerster Brutalität gegenüber den Ureinwohnern vorgingen. Es wäre müßig darüber zu urteilen, inwiefern Kolumbus einen Anteil an diese Gräueltaten hatte und wäre sicher auch unfair, seine Leistungen als Seefahrer mit denen von Cook zu vergleichen, denn wenn 300 Jahre zwischen den beiden liegen, dann kann man wohl von unterschiedlichen Erkenntnissen der Seefahrtstechnik und bei Navigationsfragen und damit auch von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen, unter denen die Seereisen stattgefunden haben. Fakt ist allerdings, dass James Cook eine außergewöhnliche Stellung in der Seefahrergeschichte sicher ist, und jedem, der ihn bisher nur vom Hören sagen kannte, sei diese Abenteuerserie wärmstens ans Herz gelegt, denn hier wird nicht nur mit einer detailverliebten Besessenheit einem großartigen Seefahrer gehuldigt, sondern auch mit einer einfühlsamen Charakterstudie ein innerlich zerrissener Mensch gezeigt, der am Ende auf tragische Weise ums Leben kam. Und die Macher haben sorgfältig vermieden, ein naiv bebildertes Heldenepos zu stricken und die Seereisen zum reinen Abenteuermythos zu verklären.

Letzteres konnte man auch kaum erwarten, denn der Vierteiler erzählt die Geschichte um die drei Weltreisen des James Cook derart genau, dass es sich tatsächlich um einen verfilmten Lebenslauf handelt. Der Titel „Wind und Sterne" klingt im ersten Moment etwas trivial, passt aber in seiner Schlichtheit nicht nur zur Hauptperson, sondern stellt die Elemente, die hier eine wichtige Rolle spielen, besonders hervor: Wind als Begleiter und wichtigster Antrieb beim Vorankommen auf hoher See, die Sterne als Orientierung in der Nacht. Dabei geben die funkelnden Himmelskörper hier noch einen weitaus wichtigeren Hinweis. Denn James Cook ist nicht nur ein versierter Seefahrer, sondern auch ein hervorragender Kartograph gewesen. Sein Auftrag lautet, mittels astronomischer Messungen Seekarten von der südlichen Halbkugel anzufertigen und unbekanntes Land zu erforschen. Und der Zuschauer glaubt, das Geschehen nicht nur zu beobachten, nein, er geht als Passagier mit auf Reisen...

1. WELTREISE (1768-1771)

Die erste Weltreise, die Cook unter anderem nach Tahiti führte, um astronomische Messungen durchzuführen, wird gleich zwei der insgesamt vier Teile der Serie gewidmet. Das ist nicht verwunderlich, muss der Zuschauer nicht nur mit der interessanten Vorgeschichte der Hauptperson vertraut gemacht werden, auch die Schilderungen des alltäglichen Lebens an Bord fällt etwas ausführlicher aus als in den beiden nachfolgenden Reisen. Denn wenn der Zuschauer als Mitreisender sich erst mal eingelebt hat, kann man den Blick auf die wesentlichen Dinge richten und außerdem wird eine Monotonie in der weiteren Erzählweise verhindert, ein Umstand, der mir angenehm aufgefallen ist und die Straffungen der beiden nächsten Reisen durchaus sinnvoll erscheinen lässt. Und dennoch - jede Fahrt hat ihren eigenen Reiz, da nicht nur die Motive der drei Fahrten wechseln, sondern auch Cooks Naturell Veränderungen unterworfen wird, die besonders auf der dritten Reise zum Tragen kommen.

Die ersten Sympathiewerte sammelt James Cook bereits bei seinem Gespräch mit Vertretern der Royal Society und der britischen Admiralität, wo er sich als möglicher Kandidat für die geplante Mission vorstellt. Im Gegensatz vieler Berufskollegen, die ihre gut dotierte Stellung bei der Marine nicht nur durch Können, sondern auch durch einflussreiche Freunde erreicht haben, wurde Cook im Leben nichts geschenkt. Als einfacher Schiffsjunge auf Kohlenfrachtschiffen angefangen, hat er das Handwerk von der Pike auf gelernt und hat sich seinen Ruf als ausgezeichneter Seemann hart erarbeitet. Doch aufgrund seiner niederen Herkunft - sein Vater war ein einfacher Landarbeiter - wurde er bei Beförderungen oft übergangen. Die Offenheit, mit der er auch über diese Probleme mit den Verantwortlichen diskutiert, nötigt Respekt ab. Auch seine eigenen Vorstellungen, falls er die Expedition übernehmen täte: Ein Kohlenschiff mit viel Volumen zum Verstauen der umfangreichen Ladung, ein geringer Tiefgang, um in Küstennähe besser kartographieren zu können. Durch seine anschaulichen Erläuterungen merkt auch ein seemännischer Laie, dass hier der richtige Mann gefunden ist. Die Beförderung in den Rang eines Offiziers vor Antritt der Reise - ab sofort durfte er sich Leutnant zur See nennen - war dann doch unumgänglich.

Auch die ersten Maßnahmen an Bord der „Endeavour" zeigen, dass Cook nicht nur einen resoluten Schiffsführer verkörpert, sondern sich auch mit bemerkenswerten Maßnahmen um die Gesundheit der Mannschaft kümmert. Hier wird bereits der erste Konfliktpunkt gesetzt, denn der Schiffsarzt ist entsetzt, dass nicht nur das ganze Pökelfleisch gleich fassweise entsorgt, sondern auch der Befehl zum ausgiebigen Sauerkrautverzehr erteilt wird, um dem gefährlichen Skorbut keine Chance zu geben. Für die damalige Zeit ist diese fortschrittliche Voraussicht wirklich bemerkenswert und es ist nicht die einzige ungewöhnliche Maßnahme, die er ergreift. Auch das Überwachen der Hygiene, das tägliche Waschen war wohl damals eher ungewöhnlich - gehörte zu seinen selbst auferlegten Pflichten. Am Anfang reagierte die Mannschaft noch unwirsch, doch der Optimismus, den Cook versprüht, greift auf die gesamte Schiffscrew und die Gäste über. Gut gelungen ist dabei die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen dem Kapitän und dem Botaniker Banks. Beide Männer, von denen man glaubt, dass sie anfangs nur eine Zweckgemeinschaft bilden können, da sie zu sehr in ihren eigenen Fachgebieten versponnen sind und jeder seine Art von Starrsinn an den Tag legt: Cook, der Banks widersprechen musste, wenn das Wohl der Besatzung auf dem Spiel stand, und Banks seinerseits, der riskante Landungsmanöver an unwegsamen Gestaden forderte, um seinen botanischen Forschungen nachzugehen. Das Gleichgewicht hier auszuloten und Kompromisse zu finden, ist ein schwieriges Unterfangen, doch gerade aus solchen Szenen erwuchs auch der gegenseitige Respekt.

Eine große Bedeutung auf den Cookschen Reisen spielte das Zusammentreffen mit mehreren Eingeborenenstämmen auf den verschiedenen Südseeinseln. Nicht zuletzt war auch Cook sein trauriges Schicksal eng damit verbunden, und sein Tod steht nur am Ende einer Kette voller Missverständnisse, die unweigerlich auftreten, wenn zwei so unterschiedliche geartete Kulturkreise aufeinander prallen. Dieser Konflikt kommt schon auf der ersten Reise zum Ausbruch, wobei die daraus resultierenden Folgen noch ohne große Konsequenzen für die Europäer blieben. Im Gegenteil, als die „Endeavour" die traumhafte Insel Tahiti ansteuert, wird die Mannschaft herzlich begrüßt. Braungebrannte Mädchen mit Blumengebinde winken von Kanus, im Dorf gibt es ein fröhliches Fest und die Mädchen werfen sich die Neuankömmlinge um den Hals. Fast könnte man glauben, die hier gezeigte Idylle droht fast ins kitschig Überzeichnete abzugleiten und bei manchem könnten hier auch Urlaubssehnsüchte mit erotischen Untertönen erwachen.

Doch das friedliche Miteinander wird immer mehr von Schatten werfenden Ereignissen bestimmt, die aus dem Blickwinkel der jeweiligen Partei zwar nicht als verwerflich einzustufen sind, dabei aber auf der Gegenseite aufgrund anderer Gewohnheiten und Sitten zwangsweise auf Ablehnung stoßen müssen. Ein markantes Beispiel dafür ist die geräuschlose Entwendung von allerlei Gegenständen, die die Europäer während des Dorffestes an ihren Leibern trugen. Die Aufregung und das gesäte Misstrauen war groß, und erst durch die Erklärung eines der Mitreisenden, dass dies nach dem Brauch der Einheimischen nicht als Diebstahl gilt, glättet die Wogen einigermaßen. Die Vorstellungen in der zivilisierten Welt von dem Recht auf Besitztümer gilt hier nicht mehr, die Anhäufung materieller Güter spielt auf der Insel erstens keine große Rolle, zweitens scheint es eher so zu sein, dass die hiesigen Einwohner den Brauch pflegen, alles miteinander zu teilen.

Und hier wirkt die Figur Cooks trotz der bis dahin sympathischen Züge das erste Mal in etwas zwiespältigem Licht auf den Zuschauer, der das Ganze bis hierher eher aus einem amüsanten Blickwinkel verfolgt hat. Denn nachdem die Diebstähle von den Reisenden als eher harmlos abgetan wurden, schlägt die Stimmung rigoros um, als der Venus-Quadrant gestohlen wird. Die Reaktion lässt nicht auf sich warten, schockiert allerdings doch, da nicht nur die Königin der Insel als Geisel an Bord des Schiffes genommen wird, sondern auch etliche Eingeborenenhütten in Brand gesteckt werden. Dass man hier über das rigorose Vorgehen entsetzt sein mag, ist nachvollziehbar, doch die Lage von Cook muss man sich erst mal vor Augen führen: Man fährt um die ganze Welt, um an einem ganz bestimmten Punkt und einem bestimmten Datum wichtige astronomische Messungen durchzuführen, und plötzlich sollen alle Strapazen umsonst sein?

Ab hier entwickelt das Abenteuerepos immer mehr dramatische Züge. Angefangen vom spannenden Wettlauf mit der Zeit, um das wertvolle Gerät wieder zu beschaffen, der fieberhaften Jagd auf Deserteure, die auf dem Eiland bleiben wollen bis hin zu einem ominösen Brief mit einem Geheimauftrag der Admiralität, den Cook erst jenseits des 40. Breitengrades öffnen darf, wird der Zuschauer immer mehr von den Ereignissen in den Bann gezogen. Und bei jeder Landung an einer weiteren unbekannten Küste fragt man sich, welche unliebsame Überraschung das nächste Zusammentreffen mit den Ureinwohnern wohl bringen würde, wie zum Beispiel auf Neu-Holland, dem heutigen Australien. Auch hier geht es um das Hinterfragen der verschiedenen Wertevorstellungen und einem interessanten Ansatz einer Kritik im Umgang mit der Natur. Die Wilden sind gegenüber den Europäern feindselig gestimmt, als diese Fische fingen und die Beute am Strand ausbreiteten. Erst dachte man, es sei die reine Furcht vor dem Eindringen in ihre Welt gewesen, doch der eigentliche Grund bestand darin, dass die Europäer weit mehr Meerestiere erbeuteten, als sie essen konnten. In den Augen der Einheimischen eine frevelhafte Verschwendungssucht und überhebliche Maßlosigkeit. Dazu passend, dass solche Geschenke wie Glasmurmeln offenbar nicht besonders gefragt sind, die hier gezeigte Ablehnung findet man bei thematisch ähnlichen Abenteuerfilmen eher selten, da oft das Bild von ehrfurchtsvoller Unterwürfigkeit dominiert wird. Diese nuancierte Betrachtungsweise zieht sich wie ein roter Faden durch „Wind und Sterne."

Genauso differenziert und damit auch gleichzeitig entromantisierend werden auf der Weiterfahrt die Probleme mit der „Endeavour" deutlich. Aus der Fernsicht majestätisch durch die Wogen gleitend, gewinnt man schnell den Eindruck eines hervorragend in Schuss gehaltenen Schiffes, welches jeden Sturm trotzen und ohne jede Mühe alle Strapazen bewältigen kann. Doch der erste Blick täuscht. In welchem Genrefilm wird so eindrucksvoll wiedergegeben, dass die Takelage langsam zerschleißt und das hölzerne Schanzkleid vom aggressiven Salzwasser ausgelaugt wird? Dass man ohne Reparaturen nicht mehr weit kommen wird und dass unbedingt im nächsten Hafen ein Trockendock aufgesucht werden muss, um die dringenden Ausbesserungen vorzunehmen? Der nächste dramatische Wettlauf mit der Zeit kündigt sich an, und es ist nicht der letzte.

Das eigentliche Drama der ersten Reise bestand allerdings in dem Umstand, dass trotz größter Bemühungen Cooks ein Großteil der Mannschaft den Heimathafen nicht mehr lebend erreichen konnte. Und übrigens auch nicht als Toter, denn viele blieben zurück begraben auf Indonesien bzw. damals Niederländisch-Indien. Den Skorbut konnte er erfolgreich bekämpfen, beim Aufeinandertreffen mit den Ureinwohnern besonnen reagieren, dass Schiff mit sicherer Hand durch die unruhige See führen, doch gegen die Malaria hatten sie keine Chance. Es fällt schwer, unter diesem Aspekt diese Reise als erfolgreich zu bezeichnen, denn wie will man hervorragende Karthografierungen, die Kenntnisse über die Kulturen der Südseevölker oder die mitgebrachte Ausbeute seltener Tiere und Pflanzen mit so viel erfahrenem Leid aufwiegen? Die Zweifel werden bleiben und ein erschütterter Zuschauer ebenso.

2. WELTREISE (1772-1775)

Es ist ein wenig schade, dass uns ein direktes Aufeinandertreffen von James Cook und seinem größten Kritiker, ja man kann fast sagen Widersacher, vorenthalten wurde. Dieser Herr hieß Alexander Dalrymple, ein hoch geachteter Geo- und Hydrograph und hier im Film fast überzogen unsympathisch als Gegenpol zu Cook besetzt und ein eifriger Verfechter von der Südland-These. Cook hatte seiner Meinung nach das Land im Süden (gemeint ist übrigens nicht die Antarktis, sondern ein Land mit weit größerem Umfang) nicht gefunden, da er nicht danach gesucht hat.

Da Dalrymple zudem als ursprünglicher Expeditionsleiter ausgebootet wurde, heizte die Stimmung noch zusätzlich an. Es ist wie so oft im Leben: Die Erfolge eines ehemaligen Außenseiters werden von den einen gefeiert, andere erblassen vor Neid und Missgunst und versuchen mit allen Mitteln, den erworbenen Ruhm in Frage zu stellen. Das Austarieren der Kräfteverhältnisse von Feind - aber auch Freund - wird vor Beginn der zweiten Weltreise deshalb auch besonderes thematisiert. Schlimm genug, dass Cook sich einer Gegnerschaft erwehren musste, auch die auf der ersten Reise so trefflich gediehene Freundschaft mit Banks wird auf eine harte Probe gestellt. Erneut wird der verbohrte Charakter beider Typen zum Verhängnis für die weitere Zusammenarbeit, denn Banks wollte die beiden Schiffe mit Aufbauten versehen, um mehr Forschungsobjekte unterzubringen. Cook lehnte ab, da die Schiffe in ihrer Manövrierfähigkeit eingeschränkt gewesen wären. Der Rückbau war nur konsequent, genauso wie die Weigerung Banks, nicht an der Fahrt teilzunehmen. Und doch blieb er der liebenswürdige Gentleman, der an Land bleibend schnell einsehen musste, dass er einen Fehler begangen hatte. Sein Hadern mit sich selbst und sein Wunsch, jetzt bei Cook zu sein, ist ein bewegender Moment und mit einer aufrichtigen Ehrlichkeit behaftet.

Wie kann die zweite Reise, die ja erneut gen Süden geht, den Zuschauer noch motivieren, das Abenteuer weiter zu verfolgen? Nun, erstmal ist es der gleiche Beweggrund wie der der Entdecker: Es gilt, neue Ländereien zu erforschen. Und im Gegensatz zur ersten Fahrt geht es nämlich diesmal reichlich frostig zu. Nur bei einem kurzen Abstecher nach Tahiti, wo ein bewegendes Wiedersehen mit den Eingeborenen stattfindet, gibt es einen kurzen Blick auf die tropischen Schönheiten zu erhaschen. Doch der Zuschauer kennt die Panoramen bereits und lechzt nach Abwechslung. Und die bekommt er auch. Doch die Frostigkeit bezieht sich nicht nur auf die Fahrt in Richtung Südpol mit schön gefilmten Fahrten zwischen Eisbergen und dichtem Packeis hindurch, auch an Bord der beiden Schiffe wird es zunehmends kälter. Ja, richtig, für die zweite Reise hat Cook bereits soviel Macht und Einfluss ausüben können, dass er neben seiner „Resolution" ein Begleitschiff mit dem Namen „Adventure" bewilligt bekam. Statt Konfrontationen mit fremden Kulturkreisen erwachsen nunmehr in den eigenen Reihen Konfliktsituationen.

Und diese Reibungspunkte sind deswegen so intensiv, da sich hier im weiteren Verlauf der Reise fast alles an Bord abspielt. Zwei Schiffe sind für sich gesehen jeweils wie ein eigener Mikrokosmos, eine eigene Welt, abgeschottet von äußeren Einflüssen und abhängiger denn je von den Fähigkeiten seiner jeweiligen Befehlshaber. Auf der einen Seite der unnachgiebige Cook, der auf der „Resolution" zum wiederholten Male durch eiserne Essdisziplin den Skorbut bekämpft, auf der „Adventure" hingegen gibt es durch die Nachlässigkeit des Schiffsführers bald die ersten Todesfälle zu beklagen. Die Tragik dabei, im Gegensatz zur ersten Reise verliert Cook selbst kaum einen Mann, er selbst wird aber bald schwerkrank gezeichnet an der Schwelle des Todes stehen, wenn keine Hilfe naht. Man hätte es als Außenstehender dem Forscher Johann Reinhold Forster - einem wahrlich uncharmanten und ekelbatzigen Joseph-Banks-Ersatz - nicht zugetraut, für die Genesung des kranken Kapitäns seinen Hund zu opfern, über den sich Cook im Verlaufe der Reihe mindestens genauso geärgert hatte wie über sein Herrchen. Und wieder wird deutlich, dass trotz größter Unstimmigkeiten Einsicht in die Notwendigkeit herrscht, wenn es darum geht, den wichtigsten Mann am Bord am Leben zu erhalten.

Und auch wenn der Reise ein glückliches Ende beschieden war, bleibt die traurige, ja geradezu triste Grundstimmung erhalten. Zurück in England als gefeierter und geehrter Mann, hätte diese Reise ein optimaler Schlusspunkt seiner Seefahrerkarriere sein können. Doch es lodert ein schwerer innerer Kampf in Cook, der an Land in den Ruhestand versetzt wird, gleich einem abgetakelten Schiff, welches auf dem Trockenen sitzt. Rastlos schreitet er in seiner Residenz hin und her, wie ein Raubtier im Käfig. Am Fenster stehend schaut er auf die See hinaus. Man muss kein Gedankenleser sein, um hier seine Gefühle zu deuten. Sehr viel schwerer ist es hingegen, seine Gefühle für seine wackere Ehefrau Elisabeth nachzuempfinden.

Denn seine Entscheidung, erneut auf große Fahrt zu gehen, ist auch immer eine Entscheidung für ein weiterhin extrem belastetes Leben in der Ehe. Cook war in den letzten zehn Jahren sieben davon auf Reisen, für heutige Verhältnisse kaum vorstellbare Zeiträume, erst recht für diejenige, die wissen, was eine Fernbeziehung für eine Belastung ist. Dazu kommt die schmerzliche Erfahrung, dass Cook nicht nur bei der Geburt seiner Kinder teilweise fehlte, sondern auch beim frühen Ableben eines seiner Kinder nicht seiner Frau beistehen konnte. Ergreifende Schlüsselszene nach der Beichte an seine Ehefrau, trotz eines vorher abgegebenen Versprechens nun doch eine dritte Reise zu unternehmen ist die Folgende: Elisabeth ist erneut schwanger, sie wollte das Kind, da ihr Mann nunmehr ein geordnetes Eheleben an Land führen wollte. Bei der Geburt hält Cook den kleinen Nachwuchs in den Armen, er zeigt den Neuankömmling stolz seiner im Bett erschöpft daliegenden Ehefrau. Diese dreht unwillig den Kopf auf die Seite und sagt keinen Ton. Ein deutlicheres Zeichen für das gespannte Verhältnis hätte es nicht geben können.

3. WELTREISE (1776-1779)

Nicht nur Cook seine Frau musste überrascht gewesen sein, dass sich ihr Mann erneut auf eine Reise begeben würde. Auch sein Freund Joseph Banks war felsenfest davon überzeugt, dass nicht nur Cook, sondern überhaupt jemand eine solch große Reise machen würde, da es nichts mehr zu entdecken gab auf der Welt. Bezogen auf die südliche Hemisphäre war das auch durchaus richtig. Doch die Admiralität hatte weitere Pläne. Die Suche nach einem kürzeren Seeweg nördlich von Amerika, um von dem Pazifik in den Atlantik zu gelangen, auch als Nordwestpassage gekannt. Das Begehren der Marineoberen ist dabei sicher als raffinierte Einschmeichelei beim besten Seefahrer vorgetragen worden, doch Cook ist von dem Plan derart besessen, dass er kaum überredet werden musste. Insofern lag seine Frau durchaus etwas daneben mit ihrer Vermutung, dass ihr Mann übertölpelt wurde. Wer ihn gesehen hat, wie seine Augen anfingen zu funkeln und er förmlich um den Auftrag bettelte, wird das bestätigen können. Und dennoch - dieser James Cook ist nicht mehr der alte - trotzdem er langsam alt wird. So könnte man auch vermuten, ob er sich vielleicht selbst überschätzte.

Wir erleben Cook immer häufiger als jähzornigen Mann. Kleinigkeiten versetzten ihn bereits Nadelstiche, und seinen Untergebenen gab er in aufbrausendem Ton Anweisungen. Hier wird bereits deutlich, dass er selbst spürte, dass er auf dieser Tour als Entdecker versagen könnte, vielleicht war es aber auch der Unfrieden, mit dem er von zu Hause aufgebrochen war, der unterkühlte Abschied von Elisabeth. Cook ist ein Mensch, der beginnt, an sich zu zweifeln. Und zwischen seinen Wutausbrüchen wirkt er immer öfter wie abwesend, infolgedessen auch ein schwerer Navigationsfehler fast zum Kentern in einer Brandung führt. Cook steht bei seinem Fehler wie versteinert und kann nur Befehle stammeln, der stolze Schneid ist in diesen Momenten vollends gewichen. Und die Nordwestpassage, sie wird natürlich nicht gefunden, Eis zwingt zur Rückkehr an der Beringstraße. Hier musste der Kapitän bereits innerlich eingestehen, gescheitert zu sein. Und dass es besser gewesen wäre, nach der zweiten Reise das Schicksal nicht noch einmal herauszufordern.

Der Jähzorn richtet sich allerdings nicht nur gegen die eigenen Leute. Auch im Umgang mit den Eingeborenen wird Cooks Verhalten zunehmend brutaler. Während man das Vorgehen auf der ersten Reise wegen der vorherrschenden Extremsituation und dem Scheitern einer ganzen Expedition noch halbwegs nachvollziehen konnte, ist das jetzige Vorgehen mehr denn je erschütternd. Wegen einer gestohlenen Ziege werden Kanus zerstört und die Hütten dem Erdboden gleichgemacht. Cooks Verhalten wirkt wie eine heillose Flucht nach vorn. Die Angst, zu versagen, tritt deutlich zu tage. Obwohl er auf den ersten beiden Reisen so viel erreicht hat, misst er sein bisheriges Werk mit anderen Maßstäben. Er hat neue Länder entdeckt, die andere aber schon vor ihn besucht haben. Er hat außerdem nach einem Land gesucht, was nicht existierte. Was für einen Wert hat solche „Nichtentdeckung" im Gegensatz zum wirtschaftlichen Nutzen der Entdeckung der Nordwestpassage, die darüber hinaus ihm auch noch ein hohes Preisgeld sichern würde?

Es ist wie so oft in einer steilen Karriere, wenn man das Gefühl verliert, wann der Höhepunkt überschritten ist, stürzt man tief. Und für Cook bahnt sich eine Tragödie an, die er selbst herausforderte. Nicht, weil er sich in diesem einen konkreten Moment falsch verhalten hatte, die Umkehr nach Hawaii war nach dem Mastbruch der „Resolution" zwecks Reparaturen völlig alternativlos, sondern weil er immer aufs neue nach Abenteuer dürstete, ein rastloser Mensch war, der nie auf einer Stelle verharren konnte. Das Glück in all den Jahren stets auf seiner Seite, musste es sich irgendwann gegen ihn wenden. Und es ist letztlich unerheblich, welcher Version der Heerscharen von Geschichtsforschern man den Vorzug gibt, ob Cook als erst gehuldigte und dann enttarnte Gottheit „Lono" nach Hawaii zurücksegelte oder für dessen Bote gehalten wurde, ob er in einer anderen Bucht der Insel nicht angegriffen werden würde oder ob die Europäer durch ihren Versuch, ein Oberhaupt als Geisel zu nehmen, die Stimmung endgültig zum Kippen brachte. Cook sein Ende ist einerseits sicherlich eine Verkettung unglücklicher Umstände, auf der anderen Seite das Resultat eines kaum zu kalkulierenden Restrisikos, was er stets bereit war einzugehen. Und der Film endet mit der Ahnung, dass er keine Sekunde seines abenteuerlichen Lebens bereute.

FAZIT

Bei „Wind und Sterne" habe ich das gleiche Gefühl wie bei „Herr der Ringe". Warum dieser etwas seltsam anmutende Vergleich? Nun, wie bei Jacksons Fantasy-Epos kann ich mir kaum vorstellen, dass es jemand einfallen könnte, nach einer Neuverfilmung zu schreien. So perfekt und mit soviel akribischer Liebe zum Detail ist selten eine TV-Mini-Serie produziert worden und der Aufwand, der hier betrieben wurde, ist in jeder einzelnen Szene zu spüren. Ob man James Cook dabei wirklich bis in den letzten Charakterzug gerecht wurde, will ich mir noch nicht mal anmaßen zu behaupten, doch sein Lebenswerk wird anhand der vorhandenen Fakten angemessen gewürdigt, ohne jedoch ein Heldenmythos zu kreieren. Für alle Seeratten und die, die es werden wollen, schaut euch diesen bunten Bilderbogen an und staunt. So toll kann manchmal Geschichte sein, und wir sind alle dabei gewesen...

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